Zum 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts Feiern und fordern

Ist doch egal, ob Mann, Frau, weiß oder schwarz: "Wir sind alle Menschen! Das fehlt mir", sagt Comedienne Idil Baydar bei ihrem Auftritt.

(Foto: Robert Haas)

In der Muffathalle werben Frauen und Männer für Feminismus

Von Christiane Lutz

Das einzig Ärgerliche an dem Abend ist, dass niemand auf die Idee kam, wenigstens für diesen Tag die Männlein-Weiblein-Schilder auf den Toiletten zu überkleben, so dass die Frauen anstehen müssen - wie immer. Es sind rund 900 Menschen in die Muffathalle gekommen zu "#Sieinspiriertmich". Ein Fest, bei dem anlässlich des 100. Geburtstags des Frauenwahlrechts und des Weltfrauentags das bisher Erreichte gefeiert und sich für die Kämpfe der Zukunft gewappnet werden sollte. Gefeiert wurde dann auch, obwohl noch vieles im Argen liegt bei der Gleichberechtigung - nicht nur bei der zwischen Mann und Frau, auch bei der zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung. Darüber sprechen die vier Speaker, die kleine Impulsvorträge halten, durch den Abend führt Moderatorin Ninia LaGrande.

Netzaktivistin Kübra Gümüşay beispielsweise spricht von der Hoffnung, die sie am diesjährigen Weltfrauentag am 8. März gespürte habe. Hoffnung, dass endlich wirklich was voran geht. Sie fordert, den Feminismus nicht nur weißen, akademischen Frauen zu überlassen, sondern einen "intersektionalen Feminismus" zu leben, also einen, der auch Frauen einbezieht, die verschiedenen Diskriminierungsformen ausgesetzt sind - beispielsweise durch dunkle Hautfarbe oder eine Behinderung. Man dürfe die Belange einzelner Gruppen nicht gegeneinander ausspielen, sondern alle müssten für alle eintreten. "Wir können nie zu viel Gerechtigkeit fordern", sagt Gümüşay. Das Thema Solidarität taucht immer wieder auf, auch im Vortrag von Journalist Julian Dörr, der die Kolumne "Mansplaining" für die Süddeutsche Zeitung schreibt. Als Prototyp des weißen privilegierten Mannes sieht er sich in der Pflicht, Strukturen zu verändern, die dazu führen, dass man ihm automatisch zuhört, wo die Kollegin vielleicht übergangen wurde. Schauspielerin Lara-Sophie Milagro ist Mitbegründerin von "Label Noir", einem Netzwerk, mit dem sie sich dafür einsetzt, dass schwarze Schauspieler in Film und Theater nicht klischeebehaftet und überhaupt besetzt werden. Auch sie plädiert für einen diversen Feminismus und wirbt für Solidarität.

Gelegenheit zur Vernetzung hatten alle Gäste, am frühen Abend konnten sich die Besucher im Muffatcafé Lesungen anhören und kleine Performances sehen, in der Muffathalle hatten sie die Möglichkeit, sich an sogenannten "Inspi-Stationen" mit Künstlern, Aktivisten, Psychologen, Journalisten und sonstig feministisch Bewegten auszutauschen. Später nachts traten noch DJs und Musikerinnen auf, dabei auch Bernadette la Hengst, die in ihrem neuen Song "Wir sind die Vielen" singt: "Ihr wollt das Volk sein? Wir sind die vielen" - ein Lied gegen Rassismus, das sich aber auch als Kampfansage gegen Sexismus und Diskriminierung hören lässt.

Nach ihrem Impuls-Vortrag stellt Idil Baydar, die als Jilet Ayşe Comedy macht, fest, dass der Abend sich doch sehr nach "zu den Bekehrten predigen" anfühle. Die, die gekommen seien, seien ja bereits feministisch bewegt. Ein Blick durch die gut gefüllte Muffathalle gibt ihr recht, das Publikum besteht vor allem aus Frauen, ein paar davon im Rollstuhl, ein paar davon mit dunkler Hautfarbe, ein paar "Omas gegen rechts" sind auch gekommen. Warum so wenige Männer da sind, wundert sich jemand. Vielleicht Berührungsängste trotz redlicher Mühen des veranstaltenden Kulturreferats, alle anzusprechen? Allerdings, sagt Baydar, habe sie es ohnehin aufgegeben, uneinsichtigen Männern die Welt zu erklären, lieber stärke sie ihr Team. Sie hoffe, dass sich die Idee der Gleichberechtigung von einem inspirierten Menschen zum nächsten fortsetze. Es bleibt viel zu tun.