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SZ-Kolumne "Alles Gute":Stille, bleib doch!

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Seit die Kneipen vor dem Coronavirus die Türen schließen und Menschen davor keine Trauben mehr bilden, ist es ruhig in den Straßen.

Von Violetta Simon

Gerade fragen sich viele, wann es vorbei sein wird. Wann sie sich wieder hinauswagen dürfen ohne Alibi-Einkaufstasche in der Armbeuge. Sich zum Picknick auf einer Decke versammeln, ohne den Dritten wegzuschicken. Und vor allem: wann sie sich wieder offiziell in die Sonne setzen und ein Getränk bestellen dürfen, eines mit Schaum obendrauf, das nicht verlegen in der Flasche über ein Kioskfenster gereicht, sondern in einem Steinkrug serviert wurde. Dann, ja dann wäre endlich richtig Sommer.

Wann der Sommer beginnt, ist in der Stadt nämlich keine Frage der Jahreszeit. Der Sommer beginnt, wenn Menschen auf Stühlen sitzen, die von Fußgängern und Radfahrern umrundet werden. Wenn orangefarbene Aperitifs in bauchigen Gläsern viele kleine Sonnenuntergänge auf die Tische werfen. Wenn zufriedenes Gemurmel und Gläserklirren die Vögel übertönen, die die Dämmerung ansingen.

Der Sommer beginnt aber auch, wenn es laut wird vor dem Fenster. Wenn nachts das große Stühlerücken beginnt, das metallische "Quietsch-Zack" der Tische, die von den Ladenbesitzern zusammengeklappt werden. Wenn die Raucher jedes Mal von einem Lärmschwall auf den Gehsteig gespült werden. "Ach warte, ich komme mit!" Auf, zu, auf, zu. Nach der Sperrstunde tröpfeln die Gäste hinaus, bleiben stehen für den letzten, den allerletzten Kalauer.

Genau deshalb wollte man unbedingt dort wohnen. Weil das Leben pulsiert, weil man es sehen und hören kann, wenn man den Kopf hinaussteckt. Nachts jedoch zweifelt die Schlafsuchende am eigenen Verstand, wälzt sich, döst, schreckt auf. Das Kopfkarussell springt an, der Puls steigt, Mordfantasien lösen Träume ab. Und mit der Morgenröte tritt die Erkenntnis zutage: Ja, auch das ist Sommer.

Wer sich die Ausgangsbeschränkung mit all ihren bedauerlichen Begleitumständen schönreden will, kann also die Augen schließen und lauschen: Seit zwei Wochen schläft man jetzt bei geöffnetem Fenster - zum ersten Mal seit Jahren - und erwacht höchstens, weil der Mensch auf der Nebenmatratze sein Gaumenzäpfchen schlottern lässt. Morgens um sieben hört man die Vögel zwitschern statt die Klappstühle der Caféteria quietschen.

Die Stille als erwünschte Nebenwirkung, wenigstens das darf gerne eine Weile so bleiben. Der Sommer in der Stadt? Kann warten.

© SZ/lot

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