bedeckt München 17°
vgwortpixel

SZ-Kolumne "Alles Gute":Nieder mit den Schul-Tyrannen

Homeoffice und Corona: Warum es nervt und trotzdem lustig ist

Illustration: Steffen Mackert

Die Typen, die einen auf dem Pausenhof drangsalieren, sind in Corona-Zeiten abgemeldet. Genauer gesagt: am Handy geblockt. Sehr zum Wohlergehen mancher Zehnjähriger.

Und dann verblüfft einen der zehn Jahre alte Sohn, der vom Gemüt her einem Teenager-Punk ähnelt, während des Spaziergangs am Strand von Hermosa Beach in Los Angeles mit einer erstaunlichen Erkenntnis. Man hat ja mittlerweile viel gelesen übers Zusammenleben während der Ausgangssperre: über häusliche Gewalt zum Beispiel, die in dieser Familie in jeder Hinsicht undenkbar ist, schon deshalb, weil die Mutter vom Gemüt her einem erleuchteten buddhistischen Mönch ähnelt. Von Isolation und Lagerkoller, und natürlich auch davon, dass die anderen derweil einen gälischen Dialekt lernen, Masken nähen oder sich in die Form ihres Lebens trainieren.

Man bekommt den Eindruck, selbst alles falsch zu machen, was man falsch machen kann - doch dann sagt dieser junge Mann, und zwar so, wie ein erleuchteter buddhistischer Mönch es sagen würde: "Ich finde es ganz gut so, wie es ist."

Natürlich vermisse er Sport (er ist davor ins Eishockey-Jugendteam der Los Angeles Kings aufgenommen worden), das Abhängen mit Freunden, das Surfen im Ozean. Er sagt jedoch, dass ihm Schule vorkomme wie eine Mischung aus Militär und Gefängnis: stundenlang ruhig sitzen, sprechen nur mit Erlaubnis, lernen nach Stundenplan. Nun könne er sich seinen Tag selbst einteilen, und er verweist auf seine Mathe-Noten, bislang nicht eine seiner Stärken, seit der Umstellung auf Heim-Schule: Einsen, ausschließlich.

Das Musik-Notizbuch, das die Eltern niemals lesen dürfen

"Ich werde von niemandem mehr gehänselt", sagt er, und es stellt sich heraus, dass es in dieser Schule ein paar Tyrannen gibt, die anderen das Leben zur Hölle machen. Er habe diese Leute auf seinem Telefon (sein Kontaktmittel zu Freunden) geblockt, was den schönen Nebeneffekt habe, dass er sich nun umso mehr um seine wahren Freunde kümmern könne. Die schicken sich gegenseitig Videos von Skateboard-Tricks, witzigen Tänzen und Experimenten wie etwa, ob es schmeckt, wenn man Vanilleeis, Kekse und Milch in einen Mixer wirft. Hin und wieder fragt er nach Reimen (ob etwa die englischen Wörter "elephant" und "intelligent" funktionieren), dann kritzelt er was ins Musik-Notizbuch, das die Eltern niemals lesen dürfen.

Er muss keine Uniform mehr tragen - sondern darf aussehen und sein, wie er nun mal ist. Er ist: glücklich. Man merkt regelrecht, wie der Druck von diesem Kind abfällt und wie er vom Teenager-Punk zum fröhlichen Zehnjährigen wird, noch immer Punk, klar, aber eher Green Day als American Nightmare. Er freut sich auf das Ende der Ausgangssperre, aber er würde sich noch mehr freuen, wären dann ein paar Dinge noch so, wie sie jetzt sind.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/min
Hausaufgabenbetreuung in der Bayernkaserne in München, 2019

SZ Plus
Corona-Krise
:"Hallo, liebe Eltern"

Wie schreibt man ein scharfes S? Was ist ein Wochenplan? Plötzlich sollen auch die Familien von Kindern an Brennpunktschulen so etwas wissen, viele sind überfordert. Eine Mutter will das ändern.

Von Susanne Klein

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite