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Wolfratshauser Stadtgeschichte:Von mehrköpfigen Monstern und einer Maus

Der Marienbrunnen bietet mehr als eine Erfrischung.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Wolfratshauser Marienbrunnen sprudelt wieder. An seinen acht Reliefs gehen die meisten dennoch achtlos vorbei. Hobbyhistoriker Christian Steeb erklärt, was sie, mal offensichtlicher, mal versteckter, über die Stadtgeschichte erzählen.

Von Konstantin Kaip

Fast zwei Jahre lang war der Wolfratshauser Marienbrunnen vor der Pfarrkirche Sankt Andreas in der Altstadt trocken. Gerade noch rechtzeitig zum Hochsommer konnten nun die maroden Leitungen in Stand ersetzt werden, nun sprudelt wieder Wasser aus den Löwenköpfen unterhalb der Säule. Das freut besonders die Kinder, die es gerne zur Erfrischung nutzen. Dem Bauwerk selbst aber schenkt kaum ein Passant besondere Aufmerksamkeit. "Da rennt jeder daran vorbei", sagt der Wolfratshauser Hobbyhistoriker Christian Steeb. Und schweife der Blick eines Betrachters zufällig über die Reliefs an den acht Seiten des Kalksteinbrunnens, könne dieser meist nichts damit anfangen. "Dabei behandeln sie fast die gesamte Geschichte des Marktes", sagt Steeb.

Zu verdanken haben die Wolfratshauser die Darstellungen ihrem einstigen Bürgermeister Willy Thieme. Der Sozialdemokrat, der auch die beiden Freundschaftplatanen neben den Brunnen setzen ließ, um die Partnerschaft mit der französischen Stadt Barbezieux zu symbolisieren, hatte 1972 die Idee, die bis dato leeren Felder des Oktagons füllen zu lassen. Wie Steeb erzählt, konnte der damalige Rathauschef den Stadtrat dazu gewinnen, dort Reliefs mit geschichtlichen Motiven realisieren zu lassen. Damit beauftragt wurde der renommierte Ruhpoldinger Bildhauer Andreas Schwarzkopf. Fast zwei Jahre, sagt Steeb, habe der Künstler daran gearbeitet und in dieser Zeit in der Wolfratshauser Badstraße gewohnt.

Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, die Reliefs zu betrachten, für den kann ein Rundgang um den Brunnen zu einer lehrreichen kleinen Entdeckungsreise werden.

Marienbrunnen Wolfratshausen, alt

Der Wolfratshauser Marienbrunnen wurde 1848 aus Stein errichtet, zunächst mit einer gotischen Säule in der Mitte. Erst 1924 wurde diese in die heutige obeliskenhafte Form geändert und mit der Marienstatue versehen, die vom Erzgießer Ferdinand von Miller stammt.Die Postkarte (vermutlich um die Jahrhundertwende entstanden) stammen aus dem Archiv, zur Verfügung gestellt von Christian Steeb.

(Foto: privat)

Auf Straße und Wasser

So zeigen zwei der steinernen Bilder die damals üblichen Handelswege zu Wasser und auf dem Land. Eine Szene mit einem von Pferden gezogenen Planwagen spiele auf der Handelsstraße nach Venedig, erklärt Steeb. "Die Tafel zeigt einen bewaffneten Handelszug, die sogenannte ,Landrott'. Der Export nach dem Süden bis Vendig verlief zum größten Teil auf dem Landweg, während die Waren aus dem Orient in Mittenwald und Garmisch mit Flößen (,Wasserrott') weitertransportiert wurden. In der linken Ecke sieht man das damals übliche Zahlungsmittel: "Silberpfennige aus der Reichsmünzstadt Regensburg." Die "Wasserrott" ist auf einem anderen Relief dargestellt: Drei Flößer transportieren eine Frau mit Kind, Waren und einen erlegten Hirsch.

Grafschaft und Burg

Ein weiteres Relief zeigt die Burg Wolfratshausen, die 1116 von Graf Otto II errichtet und 1734 vollständig zerstört wurde. "Links mit Topfhelm das Wappen der Herzöge von Andechs-Meranien mit dem schreitenden Andechser Löwen und dem Reichsadler", erklärt Steeb. "Sie hatten die Grafschaft Wolfratshausen nach dem gewaltsamen Tod von Graf Otto V in Italien vor Pavia und dem Ableben des Bruders Heinrich II geerbt." Beide waren kinderlos. Rechts wiederum "das Wappen der Wiitelsbacher, welche die Burg bei einer sinnlosen Fehde mit Otto VIII von Andechs-Merainien erstürmten und bis zu ihrer Zerstörung über sie geboten." Für die Grafschaft Wolfratshausen gibt es zudem ein eigenes Relief: "Der Graf zu Pferd mit seinem Gefolge, den Ministerialen", wie Steeb präzisiert.

Ungeheuer und Bauernschlacht

Das wohl traumatischste Ereignis in der Geschichte Wolfratshausens war der Dreißigjährige Krieg, bei dem zahlreiche Bürger ihr Leben lassen mussten und der Markt mehrfach gebrandschatzt wurde. Symbolisiert wird das von der Hydra, dem mehrköpfigen Ungeheuer aus der griechischen Mythologie. Dazu hat Schwarzkopf die Jahreszahlen des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1848) und die Worte "Feuersbrunst, Hungersnot, Pestilenz und Tod" in den Stein gemeißelt. Ein weitere Relief widmet sich der Sendlinger Bauernschlacht im Jahr 1705. "Dargestellt ist das Massaker durch die österreichischen kaiserlichen Truppen an den Oberlandlern", erklärt Steeb.

Zwei Wappen und zwei Tiere

Die letzten beiden Reliefs am Wolfratshauser Brunnens schließlich stehen jeweils für Verbindungen: Eines zeigt das Siegel der Pfarrkirche von Wolfratshausen neben dem Emblem der Erzdiözese München Freising und soll die Zugehörigkeit zueinander zeigen, wie Steeb erklärt. Das andere wiederum zeigt das bayerische und das Wolfratshauser Wappen. Umrahmt werden sie von einem Tau, das das Handwerk der Flößerei symbolisieren soll, wie Steeb weiß. In diesem Bild hat Künstler Schwarzkopf zwei Tiere versteckt: Rechts unten einen Hecht, "als Symbol für die Loisach", sagt Steeb. Die kleine Maus, die links neben dem Bayernwappen das Tau anknabbert, muss der Betrachter hingegen suchen. Das Nagetier, sagt Steeb, stehe für den Zahn der Zeit.

Wer genau hinsieht, kann links die Maus erkennen: als Symbol für den Zahn der Zeit.

(Foto: Hartmut Pöstges)
© SZ vom 13.08.2020
Der Wolfratshauser Marienbrunnen

In Wolfratshausen gab es schon im Mittelalter vier öffentliche Brunnen: vor der Birnmühle und dem Haus Nummer 29 am Untermarkt, gegenüber dem Schankl-Anwesen am Obermarkt und vor der Pfarrkirche. Alle waren einst aus Holz, wie Steeb sagt. Als man den zentralen Brunnen vor der Kirche ersetzen musste, entschied man sich 1848 für einen Bau aus Stein in Form eines Monuments. Der Brunnen wurde achteckig gestaltet, im Zentrum wurde eine gotische Säule errichtet. Sein Standort war damals ein anderer als heute: Er stand näher am Humplbräu. 1924 musste die marode Säule erneuert werden, der Brunnen wurde versetzt und zu einem Kriegerdenkmal umfunktioniert, das inzwischen an die gefallen Soldaten aus beiden Weltkriegen erinnert.

Damals habe man auch die Madonna oben auf die Säule gesetzt, sagt Steeb. Erst als sie 1987 abgestürzt sei, habe man erkannt, dass die Figur vom Erzgießer Ferdinand von Miller stammt, dem Sohn des Schöpfers der Bavaria. Sie sei dann von einer Spezialfirma aufwendig saniert worden. Von 1972 bis 1974 wurde der Brunnen schließlich unter Bürgermeister Willy Thieme mit den Reliefs ergänzt und von den beiden Platanen gesäumt, die dem Marienplatz bis heute ein mediterranes Flair geben.

Zuletzt war der Marienbrunnen immer wieder Gegenstand von Diskussionen: Im Rahmen der Bürgerbeteiligung zur Umgestaltung der Marktstraße wurde angedacht, ihn zur Straße hin versetzen zu lassen, um dem Marienplatz aufzuweiten. Christian Steeb hält das für einen "irrwitzigen Gedanken", von dem man "Gott sei Dank schon wieder abgekommen" sei. Der Marienplatz mit der Kirche Sankt Andreas stehe außerdem unter Ensembleschutz, sagt er. "Da darf man nichts verändern." AIP

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