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Afrika droht neue humanitäre Katastrophe:Hunger ist mehr als eine zynische Zahl

Wenn täglich Menschen an Hunger sterben, rufen die Vereinten Nationen eine Hungersnot aus. Nicht vorher. Dass dieses zynische Frühwarnsystem fatal ist, weil die Weltgemeinschaft viel zu spät mobilisiert wird, hat die jüngste humanitäre Katastrophe am Horn von Afrika gezeigt. Nun versuchen Helfer, ein ähnliches Schreckensszenario in der Sahelzone zu verhindern - und schlagen frühzeitig Alarm.

Der Hungertod ist in Afrika oft ein langsamer Tod, auch Kleinkinder kämpfen monatelang um ihr Leben, manchmal jahrelang. Denn wie viel es gerade zu essen gibt, richtet sich oft danach, wie die jüngste Regenzeit ausfiel, wie hoch Spekulanten auf den Weltmärkten die Lebensmittelpreise getrieben haben, ob Männer mit Kalaschnikows gerade die Lkws mit Hirsesäcken aus dem Ausland durchlassen oder eben nicht.

Manche hungrigen Kinder haben Durchfall, andere Schluckschwierigkeiten, wieder andere haben beides und dazu orange Haare - bedingt durch Nährstoffmangel - sowie einen aufgeblähten Bauch. Manche schreien noch nach Milch, andere atmen schon still, die Einzelheiten kennen ihre Mütter am besten. Denn die meisten Eltern wissen um die Symptome des Hungers nur allzugut, auch wenn ihnen die statistischen Unterschiede zwischen "mangelernährt", "akut unterernährt" und "vom Hunger bedroht" nicht immer geläufig sind.

Fatale Verzögerung

Für viele Hilfsorganisationen aber ist - selbst wenn das zynisch klingen mag - der Hunger auch eine statistische Größe. Und die Vereinten Nationen (UN) rufen eine Hungersnot erst aus, wenn täglich mehr als zwei von 10.000 Erwachsenen oder mehr als vier von 10.000 Kindern an Unterernährung sterben.

Doch dann ist es in der Regel schon zu spät, dann haben all die komplexen, satellitengestützten Frühwarnsysteme bereits versagt, und die Weltgemeinschaft wird trotz CNN und Internet mit einer Verzögerung mobilisiert, die fatal ist. Denn dann sind meist Tausende bereits gestorben, wie die dramatische Hungersnot am Horn von Afrika erst im vergangenen Jahr gezeigt hat. Eine Katastrophe, aus der die Hilfsorganisationen aber offenbar gelernt haben.

Denn derzeit versuchen die Helfer, in einer anderen afrikanischen Region das Szenario zu verhindern, das im vergangenen Jahr am Horn eintrat - und schlagen frühzeitig Alarm.

Mehr als zehn Millionen Menschen vom Hunger bedroht

In der Sahelzone in Westafrika sind im vergangenen Herbst die Regenfälle so gut wie ausgeblieben, kurz vor der Frühjahrs-Aussaat fehlen den Menschen nun Kraft und Saatgut für die nächste Saison. Die Preise für Lebensmittel haben sich auf manchen Dorfmärkten in den vergangenen Monaten verdoppelt, viele Bauern haben ihre letzten Tiere verkauft, um Hirse und Mais zu besorgen. Mehr als zehn Millionen Menschen in Niger, Mauretanien, Burkina Faso, Mali, Tschad und Nordnigeria sind nun vom Hunger bedroht.

Helfer, die derzeit in diesen Ländern arbeiten, erzählen Geschichten, die vom Hunger handeln, aber noch nicht von Hungertoten. Von Müttern, die seit Monaten keine Milch mehr zum Stillen haben, aber ihren Kindern noch jeden Tag ein paar Löffel Hirsebrei vorsetzen können, mit etwas Ziegenmilch und viel Wasser verdünnt. Von Kindern, die noch nicht alt genug sind, um sich an die jüngste Dürre 2009 zu erinnern, und deswegen nicht verstehen, warum ihre Mütter aufgehört haben zu kochen.

Johannes Schoors, der die Projekte der Hilfsorganisation "Care" in Niger koordiniert, hat die Dürre von 2009 erlebt. Anders als damals, sagt er, habe die Regierung diesmal schnell reagiert und um internationale Hilfe gebeten. Der Krisenstab des Ministerpräsidenten informiere die Helfer regelmäßig. In diesen Tagen kommen die ersten subventionierten Lebensmittel auf den Markt - auch weil die Hilfswerke diesmal frühzeitig reagiert haben. "Es sterben noch keine Kinder hier", sagt Schoors. "Aber es könnten in Zukunft welche sterben, wenn wir die Menschen nicht auf Dauer unterstützen."

Geld für langfristige Projekte

Wie in Ostafrika versuchen die Helfer in den Sahel-Ländern den Spendenfluss nicht versiegen zu lassen - trotz ausbleibender Katastrophenmeldungen. Denn sie brauchen Geld für langfristige Projekte, mit denen sich die Bauern gegen die nächste Dürre wappnen sollen. Es geht um moderne Bewässerungsmethoden, besseres Saatgut, das Anlegen von Vorräten. Man müsse auch Bäume pflanzen, sagt Johannes Schoors, um das Fortschreiten der Wüste zu bremsen. "Leider ist die Finanzierung für viele Projekte auf ein Jahr befristet. So kann man kaum planen."

Die Dürren in Westafrika werden immer häufiger, früher betrug der Abstand zwischen ihnen noch im Durchschnitt sieben Jahre. Und auch politische Krisen reißen nicht ab. Viele nigrische Gastarbeiter mussten zuletzt heimkehren - aus Libyen, Nigeria, Côte d'Ivoire. Das Geld, das sie früher nach Hause schickten, fehlt nun beim Einkauf auf dem Dorfmarkt.

Am Horn von Afrika haben die UN kürzlich die Hungersnot für beendet erklärt. Gut eine Milliarde Dollar ist insgesamt in Hilfslieferungen nach Ostafrika geflossen, auch die letzten Regen waren dort ergiebig. Der Hunger ist in Somalia, Kenia und Äthiopien nicht mehr offiziell - auch wenn mehr als 400.000 somalische Kinder "akut unterernährt" bleiben.

Spendenadressen

Diakonie Katastrophenhilfe: Kennwort "Hungerhilfe Sahel", Konto: 502 707, Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70

Deutsche Welthungerhilfe: "Westafrika", Konto: 1115, Sparkasse Köln-Bonn, BLZ 370 501 98.

Aktion Deutschland Hilft: "Sahel", Konto: 10 20 30, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.

Care Deutschland-Luxemburg e.V.: "Hunger in Westafrika", Konto: 4 40 40, Sparkasse Köln-Bonn. BLZ: 370 501 98.

© SZ vom 08.02.2012/jobr
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