Berlin Dealer, geadelt

Seit einigen Jahren ist der Görli Berlins Drogenumschlagplatz Nummer eins. Mittlerweile macht die Polizei regelmäßig Razzien.

(Foto: Paul Zinken/dpa)
  • Der Görlitzer Park in Berlin ist bundesweit als Drogenumschlagplatz bekannt.
  • Jetzt gibt es eine Ausstellung über die Dealer.
  • Der Kurator der Veranstaltung sorgt mit unkritischen Äußerungen für Aufregung.
Von Thorsten Schmitz, Berlin

Es nieselt, es ist stockfinster, und es ist kalt. Es gibt angenehmere Orte, sein Geld zu verdienen, aber Jo, der junge Mann aus Gambia, sagt: "Gib mir einen anderen Job, und ich bin weg von hier." Jo reibt sich die klammen Hände, er scannt die Parkeingänge nach Kunden und Polizisten. Es ist Donnerstagabend. Donnerstag ist ein guter Tag, da beginnt die Ausgehwelle, und in Berlin gehen die Touristen gerne bekifft aus.

Eine olivgrüne Winterjacke trägt Jo, die Kapuze hat einen hellen Kunstfellrahmen. In seiner Jeans hat er kleine Tüten mit Grasportionen, nie mehr als 15 Gramm. Er trinkt Bier aus einer Flasche. Essensreste von Tellern hat Jo weggekratzt in der Küche eines türkischen Restaurants und auf einer Baustelle Zement angerührt, aber nie hat er so viel Geld verdient wie jetzt. Manchmal 150 Euro am Tag. Jo ist 24. Seiner Familie überweist er einmal im Monat Geld. Er lässt sie im Glauben, es sei Tellerwäschergeld. Sein Aufenthaltsstatus ist unklar, und solange die Ämter prüfen, darf Jo nicht arbeiten. Jo sagt: "So habe ich mir Deutschland nicht vorgestellt." Er spricht Englisch, ziemlich gutes Englisch. Deutsch, sagt er, werde er nie begreifen. Er kann ein paar Wörter, vor allem Zahlen. Manche Kunden feilschten gerne.

Berlin Letzte Chance für den Görli
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Görlitzer Park

Letzte Chance für den Görli

Im Görlitzer Park in Berlin versucht man, mit neuen Ideen den Kampf gegen Drogen und Gewalt zu gewinnen. Unser Autor hat auch mit jener Gruppe gesprochen, die sich sonst eher bedeckt hält - den Dealern.

Jo ist einer von etwa 200 jungen Männern aus westafrikanischen Ländern, die im 14 Hektar großen Görlitzer Park im Herzen von Kreuzberg Hasch, Speed, Kokain, Heroin verkaufen. Die Grünfläche ist ein Drogeneinkaufszentrum für Dealer und Touristen, seit Jahren bundesweit bekannt. In Berlin gilt - wieder - Laissez-faire: Seit April erlaubt der rot-rot-grüne Senat den Besitz von bis zu 15 Gramm Hasch, die Null-Toleranz-Strategie der Vorgängerregierung habe keinen Erfolg gezeitigt. Jo, der jetzt eigentlich keine Lust mehr hat, zu reden, sondern Umsatz machen möchte, kommentiert die neue Verkaufsfreiheit so: "Super für uns."

Auf zwölf Pappfiguren sind unscharfe Farbfotos afrikanischer Städte gepinnt

Ein sehr nervöser Kunde steht jetzt vor ihm, vielleicht zwanzig Jahre alt. "Haste Speed?" Jo hat kein Speed. Er schickt den jungen Mann ein paar Meter weiter, zu Landsmännern aus Gambia.

Das Bezirksamt Kreuzberg adelt Menschen wie Jo im Görlitzer Park und in der Hasenheide jetzt sogar mit einer Ausstellung, die am Dienstag eröffnet wird. Die vom amerikanischen Künstler Scott Holmquist kuratierte Ausstellung "Andere Heimaten" im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum am Kottbusser Tor zeichnet auf braunen Papptafeln die Migrationsrouten und Herkunftsorte der afrikanischen Drogendealer nach. Für Schlagzeilen weit vor Eröffnung der Ausstellung hatte ein seltsam unkritischer Satz gesorgt, einer, der sich partout nicht missverstehen lässt. In einer Pressemitteilung schreibt Holmquist: Trotz aller Widerstände "arbeiten Drogenverkäufer unerschrocken und tapfer im öffentlichen Raum".

Unerschrocken? Tapfer?

Die Berliner CDU war entsetzt. Es sei "Ausdruck völliger Verkommenheit, Drogendealer, die unsere Kinder von Drogen abhängig machen, als unerschrockene und tapfere Arbeiter zu bezeichnen". Schon titelten Berliner Lokalblätter, dass Steuergelder missbraucht würden, um Drogendealer zu glorifizieren. (Tatsächlich, erklärt das Museum auf Nachfrage, habe Holmquist eine Rechnung für Pappe in Höhe von 821 Euro ausgestellt.)

Eine Vorbesichtigung der Ausstellung am Freitag, eilig einberufen der Schlagzeilen wegen, schafft allerdings nicht viel Klarheit. Auf zwölf Pappfigursilhouetten sind unscharfe Farbfotos afrikanischer Städte gepinnt, dazu Texte in afrikanischen Dialekten, deren deutsche Übersetzungen am Boden liegen. Man kann die Übersetzungen von einem Block abreißen und mit nach Hause nehmen. Dealer erzählen in den Texten von den Städten und Dörfern, aus denen sie stammen, wie heiß es im Sommer wird, welche Bäume dort wachsen, wie breit die Straßen sind. Weshalb und wie sie nach Deutschland gekommen sind und jetzt mit Drogen dealen - dazu fällt kein einziges Wort. Warum? "Das ist doch ihre Privatsache, weshalb die Dealer dealen", sagt Künstler Holmquist. "Sie fragen doch auch nicht eine Supermarktverkäuferin, warum sie im Netto arbeitet."

Im vergangenen Jahr hat er in einem Bürgerantrag an die Verordneten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg die Errichtung eines Denkmals für afrikanische Drogendealer gefordert. Solch ein Denkmal "wäre eine sinnvolle Anerkennung dieses risikoreichen Berufs". Spricht man ihn heute darauf an, windet er sich und sagt: "Ich möchte dazu nichts sagen."