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Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach:Geständnis ohne Emotionen

Prozessbeginn im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach gegen Soldat

Bastian S. auf dem Weg in den Gerichtssaal in Moers.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Ein 27-Jähriger soll seine zweijährige Tochter und seinen fünfjährigen Stiefsohn immer wieder sexuell missbraucht haben. Nach einem Teilgeständnis bei der Polizei vergriff er sich an seiner Nichte. Vor Gericht sagt der Soldat mehr als zwei Stunden lang aus.

Von Jana Stegemann, Moers

Ja, "im Chat mit Jörg" habe er vorgeschlagen, die Kinder mit Schokoladenlikör gefügig zu machen, sagt der Angeklagte: "Aber das war natürlich Spaß." Der Vorsitzende Richter schaut zweifelnd. Er würde niemals kleinen Kindern Alkohol geben, fügt Bastian S. hinzu, man wisse ja nicht, "wie das auf die wirke". Außerdem: "So weit" würde er nicht gehen, "das wäre gegen unsere Grundsätze". Sexspielzeug und Dessous hätten "Jörg und ich" aber besorgt für die zweijährigen Mädchen, sagt der 27-jährige Angeklagte lapidar. Was denn "diese Grundsätze" seien, fragt der Richter. "Wir haben gesagt, wir gehen aber nur so weit, wie die Kinder wollen", sagt Bastian S. Der Staatsanwalt hatte den Mann als "für die Allgemeinheit gefährlich" eingeschätzt.

Bastian S. gesteht fast alle angeklagten Taten, mehr als zwei Stunden sagt der Mann aus Kamp-Lintfort vor der Auswärtigen Strafkammer des Landgerichts Kleve in Moers aus. Bastian S. erzählt emotionslos von dem Ausflug in eine Saunalandschaft in Essen, wo er und Jörg L. sich eine private Suite mit Whirlpool gemietet hätten, "damit die Mädels sich kennenlernen können". Weil der unscheinbare Mann mit dem struppigen Kinnbart, dem weiten blauen Shirt und der noch weiteren Jeans das so unbewegt sagt, glaubt man als Zuhörerin kurz, er spreche jetzt von erwachsenen Partnerinnen. "Die Mädels" sind allerdings: die beiden zweijährigen Töchter der Männer.

"Meine Tochter dachte, wir gehen schwimmen, die war enttäuscht. Wir waren dann zu viert nackt im Whirlpool, Jörg hat später Eis auf seine Tochter getröpfelt und das abgeleckt. Wir wollten gucken, wie die Kinder darauf reagieren." Zweimal hätten die beiden Männer Sex gehabt, "Freundschaft plus", sagt Bastian S. Zu einem weiteren Treffen der beiden Männer kam es nicht, weil beide verhaftet wurden.

Einige besonders schwere Taten hat er gefilmt und fotografiert

Vier kleine Kinder - seine zweijährige Tochter, den fünfjährigen Stiefsohn, seine dreijährige Nichte und die zweijährige Tochter von Jörg L. - soll der Zeitsoldat in insgesamt mindestens 36 Fällen zwischen Mai 2018 und Oktober 2019 sexuell missbraucht haben. Von einigen der besonders schweren Taten machte Bastian S. Videos oder Fotos, die er in Chatgruppen verschickte. Warum? "Um ein bisschen zu zeigen, was man selbst so macht."

Mindestens zweimal fand der Missbrauch gemeinsam mit Jörg L. statt, der in einem anderen Verfahren vor dem Landgericht Köln angeklagt ist und durch den der bundesweite Missbrauchsfall Bergisch Gladbach im Oktober 2019 überhaupt erst aufflog. Allein in NRW wird gegen 20 Verdächtige ermittelt. Zeitweise ermittelten knapp 300 Polizisten und Polizistinnen in einer Besonderen Aufbauorganisation ("BAO Berg"), noch immer sind 140 mit der Aufarbeitung beschäftigt. Ein historisch einmaliger Personalaufwand für einen einzelnen Fall, den die NRW-Polizei wie eine Terrorlage behandelt. Auch das ist neu.

Kennengelernt hatten sich die beiden Männer über eine weltweit agierende Skype-Pädophilengruppe mit mehr als 1000 Mitgliedern. Das erste Mal habe er seine zweijährige Tochter nach dem Wickeln missbraucht. Bastian S. tat erst nur seiner Tochter, dann auch seinem Stiefsohn sexuelle Gewalt an, wenn seine Frau bei der Arbeit oder auf Fortbildungen war. Woher er Jörg L. kenne, habe seine Frau gefragt. Von der Bundeswehr, habe er geantwortet.

Es dauerte, bis das bundesweite Missbrauchsnetzwerk aufgedeckt wurde

Die Taten seien dann immer schlimmer geworden. Es war sein Stiefsohn, der seiner Mutter an einem Samstagabend im Juni von einem Übergriff erzählt hat. Die heute 27-jährige Altenpflegerin reagierte sofort, wie sie weinend vor Gericht erzählte. "Wie soll ein Fünfjähriger sich so was ausdenken?" Sie habe ihre Kinder ins Bett gebracht und sei direkt zu ihrer Schwester gelaufen, die im selben Haus wohnte.

Gemeinsam konfrontierten die Frauen Bastian S., der stritt alles ab. Die Schwester informierte das Jugendamt. Am Montag durfte Bastian S. nicht in seine Wohnung zurück, das Jugendamt erstattete Anzeige. Die Kriminalpolizei verhörte ihn, er legte ein Teilgeständnis ab. Doch die Staatsanwaltschaft Kleve beantragte weder einen Haftbefehl noch eine Hausdurchsuchung. Dafür bekam sie später eine Rüge von der Generalstaatsanwaltschaft, ein in Deutschland sehr seltener Vorgang.

So dauerte es, bis das bundesweite Missbrauchsnetzwerk aufgedeckt wurde. Bastian S. hatte zwar keinen Zugriff mehr auf seine beiden Kinder, konnte aber laut Anklage in einem unbeobachteten Moment noch die dreijährige Nichte missbrauchen, als diese bei der Großmutter übernachtete. "Meine Mutter und meine Schwester haben mir leider Gottes zu sehr vertraut." Als die Mutter des Mädchen, seine 30-jährige Schwester, gegen ihn vor Gericht aussagt, zeigt Bastian S. zum ersten Mal an diesem Tag eine Regung. "Ich habe meinen Bruder lieb von früher, aber nicht die Person, zu der er geworden ist, die lügt und uns alle verletzt", sagt die Schwester. Jetzt weint Bastian S.

© SZ/nas/vwu
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