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Überfälle in Brasilien:Angriff um Mitternacht

Zehn bis 20 bewaffnete Vermummte haben die brasilianischen Kleinstadt Cametá attackiert.

(Foto: JURANDIR VIANA/AFP)

Schüsse, Explosionen, Geiseln: Zwei brasilianische Kleinstädte werden binnen weniger Tagen von schwer bewaffneten Banditen überfallen. Weichen die Drogenbanden aufs Land aus?

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Als sie kamen, war es kurz vor Mitternacht. In Cametá, einer ansonsten ruhigen Kleinstadt im nordbrasilianischen Bundesstaat Pará, krachten auf einmal Schüsse, Explosionen sind zu hören. Aufgeschreckt rannten viele Bewohner an ihre Fenster oder auf den Balkon, einige filmten was die sahen: Autos, die durch die Straßen rasen, dazu ein Pick-Up, beladen mit vermummten und schwer bewaffneten Männern. Man sieht Geiseln, die über eine Straße getrieben werden, man hört Schreie - und immer wieder: Schüsse.

Fast eineinhalb Stunden dauerte der Spuk in Cametá. Ein Mann war am Ende tot, ein weiterer schwer verletzt, viele der knapp 140 000 Bewohner waren in heller Panik und die Bankfiliale im Zentrum des Städtchens zerstört. Auf sie und das Geld in ihren Tresoren hatten es die Männer wohl abgesehen. Videos zeigen eine herausgerissene oder gesprengte Eingangstür, im Inneren nur Scherben und Trümmer. Ein paar Lampen baumeln lose von der Decke.

Von den Tätern fehlt jede Spur, lediglich ein zurückgelassener Pick-Up und Sprengstoff wurden gefunden. Von etwa zehn bis 20 Männern spricht die Polizei - und dass die Kriminellen ihre Tat vermutlich von langer Hand geplant haben dürften, vielleicht waren sie Mitglieder einer Drogengang, vielleicht waren sie auch schon an anderen ähnlichen Attacken beteiligt. Denn der Überfall mag zwar brutal, aufsehenerregend und für viele auch traumatisch gewesen sein, ein Einzelfall aber ist er nicht. Im Gegenteil.

Feuergefechte mit der Polizei

Schon Ende Juli fielen etwa 40 Männer mit Schnellfeuergewehren und kugelsicheren Westen ins Zentrum von Botucatu ein, ebenfalls eine Kleinstadt, diesmal im Bundesstaat Sao Paulo. Die Banditen blockierten Straßen mit in Brand gesteckten Autos, lieferten sich Feuergefechte mit der Polizei und überfielen drei Bankfilialen.

200 Kilometer weiter westlich gingen Täter ein paar Wochen zuvor ganz ähnlich vor: Eine halbe Hundertschaft Krimineller überfiel die Gemeinde Ourinhos, nahm Geiseln, schoss um sich und attackierte dann die Bank. Und erst am Montagabend hatte es wieder einen Angriff gegeben, in Criciúma, im Bundesstaat Santa Catarina. In gepanzerten Wägen und in geordneter Reihe verließen die Banditen hier nach getaner Arbeit die Stadt. Zurück blieben Geldscheine auf der Straße und ein sichtlich geschockter Bürgermeister, der von "surrealen Szenen" sprach.

Police officers surround area where explosives were found, after a gang robbed a Banco do Brasil (Brazil Bank) in Criciuma

Polizeieinsatz nach dem Angriff in Criciúma.

(Foto: REUTERS)

Allein für dieses Jahr hat das Nachrichtenportal G1 zwölf solcher Angriffe gezählt, über Hundert dürften es in den vergangenen Jahren gewesen sein. Die Attacken sind mittlerweile so geläufig in Brasilien, dass es längst einen eigene Bezeichnung für sie gibt: "Novo Cangaço".

Der Name ist eine Anspielung auf jene cangaceiros genannten Banditen, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Brasiliens sonnenverbrannten Nordosten ihr Unwesen trieben. Meist handelte es sich damals um verarmte Bauern, die gemeinsam Dörfer und Großgrundbesitzer überfielen. Weil sie angeblich den Reichen nahmen und manchmal auch dem Armen gaben, ranken sich heute allerlei volkstümliche Mythen um sie. Ob sie stimmen, ist fraglich; sicher aber ist, dass die neuen cangaceiros aus anderem Holz geschnitzt sind als ihre historischen Vorgänger.

Schwere Maschinengewehre und Kiloweise Sprengstoff

Die Täter waren extrem gut vorbereitet und vor allem bestens ausgerüstet. Sie haben oft nicht nur gepanzerte Fahrzeuge, sondern auch schwere Maschinengewehre und Kiloweise Sprengstoff. Obwohl Zeugen oft davon berichten, dass die Kriminellen einen Akzent aus anderen Bundesstaaten hätten, kennen sich die Täter in den kleinen Städten offensichtlich gut aus. Sie wissen, wo die Polizeistation ist und die Bankfiliale, sie wissen, welche Straßen sie blockieren müssen und über welche Wege man am besten fliehen kann. All das erfordert Planung und Geld.

Experten glauben darum, dass die mächtigen Drogenbanden des Landes in die Überfälle verstrickt sein könnte. Sie sind eigentlich in den großen Städten des Landes zuhause, in Rio oder Sao Paulo. Dort aber haben die Gangs mit immer größerer Gegenwehr der Polizei zu kämpfen. Die Beamten sind selbst schwer bewaffnet und teilweise gut geschult. In den Kleinstädten aber treffen die Gangster auf unvorbereitete und meist völlig überrumpelte Sicherheitskräfte. Oft gehen die Kriminellen den Beamten nicht einmal aus dem Weg, sondern greifen die Polizeistationen von sich aus an, um so Widerstand von vorneherein auszuschalten.

Die Bankfiliale im Zentrum von Cametá wurde bei dem Angriff zerstört.

(Foto: AFP/AFP)

Dass sich die Angriffe nun so sehr häufen und es innerhalb weniger Tage gleich zwei Attacken gab, könnte daran liegen, dass Brasiliens Banken gerade über besonders viel Bargeld in ihren Tresoren verfügen. Kunden wollen kurz vor Weihnachten Bargeld abheben zum Einkaufen, gleichzeitig bekommen viele Angestellte in Brasilien im Dezember ihr 13. Monatsgehalt ausbezahlt.

Auch in Cametá dürften die Täter darum auf satte Beute gehofft haben. Allerdings unterlief ihnen ein Fehler: Sie irrten sich im Tresor. Kein Geld sei aus der Bank geklaut worden, erklärte Helder Barbalho, der Gouverneur des Bundestaates Pará. Von Erleichterung oder gar Schadenfreude aber keine Spur. Schließlich dürften die Täter nach dem gescheiterten Überfall auf erheblichen Kosten sitzengeblieben sein. Es sei darum wahrscheinlich, dass die Kriminellen schon die nächste Attacke planten, man habe den ganzen Bundesstaat in Alarmbereitschaft versetzt, sagte Barbalho der Zeitung Folha d. S. Paulo: "Wir alle müssen jetzt sehr vorsichtig sein."

© SZ/afis
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