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Bergisch Gladbach:Zehn Jahre Haft für Missbrauchstäter

Prozessbeginn im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach gegen Soldat

Der damals noch Angeklagte und sein Anwalt warten auf den Beginn eines Prozesstages.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Außerdem wird der Soldat in die Psychiatrie eingewiesen. Es ist das erste Urteil gegen einen Täter aus dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach.

Seine Aussagen im Prozess vor der Auswärtigen Strafkammer des Landgerichts Kleve in Moers waren emotionslos gewesen. Der 27 Jahre alte Bundeswehrsoldat hatte selbst Details, die für Zuhörer nur schwer zu ertragen waren, in seinem Geständnis gelassen vorgetragen. Erst bei seinem Schlusswort weinte der Angeklagte, der sonst so kontrolliert wirkte: "Ich kann mich dafür nur entschuldigen", sagte er. Wie es zu den Taten habe kommen können, wisse er nicht.

Am Dienstag hat das Gericht den Mann zu zehn Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt und in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Ihm wurde eine verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen. Damit übertraf das Urteil sogar die Forderungen der Staatsanwaltschaft - neun Jahre Haft und Einweisung in die forensische Psychiatrie. In der Anklageverlesung hatte die Staatsanwaltschaft festgestellt, der Mann sei eine Gefahr für die Allgemeinheit. Das Urteil ist das erste im Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach. Und es wird nicht das letzte sein.

Der Bundeswehrsoldat musste sich vor Gericht verantworten, weil er vier kleine Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren in mehr als 30 Fällen sexuell schwer missbraucht, Videos und Fotos davon angefertigt und diese mit anderen getauscht hat. Der Mann missbrauchte seine zweijährige Tochter und seinen fünf Jahre alten Stiefsohn, seine dreijährige Nichte und ein nicht mit ihm verwandtes zweijähriges Mädchen.

Letzteres ist die Tochter von Jörg L., der in einem anderen Verfahren vor dem Landgericht Köln wegen Kindesmissbrauchs angeklagt ist. Die beiden stellten sich auch gegenseitig ihre Kinder zur Verfügung, um sich an ihnen zu vergehen. Die beiden Männer hatten, so sagte der Angeklagte vor Gericht aus, eine enge Beziehung. Er sprach von einer "Freundschaft Plus". Kennengelernt hatten sie sich über eine weltweit agierende Skype-Pädophilengruppe mit mehr als 1000 Mitgliedern.

Folgenschwere Fehler bei der Aufarbeitung

Während der Ermittlungen gegen den in Bergisch Gladbach lebenden Jörg L. flog im Oktober 2019 ein bundesweiter Kinderpornografie-Tauschring von schockierendem Ausmaß auf. Allein in NRW spricht die Polizei von 21 Angeschuldigten, davon sind neun in Untersuchungshaft. 40 Hinweise auf Straftaten seien an andere Bundesländer weitergeleitet worden. Zudem wertet die Polizei noch immer riesige Datenmengen aus, um weitere mutmaßliche Täter zu identifizieren. Im November nannte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer die Ermittlungen eine "Mammutaufgabe".

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchskomplexes Bergisch Gladbach sind im Fall des Soldaten schwere Fehler gemacht worden. Nachdem der Mann im Sommer 2019 vom Jugendamt angezeigt worden war, hatte die Staatsanwaltschaft keine Untersuchungshaft beantragt. Der Mann musste bei seiner Familie ausziehen. Nachdem seine Kinder nicht mehr greifbar waren, hatte er sich jedoch noch an seiner Nichte vergangen. Erst im Herbst, als im Fall Bergisch Gladbach ermittelt wurde, kam der Mann schließlich in U-Haft.

© SZ/dpa/mpu/lot
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