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Corona in Italien:Sommer, Sonne und Plexiglas

The beaches of Riccione

Der Strand in Riccione. Italien denkt nun darüber nach, wie der Badeurlaub diesmal funktionieren könnte.

(Foto: Getty Images)

Schichtbetrieb für Badende, Plexiglasboxen für den Strand oder Maskenpflicht auf der Sonnenliege? Italien denkt über den Sommer in Zeiten von Corona nach.

Durch Italien weht eine Debatte, die sich so leicht anfühlt wie ein Sommerwind. Sie tut der Seele gut, nach all den Dramen und Tragödien. Die Diskussion dreht sich um die Frage, was wohl aus der Fahrt ans Meer wird in diesem verrückten Jahr, aus den Strandferien, wenn es überhaupt welche geben wird. Man muss sich das mal vorstellen. Ein Sommer ganz ohne Sommer?

Der Sommerurlaub ist in Italien so viel mehr als eine Auszeit, er ist ein kollektiver Ritus, eine mittlere Völkerwanderung. Es ist der Moment, in dem sich ein ganzes Volk darauf besinnt, dass sein Land, das zu einem schönen Teil aus Bergen und Tälern besteht, eine siebentausend Kilometer lange Küste hat. Viele Italiener verbringen ihren Urlaub immer am selben Ort, im selben Strandbad, wenn möglich unter demselben Sonnenschirm.

Reihe 47? Man bucht meistens schon fürs Jahr darauf, sicher ist sicher. Man weiß dann, dass die Spaghetti alle vongole im Strandbad richtig schmecken, die frittierten Calamari, die Panzanella. Man trifft dieselben Leute, dieselben Familien, denn ja, man reist als Familie an die Lieblingsorte, alle dabei: die Kleinsten, die mittleren Generationen, die Nonni.

"Wir werden auch in diesem Sommer an den Strand gehen"

Corona trennt die Familien und verbietet das Zusammensein, ist ein Sommer dennoch möglich? Kommt darauf an, wem man zuhört. Den rundum bekannten Virologen, denen die Vorsicht nie genug groß sein kann, oder Politikern mit Sinn für die Sehnsüchte der Menschen, den Strandbetreibern mit der Furcht vor einem Saisonausfall. Lorenza Bonaccorsi, Staatssekretärin im Ministerium für Kultur und Tourismus, sagte vor einigen Tagen: "Wir werden auch in diesem Sommer an den Strand gehen, in der Regierung arbeiten wir dafür, dass es möglich wird."

Das heißt, es wird darüber nachgedacht, mit welchen Einschränkungen es unter Umständen möglich gemacht werden könnte, irgendwie. Vielleicht hilft die trockene Hitze des europäischen Sommers ja doch und besiegt das Virus. Es schwingen da also noch eine Menge Konditionale mit. Die Alternative wäre, dass die Menschen in der Bruthitze in ihren Wohnung bleiben, in den aufgeheizten Städten, und das kann auch nicht die Lösung sein.

Deshalb läuft nun ein Wettbewerb der Ideen. Zunächst gibt es da den Vorschlag einer Firma aus Modena, der es in alle Medien schaffte. Sie findet, die Plexiglaswände, die sie gerade in großer Zahl für die Kassen in den Supermärkten und in den Apotheken und für die Schalter in Banken und Ämtern herstellt, wären auch leicht ausbaubar zu Boxen für den Strand. 4,5 Meter mal 4,5 Meter, mit einer 1,5 Meter breiten Öffnung. Das Unternehmen zeigte schon mal Simulationen seiner Idee, sieht gar nicht schlecht aus. Aber wie fühlt sich das wohl drinnen an, in den Boxen, bei 40 Grad?

Mindestabstand zwischen Sonnenschirmen statt Plexiglas

Der Bürgermeister von Rimini, Andrea Gnassi, versteht etwas von diesen Dingen, seine Stadt steht sinnbildlich für die Batteriebelegung der Strände. Gnassi hält die Geschichte mit den Plexiglasboxen für eine klassische Schnapsidee aus dem Netz. Wahrscheinlicher ist, dass der Staat eine üppig bemessene Mindestdistanz zwischen den Sonnenschirmen vorschreiben wird - fünf, zehn, fünfzehn Meter?

Die Vereinigung der Strandbadbetreiber, der etwa 30 000 Besitzer öffentlicher Lizenzen angehören, überlegt sich gerade die Einführung einer Reservationspflicht: So soll verhindert werden, dass es zu spontanen Anstürmen kommt, zu Staus vor den Eingängen. In Sabaudia bei Rom prüfen sie die Möglichkeit eines Schichtbetriebs nach Altersgruppen: Am frühen Morgen sollen die gefährdeten, betagteren Menschen baden gehen dürfen, ab Mittag dann die jüngeren, die ohnehin ausschlafen. Die Gemeinschaftsduschen sollen ständig desinfiziert werden, der Sand offenbar auch, einmal am Tag.

Die Bars? Dürfen ihre Gäste nur unter dem Sonnenschirm bedienen, an der Theke droht zu große Nähe. Und wer seinen "Ombrellone" verlässt, soll eine Schutzmaske tragen. Es gibt Stimmen, die, nun ja, eine durchgehende Maskenpflicht fordern. Die Teilgesichtsbräunung könnte es vielleicht sogar zum Modetrend bringen. Aber mit der Maske in die Wellen?

Tourismusministerium denkt über "Holiday-Bonds" nach

Zur Debatte steht auch, dass die Italiener nur an die Strände in ihren jeweiligen Wohnregionen fahren dürfen. Die Calabresi an die kalabrischen, die glücklichen Sarden an die tollen sardischen, die Apulier an die apulischen. Die Frage ist, wo die hingehen, die in Regionen ohne Küste leben: die Lombarden, die am meisten Erholung verdient hätten, die Bewohner Umbriens, des Piemonts, des Trentinos und Südtirols.

Im Tourismusministerium denken sie über einen "Urlaubsbonus" nach: 300 Euro für jede Familie, die Ferien in Italien macht. Ein Bürgermeister im Cilento, dem lieblichen Küstenstreifen südlich von Salerno, so etwas wie die Amalfiküste für Eingeweihte, schlägt die Ausgabe von "Holiday-Bonds" vor: Wer die Anleihen heute erwirbt und damit die Industrie unterstützt, soll dafür bis Ende 2022 zu guten Bedingungen buchen können in der Region.

Aus dem Ausland werden in diesem Sommer ja wohl nicht viele Gäste kommen, da ist man auf die Treue der Einheimischen angewiesen. Und wenn man bedenkt, dass der Fremdenverkehr in normalen Zeiten für fünf Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts steht, mit der Zulieferindustrie gar noch mehr, dann versteht man die Sorge im Land.

"Das Virus trifft den Tourismus mitten ins Herz", sagte Andrea Gnassi aus Rimini der Zeitung La Repubblica. Doch die Romagnoli seien Prüfungen gewohnt, im Krieg habe man 380 Bomben überlebt. Wenn die Saison nur um die Hälfte einbrechen würde, was eine eher optimistische Prognose ist, verlöre allein die Riviera Romagnola, von Ravenna über Rimini und Riccione bis Cattolica, etwa vier Milliarden Euro. Manche Orte Italiens leben eben das ganze Jahr vom Sommer, vom Ritus, dem schönen, leichten und immer selben.

© SZ/afis

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