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Symbolische Suppe:Wir sind Borschtsch

Fernsehkoch Ievgen Klopotenko mit einem Borschtsch: "Wenn wir nicht auf die Dinge achten, die uns speziell ausmachen, dann verlieren wir sie."

(Foto: Vladyslav Nahornyi)

Wer hat die Rote-Bete-Suppe erfunden? Die etwas kuriose Geschichte eines ukrainischen Fernsehkochs, der dem Borschtsch eine nationale Identität verpassen will. 

Von Paul Katzenberger, Moskau

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, dann können Dinge, die eigentlich unbedeutend erscheinen, für die Betroffenen plötzlich zu großen Themen werden. Ein solches Problem, das bisher keines war, hat nun ein bekannter Fernsehkoch aus der Ukraine identifiziert. Es geht um Suppe und um sein Land, das im Konflikt mit dem mächtigen Nachbarn Russland steht.

Gastronom Ievgen Klopotenko, 34, der in Kiew das auf ukrainische Küche spezialisierte Restaurant "100 Rokiv Tomu Vpered" ("100 Jahre zurück in die Zukunft") betreibt, setzt in diesem Konflikt auf zivilen Widerstand. Seine Waffe: Der "Borschtsch". Er will, dass alle Welt weiß, dass die Rote-Bete-Suppe, die auch in Russland, Belarus, Polen und in den baltischen Ländern gegessen wird, ukrainischer Herkunft ist. Die Unesco soll deshalb den Borschtsch als immaterielles Kulturerbe seiner Heimat anerkennen. Wie etwa die neapolitanische Pizza aus Italien. Es ist der etwas kuriose aber doch auch vom ukrainischen Parlament und Kultusministerium unterstützte Kampf eines Mannes, der einem Gericht ein Gewicht verleihen will, das es vielleicht gar nicht hat.

Klopotenko hat extra dafür das "Institut der ukrainischen Kultur" gegründet und im vergangenen Jahr Freiwillige losgeschickt, um Rezepte in seinem Heimatland zu sammeln und Varianten mit Honig oder Whisky gefunden. Dass es dem Fernsehkoch nicht so sehr um die Einzigartigkeit des Borschtsch geht, gibt er sofort selber aber zu. Die erste Beschreibung der Suppe datiere von 1548 und klinge recht prosaisch: "Ein deutscher Reisender schrieb in seinen Tagebüchern, dass die Einwohner Kiews diese Suppe häufig essen", erzählt er. "Seiner Beschreibung nach war der Borschtsch damals ein einfaches Gericht: nur Wasser, Rote Bete und Kräuter. Kartoffeln und Tomaten gab es im 16. Jahrhundert in weiten Teilen Europas noch nicht."

Klopotenko findet es dennoch wichtig, diese ärmliche Mahlzeit als Erfindung seiner Heimat anzuerkennen. Die Ukraine entwickele sich als eigenständige Nation, und wenn sie ein normales europäisches Land werden wolle, dann brauche sie ihre eigenen Spezialitäten. "Jeder Brite weiß, dass Fish and Chips zu 100 Prozent ein britisches Gericht sind", sagt er, "und sie sind stolz darauf." Die Russen reklamierten den Borschtsch trotz seiner ukrainischen Herkunft hingegen für sich: "Wenn Sie zum Beispiel in der Türkei in ein Geschäft gehen, das auf osteuropäische Lebensmittel spezialisiert ist, dann steht dort sogenannter "russischer Borschtsch" in den Regalen."

Eine kleine Umfrage in Moskau, wo die Suppe auch an jeder Ecke zu bekommen ist, erhärtet diese These nicht. "Der Borschtsch kommt ganz sicher aus der Ukraine", sagt eine Hautärztin aus dem Vorort Aprelewka. Auch eine Hausfrau aus dem Vorort Krasnogorsk lässt keine Zweifel: "Wo soll er denn sonst herkommen? Wir haben doch unsere eigene Gemüsesuppe, den Schtschi", sagt sie. "Das kann man in jedem Lehrbuch zur sowjetischen Ernährungskultur nachlesen."

Selbst im Moskauer Restaurant "Schwiegermutter Borschtsch", das sich auf die Rote-Bete-Suppe spezialisiert hat, macht niemand ein Hehl daraus, dass diese ein ursprünglich ukrainisches Gericht sei. Auch wenn man eine etwas leichtere Variante anbiete, wie Geschäftsführer Wadim Tkatsch erklärt. Er findet aber: "Beim Borschtsch geht es doch gar nicht um Nationen, sondern um Menschen, die dieses Gericht alle lieben." So ähnlich formulierte das auch die russische Botschaft in Washington, als sie twitterte: "Borschtsch ist das Nationalgericht vieler Länder, zu denen Russland, Belarus, die Ukraine, Polen, Rumänien, Moldau und Litauen gehören."

Genau das empfindet Fernsehkoch Klopotenko jedoch als Vereinnahmung. Wenn die Verhältnisse anders wären, sagt er, würde er dieser Haltung sogar zustimmen. "Aber die russische Regierung akzeptiert ja noch nicht einmal, dass die Ukraine eine eigene Nation ist." Zudem seien zahlreiche ukrainische Gerichte von typischem UdSSR-Essen wie etwa Cholodez (Sülze), Schuba (Schichtsalat mit Hering und Gemüse) oder dem Salat Olivier (mit Rindfleisch, Kartoffeln und Mayonnaise angemachter Salat) verdrängt worden. "Wenn wir nicht auf die Dinge achten, die uns speziell ausmachen, dann verlieren wir sie", sagt er. Ein ukrainischer Borschtsch, so hofft der Fernsehkoch, wäre nach siebzigjähriger Sowjetzeit und dreißigjähriger Dominanz durch den russischen Nachbarn, immerhin ein Anfang.

© SZ/afis
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