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Schulabschluss 2020:"Für die Abiturienten ist es eine doppelte Krise"

In diesem Jahr fällt der Abi-Streich coronabedingt aus: Ein von Schulabgängern geschmückter Flur am Gymnasium in Vaterstetten.

(Foto: Christian Endt)

Kein Abi-Streich, kein Abi-Ball und die Sorge, wie es weitergeht: Kulturforscherin Katrin Bauer weiß, warum gerade in einer Krise Bräuche so wichtig sind.

Interview von Ania Kozlowska

Die letzten Tage an der Schule: Gerade für Abiturientinnen und Abiturienten war das zuletzt immer ein großes Fest. Doch Corona macht auch hier einen Strich durch die Rechnung. Katrin Bauer ist wissenschaftliche Referentin im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverband Rheinland. Die Kulturforscherin selbst hat 1997 ihr Abitur gemacht und unter anderem zu Abi-Bräuchen und ihrer Bedeutung geforscht.

SZ: Frau Bauer, wie gestaltet man einen Abi-Streich in Zeiten von Corona?

Katrin Bauer: Es gibt einzelne Schulen, die bereits Alternativen gefunden haben: In Trier etwa hat eine Schule eine virtuelle Abi-Feier gemacht, wo sich alle dazuschalten konnten. Ein Schüler war der DJ und hat Musik gemacht, es gab eine Chat-Funktion und eine Foto-Show, wo man sich an vergangene Zeiten erinnert hat. Oft soll die Feier auch nachgeholt werden, die Frage ist aber, ob das dann noch das Gleiche ist.

Ein Abi-Streich als Livestream? Kaum vorstellbar.

Natürlich kann man virtuell Emotionen nicht so gut zeigen und ins Gespräch kommen. Es ist eher monologisch und das Prinzip, gemeinsam etwas zu tun, fällt dadurch komplett weg. Der Abi-Streich ist etwas, das die Schüler und Schülerinnen zusammen erschaffen: Man wird von der Schule gefeiert, auch von den jüngeren Jahrgängen, die dann zu einem aufschauen. Ein Abi-Shirt, das jeder hat, bewirkt, dass man als Gruppe wahrgenommen wird. Virtuell ist das natürlich nicht machbar.

Welche Auswirkungen hat das Fehlen dieser Bräuche für den Abiturjahrgang in der Corona-Krise?

Ich kann mir vorstellen, dass das erstmal ein Loch ist, in das die Schülerinnen und Schüler fallen. Es gibt sicher Strategien, wie man damit umgeht, aber die werden irgendwie anders aussehen. Aber es kann auch umgekehrt sein: Dass die Stufe dadurch gestärkt wird und sich ein Jahr später trifft, um alles nachzuholen.

Abiturientinnen und Abiturienten

Katrin Bauer ist Volkskundlerin und Referentin beim LVR-Institut in Bonn und hat 1997 Abitur gemacht. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Ritualen und Bräuchen - unter anderem den Abi-Streich.

(Foto: Privat)

Wie haben sich Abi-Bräuche entwickelt?

Es begann in den 70er und 80er Jahren mit eher harmlosen Streichen. Damals ging es darum, den Zugang zur Schule zu sperren. Im Laufe der Jahre hat sich eine Bühnenshow entwickelt, die mittlerweile obligatorisch ist. Die Abiturientinnen und Abiturienten organisieren ein Event mit professioneller Lichttechnik, Rauch und allem was dazu gehört. Auch Spiele mit den Lehrern wurden integriert, es geht also um einen Rollenwechsel. Und in den letzten zehn Jahren hat sich die sogenannte "Mottowoche" entwickelt: Man kommt in der letzten Woche jeden Tag verkleidet in die Schule und schlüpft in eine andere Rolle. Und am Ende erwartet einen dann der Abi-Ball als großer Höhepunkt.

Gibt es einen Abi-Streich, der Sie ganz besonders beeindruckt hat?

Da fallen mir einige Höhepunkte ein: Einmal wurden Lehrer mit Hubschraubern eingeflogen. Ein Jahrgang hat auch mal Teile des Stadions in Köln gemietet. Aber richtig faszinierend sind eher die kleinen Sachen: Wenn man mit viel Kreativität den eigenen Schulraum umgestaltet und dann ein Fest macht, das für alle Jahrgänge toll ist. Gerade jetzt wäre es wichtig, zusammen zu feiern und gemeinsam diese Krise zu meistern. Für die Abiturienten ist es eine doppelte Krise: Sie wissen nicht, wie es mit den Unis weiter geht, da auch die Erstsemester-Veranstaltungen ausfallen. Es ist völlig unklar, ob es vielleicht virtuelle Universitäten geben wird, die ganz anders sind als das, worauf man sich eingestellt hat.

Viele Lehrer werden dagegen froh darüber sein, dass es diesmal etwas ruhiger zugeht.

Vor zwei, drei Jahren gab es Eskalationen in Köln, wo die Schulen sich untereinander bekämpft haben. Das hat sich mittlerweile aber sehr beruhigt. Abi-Streiche sind eher harmloser geworden, ein großes Schulfest. Was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die Schulen strikte Regeln erlassen haben. Es ist ein Phänomen der letzten Jahre, dass die Abiturientinnen und Abiturienten schon im Voraus einen Vertrag unterschreiben müssen, dass sie eine gewisse Grenze nicht überschreiten.

Warum sind Abi-Bräuche überhaupt so wichtig für Schulabgänger?

Das Abitur ist eine klassische Übergangsphase, weil ein Lebensabschnitt, der zwölf, dreizehn Jahre lang die Schülerinnen und Schüler geprägt hat, von einem auf den anderen Tag zu Ende geht. Solche Übergänge sind immer begleitet von Ritualen, die einem den Umgang damit erleichtern. Beerdigungen sind ein vergleichbares Beispiel - da hat man einen ganz genauen, festen Ablauf. Ähnlich ist es bei den Abi-Bräuchen: Man erlebt ein letztes Mal diese emotionale Gemeinschaft. Deswegen ist es so wichtig, zusammen auf der Bühne zu stehen. Zudem kann man für einen Tag die Welt auf den Kopf stellen. Zum Schluss wird so eine starke Stufenidentität aufgebaut. Das Zweite ist das Abschiednehmenkönnen: Dass man miteinander den Abschied gestaltet und nicht alleine gelassen wird. Das ist ganz wichtig, um auch im späteren Leben Übergänge meistern zu können. Denn danach ist alles anders. Dann geht jeder seinen eigenen Weg.

Und jetzt? Wo Corona solche Rituale unmöglich macht?

Schwierig. Denn vor allem in Krisensituationen wollen viele auf Altbewährtes zurückgreifen, eine soziale Gemeinschaft sein und das, was man kennt, beibehalten.

© SZ/zip

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