bedeckt München

Haustiere:Heimatlose Hühner

Hühnerhaltung als Hobby in Corona-Zeiten

Hühner im Garten sind nicht so romantisch, wie sich das mancher Möchtegern-Selbstversorger vorstellt. Sie machen Dreck, verwandeln den Rasen in eine Kraterlandschaft und verbreiten keinen besonders lieblichen Duft.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/picture alliance/dpa)

Seit Beginn der Corona-Pandemie liegt Geflügelhaltung im Trend. Doch die Mode-Haustiere machen auch Dreck und Arbeit, deshalb werden immer mehr von ihnen ausgesetzt. Das Berliner Tierheim meldet bereits einen "Hühner-Notstand".

Von Titus Arnu

Hotte und Kalle sind hübsche junge Kerle, aber derzeit nicht vergeben. "Noch verstehen sie sich untereinander gut", heißt es in der Kontaktanzeige, "in Zukunft bräuchten sie aber jeder für sich einen kleinen Harem, damit die Männerfreundschaft nicht zerbricht, wenn die Hormone ins Spiel kommen." Die beiden heimatlosen Zwerghähne kommen vielleicht schon bald ganz groß raus, wenn sie Anschluss an eine weibliche Hühnerschar finden, hofft man beim Tierschutzverein Berlin.

Auch Eberhard, Hugo und August suchen ein neues Zuhause. Die drei weißen Gockel sind auf der Website des Berliner Tierschutzvereins unter der Kategorie "sonstige Nutztiere" aufgeführt. Das Trio, im Begleittext als "charmante Gruppe" angepriesen, wurde wie viele Artgenossen beim Berliner Tierheim abgegeben. Hauptsächlich werden dort Katzen und Hunde an neue Herrchen und Frauchen vermittelt, aber derzeit sind überdurchschnittlich viele Hühner und Hähne in den Gehegen untergebracht. Die Kapazitäten für Geflügel seien erschöpft, sagt Tierheim-Sprecherin Annette Rost. "Hühner-Notstand im Tierheim Berlin", kräht es laut von der Website der Einrichtung.

Zwerghühner und anderes Federvieh sind gerade ein Riesenthema. Private Hühnerhaltung ist in diesem seltsamen Jahr zum Trend geworden, auch in Großstädten wie Berlin. Hühner gelten als hip. Die Corona-Pandemie hat die Sehnsucht nach Selbstversorgung noch verstärkt. Bis zu zehn Hühner gelten selbst in Berlin-Mitte als "ortsüblich" und sind ohne Weiteres zulässig, die Veterinärämter verzeichnen einen deutlichen Anstieg der privaten Geflügelhaltung.

Hühnerställe waren im Baumarkt ausverkauft

Im Frühjahr waren pflegeleichte Anfänger-Rassen wie Vorwerk, Barnevelder und Araucana vielerorts ausverkauft. Wer einen Stall-Bausatz beim Baumarkt oder bei landwirtschaftlichen Spezialfirmen bestellen wollte, musste sich auf wochenlange Lieferzeiten einstellen. Für die kurzfristige Erfüllung der Hühnerliebe verschicken Vermietungsfirmen wie "Miete ein Huhn" lebendes Leihgeflügel quer durch Deutschland - inklusive Stall, Futter, Tränke, Zaun und Streu.

Zwischen der romantischen Idee vom Huhn und dem real existierenden Tier gibt es dann allerdings doch eine Diskrepanz. Das echte Huhn macht Dreck, verwandelt den Garten in eine Kraterlandschaft und verbreitet keinen besonders lieblichen Duft. Zur artgerechten Haltung gehören nicht nur Zaun, Futter und Stall, Hühner brauchen auch ein Sandbad, genügend Platz zum Scharren, Schattenplätze und Sträucher, unter denen sie sich verstecken können. Das Huhn ist eben nicht nur ein Hobby, das Huhn stellt auch gewisse Ansprüche. Die wenigsten Stadtbewohner können diesen offenbar gerecht werden. Und wenn das Federvieh dann allzu lästig wird, landet es eben auf der Straße oder im Tierheim.

Solange eine artgerechte Unterbringung gegeben ist, sei Hühnerhaltung in der Großstadt prinzipiell kein Problem, sagt Tierheim-Sprecherin Annette Rost. Aber man dürfe nicht vergessen, dass es hier um Lebewesen geht, die genauso Bedürfnisse haben wie Hunde, Katzen oder andere beliebte Haustiere: "Verkaufsslogans wie 'Huhn to go' degradieren die Tiere zu Gegenständen." Dabei sind Hühner keine hirnlosen Eierlegemaschinen, sondern sehr soziale Tiere, die Beständigkeit und Zuwendung schätzen. Das gilt auch für Hotte, Kalle, Eberhard und die anderen heimatlosen Gockel, die sich nach einem neuen Hühner-Harem sehnen.

© SZ/nas
Young Woman Trimming Hedgerow in Backyard

SZ PlusGarten
:Die perfekte Hecke

Der Herbst ist die beste Zeit, um eine Hecke zu pflanzen. Für die meisten Gartenbesitzer gilt: Sichtschutz vor Naturschutz. Dabei gäbe es eine Reihe von Optionen, die beides vereinen. Über gute und böse Sträucher am Gartenrand.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite