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Zwischennutzung:Der Reiz des Improvisierens

Beim Sommerfest des Bahnwärter Thiel wird es eng

Eine Minute vor zehn, kurz vor Schluss also, fiel der Strom aus. Der Singer-Songwriter Paul Kowol braucht ein paar Sekunden, um die Situation zu erfassen. Paul hebt die Stimme: Es müsse ja irgendwie weitergehen und eigentlich gäbe es nur eines zu tun, sagt er, während er schon wieder seine Akustikgitarre anschlägt. Keine fünf Minuten später funktioniert die Technik wieder. Manchmal muss man wohl einfach improvisieren, auch an diesem Samstagabend.

Paul ist einer der Musiker, die auf der Musikbühne beim Sommerfest des Bahnwärter Thiel auftreten, einer Zwischennutzung bis 2022 auf dem Gelände der ehemaligen Großviehhalle. Die anderen Künstler sind Elena Rud, LORiiA und die Band Kannheiser. Das Team der Junge Leute-Seite der SZ suchte die Musiker aus und präsentierte das Konzert.

Die Bühne, wenn man sie denn so nennen möchte, ist ein ausrangierter Schienenwagen, etwa acht Quadratmeter groß. Über der Bühne sind zwei ockergelbe Laken gespannt. Ziemlich eng also, aber Elena, dem ersten Act, scheint das nichts auszumachen. Sie spielt eine Mischung aus alten und neuen Liedern und hält mit ihrer Stimme auch viele Menschen an, die eigentlich nur vorbeigehen wollen. Kannheiser spielen als zweites, für sie ist das erst der dritte Auftritt. Und dann ist auch noch ihr Bassist im Urlaub und der Platz zu eng. Dennoch zieht ihr elektro-poppiger Sound viel Publikum an. Mit LORiiA und Paul wird der Abend ruhiger. Ihre Stimme ist klar und kräftig, begleitet wird sie von Elisa von Wallis auf dem Cello und dem Piano. Pauls sentimentale Musik kommt gut an, wo es doch gerade dunkel wird. Nach zwei Songs stellt er das Mikrofon vor die Bühne, spielt quasi im Publikum.

Die Bühne selbst steht am Wegesrand, zehn Meter Asphalt trennen sie von einer kleinen Grube. Wo kein Platz für die Zuschauer ist, setzen sie sich einfach auf den Weg. Nicht lange und man kommt kaum noch durch die Menschenmenge, so gut kommt das Konzert an. Die Künstler untereinander lernen sich kennen, vernetzen sich. Sie alle bleiben bis zum Schluss. Kim Westphal, eine Zuschauerin, die zusammen mit einer Freundin zum Bahnwärter Thiel gekommen ist, ist von den Bands begeistert. Die beiden sind öfter hier, Kim sagt: "München braucht mehr solcher Orte. Es ist schade, dass es nur eine Zwischennutzung ist." Der Musiker Paul scheint das ähnlich zu sehen: Er wisse ja nicht, wer das bei der Stadt entscheidet, aber er würde das hier nicht einreißen, sagt er zwischen zwei Songs. Sicherlich, es werde auch nach dem Bahnwärter noch Auftrittsorte in München geben, sagt die Zuschauerin Kim. Und doch ist es ein Ort weniger, an dem man improvisieren kann und es wie Paul beim Stromausfall manchmal auch muss.