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Kolumne "Alles Gute":Die Rückkehr der Minnesänger

Illustration: Steffen Mackert

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennt. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in dieser vom Coronavirus geplagten Zeit.

"Ich singe, weil ich ein Lied hab, / Nicht, weil es euch gefällt", singt Konstantin Wecker. Dieser Tage haben viele ein Lied. Es begann zum Beispiel mit den Menschen in Siena, die beim "Flashmob sonoro" ihr wunderbares "Canto della Verbena" von den Balkonen schmetterten. Bald darauf fragte man sich, wer dieses famose "Bashana Haba'a" geschrieben hat, das in der Dämmerung durch die Jerusalemer Altstadtgassen hallte. In Florenz wiederum überraschte der Tenor Maurizio Marchini seine Nachbarschaft mit "Nessun Dorma" aus Puccinis Oper "Turandot", in Bochum sangen sie: "Bochum".

Die Welt feiert die Rückkehr der Minnesänger. Barden, die zwar manchmal gefesselt gehören wie Troubadix am Ende eines jeden "Asterix"-Abenteuers, aber immerhin Barden, die einen hoffnungsfrohen Hymnus haben. Auch Balkonklatscher, die jene Helfer feiern, die gerade Übermenschliches leisten.

Sicher, es gibt auch die Eitlen. Typen wie den schottischen Sänger Lewis Capaldi, der ein Video retweetete, in dem sein Song "Someone You Loved" auf einem Balkon zu hören war ("Amazing stuff!", so Capaldi ein bisschen selbstverliebt). Auch sein italienischer Kollege Andrea Sannino wies auf Instagram gerne darauf hin, dass das auf Italiens Straßen dieser Tage häufig verwendete "Abbraciame" aus seiner Feder stamme ("Grazie, grazie, grazie!").

Nun sei in diesen auch für Künstler schwierigen Zeiten wirklich jedem etwas Ruhm gegönnt. Auch den Machern lustiger Videos, die zeigen, warum Gesänge in deutschen Innenhöfen ("Halt's Maul!") oder auf New Yorker Balkonen ("Motherfucker!") nicht so gut ankommen.

Der Mensch - er singt halt, weil er ein Lied hat

Nur: Was singt man denn nun, gemeinsam vom Balkon? Die Evangelische Kirche Deutschland rät zu "Der Mond ist aufgegangen", der Radiosender Antenne Bayern spielt die Bayernhymne. Südlich der Alpen empfahlen Radiosender erst "Dem Land Tirol die Treue", dann "We Are the World", in Wien jagt die Polizei "I am from Austria" durch den Lautsprecher. Andere plädieren für "99 Luftballons", die "Ode an die Freude" oder "Bella ciao". Und in Ohio/USA schickten Eltern ihre Kinder gar mit Saiteninstrumenten auf die Veranda einer eingesperrten Seniorin, um dort Musik zu machen. Geht das nicht ein bisschen weit?

Nein, geht es nicht. Der Mensch - er singt halt, weil er ein Lied hat. Nicht, weil es anderen gefällt.

© SZ/nas
Leben und Gesellschaft In jeder Krise passiert auch Gutes

Kolumne "Alles Gute"

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