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Berufsbild Polizist:"Ich weiß jederzeit, wie wichtig es ist, dass ich da bin"

Polizisten in Hamburg

Polizisten auf dem Valentinskamp in Hamburg.

(Foto: dpa)

Chronisch unterbesetzt, geringes Gehalt, enorme Überstunden und in erster Reihe stehen, wenn es kracht - warum wollen trotzdem viele junge Leute Polizist werden?

Der G-20-Gipfel in Hamburg war für die Polizei kein gutes Wochenende. Mehr als 200 Beamte wurden bei den gewalttätigen Ausschreitungen verletzt. Und die Einsatzkräfte stehen wegen des eskalierten Demonstrationen schwer in der Kritik. Gegen mehr als 30 Beamte wird sogar wegen Körperverletzung im Amt ermittelt, weil sie Pfefferspray und Wasserwerfer auch gegen friedliche Demonstranten eingesetzt haben.

Polizisten stehen ständig unter Beobachtung - und ihre Einsätze können gefährlich, manchmal sogar lebensbedrohlich sein. Die Zahl der Übergriffe auf Polizisten steigt seit Jahren. Hinzu kommt die Arbeitsbelastung. 22 Millionen Überstunden haben deutsche Polizisten nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei im vergangenen Jahr angesammelt und das bei einer im Vergleich zu anderen Branchen im öffentlichen Dienst, eher mageren Gehältern. Manche Beamte, etwa in Berlin, üben sogar Nebenjobs aus, um ihr geringes Einkommen aufzubessern.

CDU und CSU versprechen in ihrem Wahlprogramm mindestens 15 000 zusätzliche Polizisten. Bewerber gibt es, noch immer ist der Polizeidienst einer der beliebtesten Ausbildungsberufe. Aber warum wird man heute Polizist? Wir haben fünf junge Menschen gefragt, warum sie diesen Weg eingeschlagen haben.

"Wenn der Befehl zum Anhalten kommt, musst du Steine und Flaschen irgendwie mit dem Körper abfangen"

"Momentan bin ich als Bundespolizist am Flughafen eingesetzt, aber das ist mir etwas zu steril. Wir laufen Streife, kontrollieren Papiere und achten darauf, dass während der Sicherheitskontrolle niemand durchbricht. Der Hauptbahnhof wäre spannender. Dort gibt es beispielsweise regelmäßig Randalierer oder Sprayer. Hört sich komisch an, aber mit denen in Berührung zu kommen, finde ich interessant - gerade, weil ich selbst noch jung bin.

Als Teil einer Hundertschaft bei Demos im Einsatz zu sein, ist wiederum nicht meine Welt. Ich hab das einmal machen müssen und fand es extrem beklemmend. Weil wir eine neue Rüstung bekommen haben, sind Schilder nur optional. Man bewegt sich in einer Kette mit anderen Kollegen und wenn der Befehl zum Anhalten kommt, bleibst du stehen und musst Steine und Flaschen irgendwie mit dem Körper abfangen.

In der Kette ist es unmöglich, auszuweichen oder wegzurennen. Erschreckend ist, dass den Leuten, die dich bewerfen, anscheinend völlig egal ist, dass sie dir wehtun, weil sie nur stumpf ihre Sache vertreten. Das ist blinder Hass, der einem da entgegenschlägt. Dieses "Wir gegen die Polizei" kann ich zwar ein stückweit nachvollziehen, aber denen ist nicht klar, wie es sich anfühlt, wenn Steine auf deinen Helm knallen. Dazu kommt, dass die Schutzausrüstung verschleiert, dass da ein Mensch druntersteckt.

Was ich an dem Job mag, ist das Kommunikative, ich bin nicht auf den Mund gefallen. Ich setze mich aber auch gerne hin und schreibe stundenlang Berichte. Ich habe auf jeden Fall ständig etwas zu tun."

Raphael K., 23, Bundespolizist

"Nein, das mache ich nicht" zu sagen, traut sich niemand

Als Schülerin war ich sehr schüchtern. Meine Polizeiausbildung war quasi eine Schocktherapie. Plötzlich stand ich vor fremden Leuten, die Mist gebaut hatten, und musste denen eine Ansage machen. Nach einem Jahr auf der Wache wurde ich in die Hundertschaft eingezogen. Freiwillig hätte ich mich nie beworben, aber es gibt eine Frauenquote und ich wurde reingelost. Allein von der Vorstellung, mittendrin zu stehen in den Menschenmassen, wurde ich panisch. Aber man bekommt Routine.

Meistens arbeite ich jetzt bei Großveranstaltungen wie Demonstrationen oder Fußballspielen. Auch bei Razzien sind wir dabei. Hinzu kommt alles, was spontan anfällt. Rockerkrieg, Bombendrohungen, im Wald nach Vermissten suchen.

Der G-20-Gipfel ist ein typischer Hundertschafts-Einsatz. Anfangs haben viele aus meiner Einheit noch gesagt, sie würden gerne dabei sein. Doch ein paar Tage vorher, als klar wurde, wie krass die Autonomen in Hamburg drauf sind, kamen die Zweifel. Ein paar Mädels bei uns in der Kabine sagten, dass sie Angst haben. Die hätten sich gerne noch frei genommen. Aber es war zu spät. Spontan gibt es nur Urlaub, wenn die eigene Frau ein Kind zur Welt bringt oder man auf eine wichtige Beerdigung muss. "Nein, das mache ich nicht" zu sagen, traut sich bei uns niemand.

Ich selbst habe schon ein Jahr im Voraus Urlaub eingetragen, auch wenn ich da das genaue Datum des Gipfels nicht kannte. Zum Glück, sonst hätte ich auch hingemusst. Zwar gab es auch in Hamburg friedliche Formen des Protests, die ich sehr gerne geschützt und ermöglicht hätte. Aber das, was sich die Autonomen geleistet haben, macht mich fassungslos. Ich war schon in ähnlichen Situationen. Man wird von der "ersten Reihe" der Demonstranten nicht als Mensch betrachtet, sondern als Gegenstand, der den Staat repräsentiert. Sie werfen Straßenschilder auf dich oder Böller. Ob Mann oder Frau macht keinen Unterschied.

Trotz allem mache ich meinen Beruf sehr gerne. Schon oft waren Menschen einfach dankbar, dass ich da war. Das stärkt mich und ich vergesse in solchen Momenten, dass es Leute gibt, die mich wegen meines Berufes hassen. Aber ich sage ehrlich: Ich freue mich extrem, wenn meine Zeit in der Hundertschaft nach zwei Jahren vorbei ist.

Katharina L., 26, Hundertschaftsbeamtin aus Nordrhein-Westfalen