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Kolumne "Alles Gute":In jeder Krise passiert auch Gutes

Illustration: Steffen Mackert

Selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennt. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in dieser vom Coronavirus geplagten Zeit.

Eigentlich hätte es eine große Feier werden sollen, dieser 60. Geburtstag: der obere Saal im Restaurant, mindestens fünf Dutzend Gäste, ein Computer mit angeschlossenem DJ, ein Buffetdinner und noch ein paar Überraschungen. Dann kam das Coronatier.

Es wurde schließlich: ein Mittagessen zu Hause, Lachs und Kartoffeln, gekocht vom Sohn und seiner Freundin. Man saß lange beieinander, trank Wein und Wasser, und redete viel. Die Jungen hatten außerdem einen braunen Kuchen gebacken, auf dem zwei Kerzen in Form einer Sechs und einer Null steckten. Vier Menschen, eine Familie. Eigentlich müsste man dem Coronatier danken.

Ja, schon klar, es gibt Menschen, die nicht mehr gern mit denen Zeit in einer Wohnung verbringen, mit denen sie leben. Aber es gibt auch viele, die in den nächsten Tagen und Wochen wiederentdecken werden, was Familie, Freundin oder Partner bedeuten, warum so viele Eltern, auch wenn sie sich selbst sehr und manchmal sogar einander lieben, niemanden mehr lieben als ihre Kinder. Das mag für die Mutter der störrischen 13-Jährigen seltsam klingen, und für die störrische 13-Jährige nahezu schrecklich.

Heute Abend schauen wir Fotos an

Und dennoch wird das sanfte Gefängnis der Ausgangsbeschränkung Familien und Partner dazu bringen, sich wieder mehr miteinander zu beschäftigen. Im Alltag läuft man sich, manchmal nolens, manchmal volens, oft davon. Je älter die Kinder werden, wenn man denn welche hat, desto mehr lebt man miteinander auseinander - gar nicht immer mutwillig, sondern oft nur fahrlässig. Man hat ja so viel zu tun, man ist ja so viel unterwegs.

Nein, man muss dem Coronatier nicht dafür danken, dass es einen in die Wohnung zwingt. Aber wenn es schon so ist, kann man für die geschenkte Zeit miteinander dankbar sein. Etwas Organisation ist wohl nötig: Heute Abend schauen wir Fotos an, alte, nicht die auf dem Handy. Und erzählen Geschichten von den Fotos. Und übermorgen nehmen wir uns mal die zwei Regale vor, die seit Jahren mit gestaltlosen Dingen vollgestopft sind.

Wir leben miteinander in dieser Wohnung. Vielleicht können wir das wieder neu entdecken.

© SZ/mni
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