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Deutsche Geschichte:Der Mann, der die Teilung Berlins untergraben hat

Joachim Rudolph lernte beim Tunnelgraben auch seine Frau kennen.

(Foto: Verena Mayer)

Die Berliner Mauer ist an diesem Montag genauso lange gefallen, wie sie einst gestanden hat. Zu Besuch bei Joachim Rudolph, der vor 56 Jahren Menschen unterirdisch zur Flucht verholfen hat.

Von Verena Mayer

Und als er dann in dem Loch stand und sah, wie sich Freunde und Familien in den Armen lagen, da wusste er, es hat sich gelohnt. Die Schmerzen, der Dreck, die kalte Nässe, der Gestank, die Dunkelheit. All das, was man auf sich nehmen muss, wenn man monatelang in einem Stollen unter der Erde arbeitet, in Zwölf-Stunden-Schichten, die meiste Zeit liegend. Nur, dass Joachim Rudolph das nicht in einem Bergwerk oder einer Mine getan hat, sondern direkt unter der Berliner Mauer. In einem Tunnel, den er 1962 zusammen mit anderen von Westen nach Osten gegraben hat, damit Menschen von Osten nach Westen kriechen können. Auf die andere Seite der Stadt, in die Freiheit.

Heute bittet Joachim Rudolph nach ganz oben, ins oberste Stockwerk seines Hauses im Berliner Viertel Westend. Ein schmaler, fast zarter Mann, man versteht, warum die Leute im Tunnel ihn "den Kleenen" nannten. Er ist inzwischen 79 Jahre alt, pensionierter Lehrer, nichts deutet darauf hin, was er in seiner Jugend gemacht hat. Aber hin und wieder holt Rudolph mit den Armen aus zu einer schaufelnden Bewegung. So, als könnte er sofort wieder irgendwo losbuddeln.

Es ist lange her, dass Geschichten von Fluchttunneln weltweit Schlagzeilen machten. Und es gibt immer weniger Leute, die diese Dinge erlebt haben. An diesem Montag nun wird die Berliner Mauer genauso lange gefallen sein, wie sie gestanden hat, 28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage. Wenn man annimmt, dass aus Ereignissen Geschichte wird, wenn sie länger vergangen sind, als sie existiert haben, dann ist die Berliner Mauer ab dem 5. Februar wahrscheinlich endgültig Geschichte.

Was nicht heißt, dass die Mauer verschwindet, im Gegenteil. Immer wieder tauchen Reste auf, gerade wurde am Rand von Berlin zwischen Bahngleisen und Brachland ein Stück Ziegelmauer entdeckt, das womöglich zu der Sperre gehörte, aus der später die Berliner Mauer mit Todesstreifen, Wachposten und Schießbefehl wurde. Ob das Stück echt ist, wird derzeit geprüft. Und sobald in Berlin irgendwo gegraben wird, kommt die Vergangenheit ans Licht. So wie im Januar am Mauerpark, dem Kiez mit den teuren Wohnungen und Szene-Leuten. Bei Bauarbeiten wurde ein alter Fluchttunnel entdeckt.

Joachim Rudolph wird seinen Tunnel nicht mehr finden, er lief irgendwann mit Wasser voll. Schon im September 1962 war alles voller Wasser, als die Leute durch den Tunnel flüchteten, auf Knien robbend, mit Babys auf dem Arm, eine Frau trug ihr Hochzeitskleid, weil es das Wertvollste war, was sie besaß. 29 Menschen gelang die Flucht aus der DDR, Joachim Rudolph hat die Teilung der Stadt im wahrsten Sinn des Wortes untergraben.

Über seinen "Tunnel 29" gibt es inzwischen Bücher und Filme, schon als die Tunnelgräber zu buddeln begannen, war ein US-Kamerateam dabei, um alles festzuhalten. Es war ja auch zu spektakulär: Wie eine Handvoll junger Männer, die meisten Anfang 20 und Studenten, sich von einem verlassenen Fabriksgelände im Berliner Westen durchackerten in ein Wohnhaus im Osten. 135 Meter durch feuchten Lehm, der bleischwer war und nach Moder stank. Wie sie Tage und Nächte hindurch gruben, Tonnen von Lehm mit Holzwägelchen nach draußen schafften und heimlich wegräumten, damit die Wachposten auf der anderen Seite keinen Verdacht schöpften. Wie durch einen Rohrbruch Wasser in den Tunnel sickerte. Erst versuchten sie, das Wasser selbst abzupumpen, irgendwann war es so viel, dass sie die Berliner Stadtverwaltung bitten mussten, den Schaden diskret zu beheben, was diese auch tat.

Rasieren erst wieder, wenn der Schwester die Flucht gelungen ist

Über jeden Tunnelgräber könnte man einen eigenen Film machen. Hasso Herschel etwa, der sich geschworen hatte, sich erst wieder zu rasieren, bis seiner Schwester die Flucht in den Westen gelungen sei. Am Ende reichte sein schwarzer Bart fast bis zur Brust. Oder Claus Stürmer, der selbst aus dem Osten stammte und als Letzter zu den Tunnelgräbern stieß. Die anderen hielten ihn für einen Spitzel, fesselten ihn und brachten ihn zur Polizei. Die fanden nichts Verdächtiges, Stürmer durfte seine Frau, die er hochschwanger im Osten zurücklassen hatte müssen, durch den Tunnel schleusen. Sie kam mit einem Baby auf dem Arm in den Westen.

Wenn man Rudolph zuhört, hat man nicht den Eindruck, dass es um die spektakuläre und lebensgefährliche Aktion geht, als die der "Tunnel 29" bekannt wurde. Rudolph spricht wie ein Häuslebauer über sein Kellerfundament, über die "lichte Höhe von 80 bis 85 Zentimetern", die der Tunnel hatte, oder die Dicke der Bretter, mit denen sie die Röhre abstützten. So, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, die Studienzeit mit dem Graben eines Fluchttunnels zu verbringen. In gewisser Weise war es das auch, Rudolph ist selbst in den Westen geflohen, zu einer Zeit, als man noch über die grüne Grenze robben konnte. "Ich kannte die Situation von Leuten, die das unbedingt wollen." Es war nicht seine erste Flucht, im Winter 1945 versuchten seine Eltern, mit ihm vor den Russen zu fliehen, der Vater starb dabei.

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