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SZ-Kolumne "Alles Gute":Lass Zettel sprechen

Corona und Alltag

Illustration: Steffen Mackert

Nicht nur Video-Telefonie oder digitale Treffen sind gerade in Mode. In der Krise findet auch die analoge Kommunikation kreative Wege.

Von Benedikt Peters

Der Zettel hing eines Tages an der Haustür. Das Papier war blau und zeigte Comicfiguren, die Gitarre spielten und sangen. "Danke", schrieb da eine Lilli, "an Diejenigen, die Musik, Klatschen und Stimmung in unserem Hinterhof machen!!!" Sie lebe allein, durch die Musik aber fühle sie sich mit den anderen verbunden. Wer sie nicht kenne: "Die mit der Lichterkette am Balkon, Mittelhaus, zweiter Stock."

Über Kommunikation in Zeiten von Corona ist schon viel geschrieben worden. Menschen veranstalten digitale Dinner oder rufen per Videocall die Großeltern an; die Mitarbeiter von App-Anbietern wie Zoom oder Skype dürften zu den wenigen zählen, die sich gerade nicht um ihre Jobs sorgen müssen. Corona beeinflusst aber nicht nur die digitale Kommunikation, sondern auch die gute alte analoge. Die Pandemie lässt die Menschen kreativ werden, um den Ausgangsbeschränkungen zum Trotz miteinander in Kontakt zu bleiben.

Beinahe überall im öffentlichen Raum wimmelt es von bunten Botschaften, mal kleben Zettel an Laternen oder Schaufenstern, mal hat jemand etwas mit Kreide auf den Asphalt geschrieben. Da bieten Menschen anderen Hilfe an, beschwören den Zusammenhalt, formulieren Durchhalteparolen.

Sprechanlage statt Spontanbesuch

Nicht immer aber ist Aufmunterndes zu lesen. Manchmal beschwert sich auch einer. Ein Nachbar nämlich hatte ebenfalls Lillis Zettel gesehen, er war aber weniger erfreut über die musikalischen Einlagen der Studenten im Hinterhof. "Manch einer braucht auch Ruhe, obwohl alleinstehend!!!", kritzelte er mit Kuli auf Lillis Zettel.

Die Botschaften werden jedoch nicht nur in schriftlicher Form überbracht. Das bewies neulich der Mann, der die Gegensprechanlage einem neuen Nutzen zuführte. Der Herr, um die fünfzig, kam gerade vom Einkaufen, die Packung Küchenrolle unter seinem Arm ließ keinen Zweifel. Er klingelte an einem Wohnhaus, dann meldete sich jemand.

Mann: "Hallo Heidrun, ich bin's!" Heidrun, durch die Sprechanlage: "Hallo! Ich lass dich jetzt aber nicht rein!" Mann: "Nein, das wollte ich auch gar nicht. Ich komm' nur gerade vom Einkaufen und dachte, ich hör' mal, ob es dir gut geht. Brauchst du was?" Heidrun: "Nein, danke, es geht mir gut!" Mann: "Okay, bleib gesund!"

Dann ging er pfeifend weiter.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

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