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Zukunft der Bildung:Das knallbunte Klassenzimmer

Das Zentrum an der Gerastraße ist die erste Schule, die komplett nach dem Lernhauskonzept generalsaniert wurde. Die neuen Räume sollen Lehrern und Kindern Freiräume geben, um den Schulalltag nach ihren Vorstellungen zu gestalten

Jugendliche schlafen morgens gerne länger, was vor allem in diesen Tagen zum Problem wird in vielen Familien. Die Sommerferien sind vorbei, um acht müssen die meisten Schüler allerspätestens an ihrem Platz im Klassenzimmer sitzen. Das ist auch an der städtischen Artur-Kutscher-Realschule in Moosach nicht anders. Und doch beginnt der Unterricht hier entspannter als in vielen anderen Schulen. Denn in den fünften Klassen öffnet in den ersten beiden Stunden zunächst einmal das Lernbüro. Die Kinder entscheiden selbst, ob sie ihr Wissen lieber in Mathe, Englisch oder Deutsch vertiefen wollen. Sie lernen in ihrem eigenen Tempo, Lehrer helfen bei Fragen weiter. Von einer Stegreifaufgabe wird hier niemand überrascht. "Die Schüler besprechen mit ihrer Lehrkraft, wann sie ihren Test schreiben wollen, wann sie sich fit genug dafür fühlen", sagt Schulleiterin Renate Lotterschmid.

Lernbüros am Morgen, das Doppelstundenprinzip, eine Abwechslung von Unterrichtsphasen, Lernzeiten und Freizeitangeboten, ein fest verankertes Mittagessen und regulärer Unterricht am Nachmittag: Die Artur-Kutscher-Realschule richtet den Tagesablauf in ihren Ganztagsklassen an der biologischen Leistungskurve ihrer Schüler aus. Dieses Konzept kommt an: Gut die Hälfte der 730 Mädchen und Jungen geht mittags nicht nach Hause, sondern besucht den Unterricht bis 16.15 Uhr. Damit liegt die Moosacher Realschule knapp über dem Schnitt. In den 20 städtischen Realschulen nehmen mittlerweile 46 Prozent der Kinder an einem Ganztagsangebot teil. Die Stadt forciert den Ausbau, weil Eltern eine Betreuung brauchen. Und weil es zur Bildungsgerechtigkeit beitrage, wie Münchens Dritte Bürgermeisterin Christine Strobl und Stadtschulrätin Beatrix Zurek erst kürzlich auf einem Pressetermin in der Artur-Kutscher-Realschule erläuterten.

Dass die beiden Bildungspolitikerinnen ins Schulzentrum an der Gerastraße, das neben der Realschule auch noch die Grundschule an der Gerastraße und das staatliche Gymnasium Moosach beheimatet, ist kein Zufall. Denn hier können sie besonders gut zeigen, wohin all die Millionen fließen, die der Stadtrat für den Schulbau genehmigt. Insgesamt vier Jahre lang mussten die knapp 2100 Kinder und Jugendlichen enger zusammenrücken und zum Teil auch in die gelben Schulcontainer ausweichen, die auf den Freisportplätzen aufgestellt wurden. "Das hat nicht gerade zur Begeisterung der Schüler und Lehrer beigetragen", sagt Bürgermeisterin Strobl. Doch eine Alternative gab es nicht.

Die Generalinstandsetzung war unausweichlich, stehen geblieben sind quasi nur die Grundmauern. Das Gebäude aus dem Jahr 1975 ist tatsächlich nicht wiederzuerkennen. Der düster-braune Anstrich ist einem leuchtenden Gelb gewichen. Doch nicht nur die Farbe lässt die Schule freundlicher und heller erscheinen. Die Klassenzimmer sind nicht mehr an einem langen Flur aufgereiht, statt abschirmender Mauern gibt es jetzt Glasfronten an den Klassenzimmern. Und die Stadt hat ihr neues Vorzeigeobjekt, in das sie immerhin fast 100 Millionen Euro investiert hat. Denn das Moosacher Schulzentrum ist die erste generalsanierte Schule, die durchgängig nach dem Lernhauskonzept gestaltet ist - dem pädagogischen Konzept, mit dem sich die Stadt München so gerne schmückt.

Lernhäuser - das sind kleine Schulen im großen Schulhaus. Eigenständige Einheiten mit einer eigenen Mittelzone zum Lernen und Entspannen, verschiedenen Klassenzimmern, einem Teamraum für die Lehrer und eigenen Toiletten. Mit flexiblen Elementen können die Räume geteilt und so neue Lernlandschaften geschaffen werden.

Wie die Schulen sich organisieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Die einen fassen aus jedem Jahrgang jeweils eine Klasse zusammen: In einem Lernhaus kommen dann beispielsweise die 1a, 2a, 3a und 4a zusammen. Das bietet den Vorteil, dass die Kinder jahrgangsübergreifend zusammen lernen können. Andere wiederum haben sich entschieden, alle Klassen einer Jahrgangsstufe in einem Lernhaus zu unterrichten. So entsteht ein enger Zusammenhalt zwischen Gleichaltrigen.

Egal, wie es umgesetzt wird, ein solches architektonisches Konzept sei vor allem im Ganztag wichtig, betont Strobl. Kinder und Jugendliche, die bis zum späten Nachmittag in der Schule sitzen, sollen die Zeit nicht nur in einem Klassenzimmer verbringen müssen. Sie sollen nicht nur ihrem Lehren im sogenannten Frontalunterricht zuhören müssen, sondern auch in Gruppen oder Stillarbeit lernen können, ohne dass dafür gleich größere Umbauten im Klassenzimmer nötig sind - weil es dann oft nicht gemacht wird.

Die Architektur bringt aber auch neue personelle Strukturen mit sich. In Schulen, die in Lernhäusern organisiert sind, gibt es zwar immer noch eine Schulleitung, die mehrere Dutzend bis weit über 100 Lehrer unter sich hat. Darunter aber existiert eine weitere Ebene, denn jedes Lernhaus hat seine eigene Teamleitung. 14 bis 16 Lehrer bilden im Schnitt das Team, die Kinder haben also nicht ständig wechselnde Bezugspersonen, sondern einen festen Stamm an Pädagogen, die für sie zuständig sind und die Schüler so besser kennen. Eine stärkere Bindung entsteht, die Kommunikationswege verkürzen sich, bei Problemen kann schneller geholfen, Stärken können frühzeitiger gefördert werden.

Das Lernhauskonzept stammt ursprünglich von Zureks Vorgänger Rainer Schweppe. Der Stadtschulrat, dessen Vertrag nach nur einer Amtszeit nicht verlängert wurde, ließ den Stadtrat im Jahr 2011 über die neuen Standards abstimmen, die fortan bei allen Neubauten und Generalinstandsetzungen Anwendung finden sollen. Aus dem Lernort Schule sollte ein Lebensort werden. Die Schulstadt München, selbst Trägerin von 124 eigenen Schulen, wollte auch in Sachen Pädagogik mitmischen und sich nicht mit der ihr zugewiesenen Rolle als Sachaufwandsträgerin der staatlichen und städtischen Schulen begnügen, die nur für den Schulbau, nicht aber die Inhalte zuständig ist. Zusätzlich verabschiedete der Stadtrat wenig später ein Standardraumprogramm, das vorgibt, wie groß Klassenzimmer und andere Räume mindestens sein sollen. Gleiche Standards und Ausgangsbedingungen an allen Schulen, so lautete das Ziel. Dieses ist allerdings im Bestand schwer umzusetzen.

Unumstritten ist das Lernhauskonzept nicht. Kritiker beklagen die hohen Investitionskosten. Lehrer müssen sich an Teamarbeit gewöhnen. Zweifel gibt es auch an den vielen Teamzimmern, da Lehrer sich nicht mehr wie selbstverständlich alle in einem zentralen Lehrerzimmer begegnen würden. Außerdem komme es nicht auf Räume, sondern den Lehrer an, sagen andere. Dass sich die pädagogischen Inhalte des Lernhauskonzepts auch ohne spezielles architektonisches Konzept umsetzen lassen, beweist etwa die Anne-Frank-Realschule, eine herkömmliche Flurschule, die nur pädagogisch nach dem Lernhauskonzept arbeitet. Sie besitzt keine Marktplätze, ist aber 2014 mit dem renommierten deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden. Ein Raumkonzept ohne begleitende Pädagogik bringt kaum Erfolg, darin sind Experten sich einig. In hellen, ansprechenden Räumen aber macht Lernen viel mehr Spaß. Das bestätigt auch Schülerin Sarah Schumacher von der Artur-Kutscher-Realschule. Sie engagiert sich freiwillig in der "B_AKR_Y"-AG. Einmal pro Woche, so erzählt sie, belegen die Schüler Semmeln und verkaufen diese in der Pause an ihre Mitschüler. "Da soll noch mal einer behaupten, die junge Generation beteilige sich nicht", sagt Stadtschulrätin Zurek.