bedeckt München 22°
vgwortpixel

Corona-Quarantäne in Wuhan:"Wir werden bald wieder frei sein"

Es geht voran: Ärzte von temporär errichteten Krankenhäusern in Wuhan verabschieden sich voneinander und verlassen die Stadt. Mehrere Tage in Folge hat es dort keine Neuinfektionen gegeben.

(Foto: AFP)

Die deutsche Ärztin Silja Zhang steht seit mehr als zwei Monaten in Wuhan unter Quarantäne. Sie erzählt, was sie in ihrem Alltag rettet - und warum der Blick auf ihr Heimatland sich wie eine Zeitreise anfühlt.

Vor acht Jahren ist die deutsche Ärztin Silja Zhang, 36, von München nach Wuhan gezogen. Seit mehr als 60 Tagen steht sie in der Elf-Millionen-Stadt unter Quarantäne, und das bedeutet in ihrem Fall: Sie darf ihre Wohnung, in der sie mit ihrem chinesischen Mann und zwei Hunden lebt, nur in absoluten Notfällen verlassen. Essen bestellt sie online, Sport treibt sie zu Hause, täglich joggt sie auf ihrem Heimtrainer. Bewegung, erzählt sie, sei ungeheuer wichtig, auch, um abends müde zu sein und nicht in gedanklichen Abwärtsspiralen zu versinken. Ein Gespräch darüber, wie die vergangenen zwei Monate sie verändert haben, mit welchem Blick sie auf ihre Heimat Deutschland schaut - und was ihr nun Hoffnung macht.

SZ: Wie würden Sie Ihr Leben in den vergangenen knapp zwei Monaten in einem Satz beschreiben?

Silja Zhang: Es war und ist eine Zeit der Prüfung der persönlichen Charakterstärke.

In Wuhan wurde die Quarantäne am 23. Januar verhängt. Wenn Sie jetzt auf die aktuellen Entwicklungen in Deutschland schauen: Ist das wie ein Blick in die Vergangenheit?

Absolut. Eine Epidemie erfolgt ja auch in der psychologischen Wahrnehmung in Stadien: Zunächst nimmt man sie nicht ernst, aber wenn die ersten Krankheits- oder Todesfälle auftreten, besonders in Bevölkerungsgruppen, die oft als unantastbar erscheinen wie Schauspieler, Politiker oder medizinisches Personal, werden die Menschen nervös. Die ersten Tage zu Hause nach einer Ausgangssperre sind dann aufregend, man muss sich ja erst einmal in der neuen Situation zurechtfinden. Auch in Wuhan wurde von den Balkonen aus gesungen. Aber das ebbt schnell wieder ab. Die Menschen, so habe ich es empfunden, wurden über die Zeit ungeduldiger, teilweise sogar aggressiv. Und irgendwann verfällt man in eine gewisse Lethargie und hofft nur noch auf ein Ende. Ja, ich sehe die gleichen Stufen jetzt auch in Italien und Deutschland, wenn auch vielleicht nicht ganz so extrem ausgeprägt.

Wo sehen Sie Unterschiede?

In Deutschland können sich die Menschen immer noch vergleichsweise frei bewegen. Sie dürfen ihre alltäglichen Besorgungen machen, einige leben in Häusern mit Gärten. In China wohnt die Mehrheit in Hochhäusern, die Menge der Menschen pro Quadratkilometer in den Großstädten ist einfach um ein Vielfaches höher. Hier mussten die Quarantänemaßnahmen viel strenger durchgeführt werden, um bei der Menge der Menschen langsam die Kontrolle zu gewinnen. Quarantäne in Wuhan bedeutet: Außer in Notfällen darf man gar nicht mehr vor die eigene Haustür.

Wie sieht Ihr Tag jetzt aus?

Ich habe als Ärztin in der Klinik ausländische Patienten versorgt, die sind nun fast alle ausgeflogen worden. Also bin auch ich zu Hause. Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, jeden Tag ganz diszipliniert zu verbringen. Ich stehe früh morgens auf, mache den Haushalt, versuche, mich körperlich und mental zu fordern. In unserer Wohneinheit bestellen wir ein- bis zweimal die Woche Lebensmittel online, die teilweise durch Freiwillige an die Tür geliefert werden, teilweise aber auch draußen am Haupteingang der Wohnanlage abgeholt werden müssen. Ich jogge jeden Tag mindestens 90 Minuten auf dem Heimtrainer und mache außerdem noch Krafttraining. Man muss sich ausreichend bewegen, um sich abzulenken und abends müde genug zu sein.

Silja Zhang, deutsche Ärztin in Wuhan

(Foto: privat)

Weil sonst die Gedanken kreisen?

Ja, um nicht in eine Abwärtsspirale zu gelangen. Das wäre auch mein Rat: Körperlich, geistig, seelisch - man muss sich um sich selbst kümmern und versuchen, in die Zukunft zu blicken. Irgendwann wird die Lage wieder besser werden. Auch wichtig: Nur begrenzt online sein. Es ist gut und notwendig, informiert zu sein, aber es darf nicht darin ausarten, seine Gedanken nur noch um das Virus kreisen zu lassen. Auch die Rückbesinnung auf einen Glauben oder sogar das Lesen der verstaubten Bibel kann helfen - wir sind ja nicht die ersten Menschen, die durch eine schwere Zeit gehen. Mir zumindest hat mein Glaube Kraft gegeben.

Sie sind Ärztin, Ihr Mann Arzt. Wann haben Sie begriffen: Das wird eine schwere Zeit?

An der Uniklinik in Wuhan behandeln wir jeden Tag 10 000 Patienten allein in der Ambulanz. Wir haben gemerkt, dass eine neue Erkrankung da ist und sie vermehrt auftritt. Mitte Januar sagte mein Mann zu mir: Die Situation ist wirklich ernst. Wir müssen uns auf etwas gefasst machen.

In Ihrer Rede hat Angela Merkel vergangene Woche an die Bevölkerung appelliert: "Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst." Haben die Deutschen das aus Ihrer Sicht zu lange nicht gemacht?

Es ist ein Privileg, in einem reichen, sicheren Land wie Deutschland aufzuwachsen und dort leben zu können. Aber auch das realisiert man erst, wenn man in die Welt zieht und andere Lebensumstände sieht. Die Bevölkerung im asiatischen Raum war einfach von Anfang an sehr vorsichtig, weil die Erinnerung an Sars und Mers noch sehr in den Köpfen der Menschen ist. Dadurch waren eigentlich alle ohne Zögern bereit, sich an die strengen Maßnahmen zu halten. Sie hatten einfach Angst vor einer Wiederholung.

Was aus Ihren Erfahrungen würden Sie den Menschen in Deutschland gerne mitgeben?

Es ist keine normale Grippe! Covid-19 scheint deutlich infektiöser und lebensgefährlicher zu sein. Und sie mag vor allem für Ältere und Immungeschwächte gefährlich sein, aber hier in China haben wir genügend schwere Verläufe und auch Todesfälle bei vermeintlich jungen, ab 20-Jährigen, gesunden Menschen erlebt. Selbst wenn Sie keine Älteren oder Immungeschwächte in Ihrem Umfeld haben, dann bleiben Sie wenigstens zu Hause, um die Ausnahmesituation in Deutschland nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Ich wünschte mir, jeder könnte einmal einen Tag in einer Klinik in Italien oder China erleben. Was dort abläuft, gleicht einem Krieg. Bei uns wurden teilweise ganze Familien ausgelöscht, weil sich eine Person infiziert hatte und alle anderen ansteckte.

Wie ist die aktuelle Lage in Wuhan? Gibt es Lockerungen der Quarantäne?

Wir hatten jetzt fünf Tage in Folge, an denen es keine neue Erkrankung gab. Das gibt Hoffnung. Es gibt zaghafte Erleichterungen. Wenn man ein Gesundheitszeugnis vorlegen kann, ist es in Ausnahmefällen erlaubt, nach draußen zu gehen. Die Körpertemperatur wird aber trotzdem weiterhin an den Ausgängen der Wohnviertel gemessen. Berichte in den Medien über eine Öffnung der Stadt kann ich leider noch nicht bestätigen.

Wann glauben Sie, gibt es wieder einen Alltag?

Wir erwarten, dass wir nicht vor Anfang April in die Normalität zurückkehren werden. Die Stadt soll offiziellen Angaben zufolge mindestens 14 Tage ohne Neuinfektion überstehen. Aber dass der Rest des Landes jetzt langsam wieder die Arbeit aufnimmt, erleichtert uns das Leben auch sehr. Unsere Versorgung ist sichergestellt, und das zeigt uns: Auch wir werden bald wieder frei sein.

Was werden Sie dann als Allererstes machen?

Einen langen Spaziergang mit meinem Mann und unseren beiden Hunden am Strand des Yangtse-Flusses. Und ich freue mich auf das erste Treffen mit meinen Kollegen. Wir haben uns zu lang nicht mehr gesehen.

© SZ.de/marli
China Sicherheit, die krank macht

China

Sicherheit, die krank macht

Millionen Menschen mussten in China zu Hause bleiben. Erste Untersuchungen zeigen, wie dramatisch die psychosozialen Folgen einer massenhaften Isolation sind.   Von Lea Deuber

Zur SZ-Startseite