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SZ-Kolumne "Alles Gute":Zupfen, pflegen, genießen

Alles Gute

Vielleicht ist 2020 nicht nur eine neue Tomaten-, sondern auch eine neue Gärtnergeneration herangewachsen?

(Foto: Titus Arnu)

Daheim bleiben hieß für manche vor allem: Gartenarbeit. Nun ist Erntezeit - und so üppig wie im Corona-Jahr fiel die noch nie aus.

Von Titus Arnu

Es ist Herbst, Erntezeit im Garten, aber so üppig war der Ertrag noch nie. Fast täglich ernte ich eine Schüssel voll mit Tomaten, Gurken, Zucchini, Mangold, Salat, Kräutern. Auch ein paar Kartoffeln habe ich gepflanzt, nur die Kürbisse sind nichts geworden, sie fielen in einem frühen Stadium den Schnecken zum Opfer. Dafür sind die Tomaten eine Pracht: Ochsenherzen, kleine Cocktailtomaten, San Marzano, blaue und gelbe Sorten.

Die Rekordernte habe ich einem Freund zu verdanken, der mir im Frühjahr eine ganze Kiste voller junger Tomatenpflanzen schenkte - und vor allem der Corona-Pandemie. Noch nie war ich so lange am Stück zu Hause, noch nie habe ich so viel Zeit im Garten verbringen können. Fast täglich habe ich mich um die Tomaten in ihren Töpfen, um den Salat und die Kräuter in den Hochbeeten gekümmert, habe regelmäßig gegossen, gezupft, gepflegt - und genossen.

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Ein eigener Garten ist Luxus. Im Laufe dieses seltsamen Jahres wurde er mir immer wertvoller. Die pandemiebedingten Beschränkungen lassen sich leichter ertragen, wenn man ein eigenes Freilaufgehege hat, in dem man sich gefahrlos bewegen und auch Freunde treffen kann. Händewaschen und Mindestabstand brauche ich im Umgang mit den Pflanzen nicht. Ich gebe zu, es ist eine sinnliche Lust, mit dreckigen Fingern in der Erde zu wühlen, anstatt sie dauernd desinfizieren zu müssen. Wer einen Garten hat, erlebt den Kreislauf der Natur ganz konkret, und das lehrt Demut. Vor Naturgewalten, vor Schädlingen, auch vor Krankheiten.

Gartenarbeit ist heilsam für den Geist. Man erdet sich selbst, was angesichts der Panik um einen herum äußerst wohltuend ist. Die Pflanzen bleiben unbeeindruckt von der Weltlage, sind nur abhängig von Wasser, Sonne und Pflege. Diese stoische Grundhaltung ist sehr angenehm. Ich kann in Gesellschaft von Pflanzen besonders gut lesen und schreiben. Das Home-Office war im Sommer vor allem ein Garden-Office. Im Schatten eines Sonnenschirms sitzend, mit Blick auf die Tomaten, den Teich und das Blumenbeet.

Offensichtlich geht es vielen Menschen so wie mir. Vielleicht ist 2020 nicht nur eine neue Tomaten-, sondern auch eine neue Gärtnergeneration herangewachsen? Der Garten ist der beste Ort, an dem man sich in diesem Jahr aufhalten kann, und er dankt es einem auch noch im Überfluss. Dank zurück!

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/afis
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