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Denkmalsturz in Bristol:Ikone eines Neubeginns

People take pictures of the sculpture of a Black Lives Matter protester standing on the empty plinth previously occupied by the statue of slave trader Edward Colston, in Bristol

Wo einst der Sklavenhändler Colston auf Bristol blickte, richtet nun die Skulptur der Bristoler Bürgerin Jen Reid den Blick nach vorne.

(Foto: Rebecca Naden/Reuters)

Wo Demonstranten die Statue des Sklaventreibers Colston vom Sockel holten, reckt nun die Skulptur einer bislang unbekannten Person die Faust in die Höhe. Sie ist weiblich und schwarz.

Von Martin Zips

Über Nacht stand eine neue Statue da. Dort, wo wütende Demonstranten im britischen Bristol zuletzt eine mehr als hundert Jahre alte Bronze vom Sockel gestürzt hatten, die den Sklavenhändler und Politiker Edward Colston zeigte, steht nun, mit hochgereckter Faust: die Statue einer Demonstrantin der "Black Lives Matter"-Bewegung. Wie kam es dazu?

Die Britin Jen Reid, Mutter einer Tochter, hatte Anfang Juni beschlossen, gemeinsam mit ihrem Ehemann an der Demonstration in der Innenstadt von Bristol teilzunehmen. Keine Ahnung habe sie damals gehabt, dass diese Stunden ihr Leben verändern würden. Der Sturm auf das Bildnis durch die Demonstranten, die Versenkung im Hafen, das sei ein unglaublicher Moment gewesen.

Das einzige schwarze Mädchen in der Klasse

In Kindertagen war Jen Reid das einzige schwarze Mädchen in ihrer Klasse. Oft, so erzählte sie dem britischen Fernsehsender Channel 4 News in einem Interview, habe sie unter Rassismus gelitten und nie daran geglaubt, dass sich die Situation in ihrem Land einmal ändern würde. Doch dieser Tag fühlte sich für Reid irgendwie anders an.

Jemand habe sie im Trubel aufgefordert, auf den Sockel zu steigen, berichtet sie. Und so verdrängte Jen Reid ihre Höhenangst, kletterte hinauf und reckte ihre Faust in die Höhe. Vor allem "für George Floyd", den durch Polizeigewalt in Minnesota um Leben gekommenen Afroamerikaner, sei ihre Geste gedacht gewesen. Floyds Tod gilt als Auslöser der "Black Lives Matter"-Bewegung. Doch Jen Reid dachte auch an alle anderen Menschen, die seit Jahrhunderten wegen ihres Aussehens, ihrer Nationalität, Identität oder ihres Geschlechts unter Diskriminierung und Anfeindungen leiden. Sie dachte auch und gerade an die dunkelhäutigen Frauen.

A sculpture of a Black Lives Matter protester stands on the empty plinth previously occupied by the statue of slave trader Edward Colston, in Bristol

Alles wegen einer Geste im entscheidenden Moment: Quasi über Nacht wurde diese Frau im britischen Bristol zur neuen Ikone der "Black Lives Matter"-Bewegung.

(Foto: Rebecca Naden/Reuters)

Als ihr Mann Al ein Foto von ihr auf dem Sockel machte und ins Netz stellte, ging das Bild sofort viral. Die "Black Lives Matter"-Bewegung hatte ein neues ikonografisches Bild für ihre Anliegen gefunden - in Großbritannien, aber auch anderswo.

In nur wenigen Tagen ist es nun dem britischen Künstler Marc Quinn mithilfe eines 3-D-Druckers gelungen, aus Reids Geste ein Kunstwerk zu formen. "Wenn du dich in Situationen der Ungerechtigkeit neutral verhältst, hast du dich auf die Seite des Unterdrückers gestellt", so zitiert Quinn den südafrikanischen Bischof Desmond Tutu. Bereits im Jahr 2004 hatte der Künstler mit dem Bildnis eines Körperbehinderten am Londoner Trafalgar Square öffentliches Aufsehen erregt.

Statue Of BLM Protester Placed On Colston Plinth In Bristol

Korrektur mit Kreide: Statt "erected" (aufgestellt) prangt auf der Sockeltafel des Vorgängers nun "rejected" (abgelehnt).

(Foto: Matthew Horwood/Getty Images)

Diesmal arrangierte Quinn mehr als 200 Kameras, um Jen Reid in ihrer berühmt gewordenen Pose zu fotografieren. Nachdem die Skulptur aus Harz vollendet war, wurde sie noch am selben Abend mit Hilfe eines Autokrans (und unter Duldung der Behörden) auf jene Position gehoben, von der jahrzehntelang der Sklavenhändler Colston auf Bristol geblickt hatte. Das Wort "erected" (aufgestellt), das auf der Sockeltafel dem Vorgänger huldigte, hatten Demonstranten zu "rejected" (abgelehnt) überschrieben.

Sogleich stellte sich Jen Reid vor die Statue, vor all den Kameras und Fotografen. Noch einmal reckte sie ihre Faust in die Höhe. So glücklich wie in diesem Moment, sagte sie später, sei sie noch nie gewesen.

© SZ/vs/nas
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