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SZ-Serie "Alles Gute":Familiäres Lagerfeuer

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Seit das Coronavirus die Menschen aus den Büros, Kitas und Schulen vertrieben hat, feiert eine fast vergessene Zusammenkunft Renaissance: das Mittagessen.

Von Henrike Roßbach

Das Mittagessen war eine Konstante meiner Kindheit. Meine Mutter war zwar durchaus berufstätig, was im südhessischen Neubaugebiet der frühen Achtzigerjahre für die ein oder andere hochgezogene Augenbraue unter den Hausfrauenmüttern der Nachbarschaft sorgte. Aber sie war Lehrerin, weshalb dem Mittagessen zu Hause an den allermeisten Tagen nichts im Wege stand. Und das war, wenn es nicht gerade Karotten gab, großartig.

Seit nun das Coronavirus uns alle aus Büros, Kindergärten und Grundschulen vertrieben hat, feiert das Mittagessen in meinem Leben eine nicht für möglich gehaltene Renaissance. Und das ist, inmitten unseres pulverisierten Alltags mit all seinen Tücken, ein großes Glück.

Mittagessen, das ist in anderen Zeiten für die große Tochter "irgendwas mit Soße, hat nicht geschmeckt" in der Schulcaféteria. Mein Mann hält es mittags mit "Intervallfasten, sehr gesund", und ich krümle am Schreibtisch wahlweise mein mitgebrachtes Brot in die Tastatur oder stelle mich in die Salat-zum-Mitnehmen-Schlange im Laden gegenüber. Nur unsere Jüngste ist fein raus, für sie kocht die gute Kita-Fee, und zwar offenbar so großartig, dass ein Nachkochversuch meinerseits kürzlich mit wenig mehr als Verachtung quittiert wurde.

Corona jedenfalls sorgt bei uns für die Rückkehr des Mittagessens als eine Art familiäres Lagerfeuer mitten am Tag, eine Generalpause zwischen Arbeitsblättern, Lern-App, Telefonkonferenzen und "Mir ist so langweilig". Hielte ich Kochen für das Hinterletzte, wäre meine Gemütslage vermutlich eine andere, aber ich koche eigentlich ziemlich gern.

Klar, es gibt auch Tage, die sind heimarbeitstechnisch so turbulent, dass ein Brot geschmiert und die Kinderzimmertür schnell wieder zugemacht wird. Und auch an den anderen Tagen gibt es "nothing fancy", also nichts, was auf Instagram für Ahs und Ohs sorgen würde. Aber dennoch: Wenn es klappt, das Zusammensitzen zur Mittagszeit, selbst wenn nur kurz, dann ist das für uns eine Form von "Beruf und Familie", die vor Corona vollkommen undenkbar gewesen wäre. Ein Trostpflaster, wo ansonsten doch gerade verdammt viel ganz schön wehtut.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute.

© SZ/lot
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