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Wolfratshausen:Spurensicherung in Waldram

Zwei historische Gebäude könnten die ganze Lokalgeschichte erzählen - wenn sie nicht abgerissen werden.

Felicitas Amler

Der Mittwoch dieser Woche ist für den Historischen Verein Wolfratshausen und für den Stadtteil Waldram ein besonderer Tag: Vertreter des Vereins treffen sich mit Repräsentanten des Erzbischöflichen Ordinariats, um über Abriss oder Rettung letzter architektonischer Zeugen der Zeitgeschichte in Waldram zu sprechen.

Für die Erhaltung des bedrohten Gebäude-Ensembles am Kolpingplatz haben sich zwar außer dem Historischen Verein inzwischen zahlreiche Menschen und Institutionen ausgesprochen - von der Siedlungsgemeinschaft Waldram über den Sportverein DJK bis zu den Kulturpreisträgern der Stadt. Doch Stand der Planungen ist bisher immer noch, dass das Ordinariat die beiden Häuser vom Ende der 1930er Jahre abreißen und dort neu bauen möchte.

Der Historische Verein hingegen sieht in diesen Gebäuden unwiederbringliche Zeitzeugen: für die Geschichte Waldrams vom 1937 eingerichteten NS-Zwangsarbeiterlager Föhrenwald über das Auffanglager für überwiegend jüdische Displaced Persons (DP) nach dem Zweiten Weltkrieg (1945 bis 1957) bis zur heutigen Wohnsiedlung.

Es gehe um die Authentizität des Ortes, betont Bernhard Reisner, stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins. Nur die Originalbauten könnten Geschichte vor Augen führen: "Hier sieht man, wie Waldram ausgeschaut hat", sagt Reisner. Und: "Das ist die letzte Chance. Wenn das weggerissen wird, hat Waldram sein Gesicht verloren." Da würde es dann auch nichts mehr helfen, wenn man eine Gedenktafel aufstellte. Es gebe aber immer noch Leute, räumt Reisner ein, die der Meinung seien, "das alte Gemäuer kostet nur".

Der Verein um die Vorsitzende Sybille Krafft hat freilich auch viele Unterstützer gewonnen, als er die Idee eines Dokumentations- und Begegnungsortes für das eine der beiden Häuser am Kolpingplatz entwickelte. Es handelt sich dabei um ein ehemaliges Badehaus, in dem eine jüdische Mikwe für rituelle Waschungen eingerichtet war. Eine Ausstellung könnte sowohl dieses Ritualbad erläutern als auch die Ortsgeschichte vom Lager Föhrenwald zum Stadtteil Waldram darstellen. Es könnte ein Ort der Erinnerung wie der Begegnung sein, eine Anlaufstelle für Gespräch und Information.

Der Historische Verein sieht sich, was Thema und Inhalt angeht, durchaus gut vorbereitet. "Das haben wir schon im Kreuz, dass wir das selber stemmen", sagt Reisner. Es sei ja schon viel Material zusammengetragen worden. Reisner verweist auch auf die noch bis Juni laufende Ausstellung im Jüdischen Museum München, zu der sein Verein maßgeblich beigetragen hat. Unter dem Titel "Juden 45/90. Von da und dort - Überlebende aus Osteuropa" werden die Besucher des Museums auf einer Ebene in eine Art virtuelles DP-Lager Föhrenwald geführt, das länger als jedes andere DP-Lager in Deutschland existierte. "Zwischen den Silhouetten der charakteristischen Föhrenwalder Siedlungshäuser eröffnen sich Einblicke in verschiedene Aspekte des Lagerlebens und in die Geschichten einzelner Familien", heißt es dazu im Ausstellungskonzept.

Außer der konkreten Geschichte des Orts rund um den heutigen Kolpingplatz könnte der Historische Verein auch seine bundesweit viel beachtete Wanderausstellung "Wir lebten in einer Oase des Friedens" über die Jüdische Mädchenschule Wolfratshausen1926 bis 1938 in dem historischen Haus präsentieren. "Irgendwann wird diese Ausstellung ihre Wanderschaft einstellen und einen Platz brauchen, wo sie dauerhaft zu besichtigen ist", sagt der stellvertretende Vorsitzende.

Viele Ideen und Vorstellungen für die Nutzung der geschichtsträchtigen Räume also: "Aber das erste ist die Frage, können wir das überhaupt retten", betont Reisner. Sybille Krafft sagt, es sei ermutigend, dass ihr Verein dafür so viel Unterstützung gefunden habe: "Da merkt man den Waldramer Geist." Man spüre, "dass da ein Zusammenhalt ist".

Über den Ausgang des Gesprächs, zu dem das Erzbischöfliche Ordinariat seinen stellvertretenden Finanzdirektor und Vertreter der Immobilienabteilung schickt, will der Verein frühestens am Donnerstag berichten.

www.histvereinwor.de und www.juedisches-museum-muenchen.de (Wechselausstellung)

© SZ vom 20.03.2012

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