Wolfratshausen:Die Maria der Protestanten

Wolfratshausen: Jeden Morgen um halb acht schließt Maria Feldigl die Tür der Michaelskirche auf. Dann wird in aller Ruhe geübt.

Jeden Morgen um halb acht schließt Maria Feldigl die Tür der Michaelskirche auf. Dann wird in aller Ruhe geübt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Seit 55 Jahren spielt Maria Feldigl die Orgel in der evangelischen Kirche Sankt Michael. Sie ist 90, katholisch und seit ihrer Rente Musikerin im Vollzeitjob. Ein Besuch.

Von Stephanie Schwaderer

Weihnachtslieder üben? Kommt für Maria Feldigl nicht in Frage. "Lieder werden grundsätzlich nicht geübt", sagt sie energisch und packt einen Stapel Noten auf die alte Kirchenorgel. Sonst würde sie womöglich überhaupt nicht mehr fertig hier oben. Heute, zum Beispiel, hat sie schon wieder Stunden auf der kleinen Empore verbracht. Gerade ist eine Beerdigung zu Ende gegangen. Die Todesfälle häuften sich vor Weihnachten, sagt sie. "Keine Taufen, keine Hochzeiten, aber eine Beerdigung nach der anderen." Nimmt sie das mit, nach all den Jahren? Die Frage bringt sie zum Lachen, ihre blauen Augen leuchten freundlich auf. "Na, da nimmt dich nichts mehr mit!"

Maria Feldigl ist 90 Jahre alt, Katholikin, und spielt seit 55 Jahren die Orgel in der evangelischen Kirche Sankt Michael in Wolfratshausen. Generationen von Protestanten hat sie durchs Leben begleitet, hat Glück und Trauer, Aufbrüche und Abschiede mit ihrem Orgelspiel umrahmt. Auch auf der anderen Seite der Loisach in der katholischen Kirche Sankt Andreas hat sie immer wieder ausgeholfen. "Aber mit 85 war Schluss damit", erklärt sie. "Eine Kirche ist genug!"

Wolfratshausen: Zwei Manuale und neun klingende Register stehen Maria Feldigl an der kleinen Orgel in Sankt Michael zur Verfügung. In der katholischen Kirche Sankt Andreas seien es drei Manuale, sagt sie, und 35 Register. Sie hat sich dennoch für die Protestanten entschieden. "Eine Kirche reicht."

Zwei Manuale und neun klingende Register stehen Maria Feldigl an der kleinen Orgel in Sankt Michael zur Verfügung. In der katholischen Kirche Sankt Andreas seien es drei Manuale, sagt sie, und 35 Register. Sie hat sich dennoch für die Protestanten entschieden. "Eine Kirche reicht."

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Weg in ihr spartanisches Reich in Sankt Michael führt eine alte Holztreppe hinauf. Die zierliche 90-Jährige nimmt sie mit Schwung. Ein paar Stühle stehen im Dämmerlicht, eine Holzkommode, die Orgel - und ein imposanter Heizlüfter. Den brauche es schon, sagt sie. "Aber so", sie stellt sich kerzengerade hin und schiebt die Hände weit in die jeweils gegenüberliegenden Ärmelöffnungen ihres Wollmantels, "so werden die am schnellsten wieder warm." Manchmal sitze sie auch "wie ein Eskimo" am Instrument. Die Kälte kann sie vom Orgeln jedenfalls nicht abhalten. Und sonst vermutlich auch nichts.

Punkt halb sechs jeden Morgen klingle ihr Wecker, erzählt sie. Schon immer. Sommers wie winters, sieben Tage die Woche. Dann gebe es einen Kaffee und ein Butterbrot mit Marmelade, und dann mache sie sich auf den Weg vom Untermarkt zur Kirche auf der anderen Loisachseite. "Im Winter graut's mir schon", gesteht sie, "vor allem vor der Brücke. Ich möcht nicht hinfallen, wächst ja nichts mehr zam in meinem Alter." Gegen halb acht sitzt sie dann auf dem hölzernen Bänkchen und greift in die zwei Manuale. Vor- und Nachspiele üben, Zwischenspiele. "Um diese Zeit hab ich meine Ruhe."

"Ein Bier gibt's aber nicht"

Mit der Ruhe wird es in den kommenden Tagen allerdings vorbei sein. Allein an Heiligabend hat die Organistin in Sankt Michael vier Einsätze zu bewältigen. Um 11.30 Uhr beginnt ein Mini-Gottesdienst für Familien mit kleinen Kindern; um 16 Uhr ein Krippenspiel. Bei der Christvesper (17.30 Uhr) wird sie mit einer Cellistin das Programm gestalten - vermutlich mit Corelli, Vivaldi und Haydn. "Dann gehe ich erst einmal nach Hause, Weißwürste essen. Ein Bier gibt's aber nicht, weil ich ja noch zur Christmette muss." Die beginnt um 23 Uhr. Um ein Uhr nachts, schätzt sie, werde sie schließlich daheim sein. Und viereinhalb Stunden später klingelt wieder der Wecker.

Ein Leben ohne Luxus, kein Problem für Maria Feldigl. Ein Leben ohne Johann Sebastian Bach - undenkbar für die Tochter eines Musikers, der Chorregent in Sankt Andreas war. Ihr Bruder, Hans Feldigl, machte Karriere als Opernmusiker und Dirigent. Auch sie habe als junge Frau Unterricht am Münchner Konservatorium genommen, erzählt sie. Als Beruf sei die Musik für sie aber nie eine Option gewesen. Ebenso wenig wie sie ans Heiraten gedacht habe. Die Mama sei alt geworden. "Da bin ich halt daheim geblieben. Ich hab nichts vermisst." Ihr Geld verdiente sie als Sparkassen-Angestellte. An die Orgel setzte sie sich nur in ihrer Freizeit. "Ist immer gut, wenn man sich ein bisserl auskennt mit der Harmonielehre."

Richtig loslegen konnte sie erst, als sie in Rente ging. Seit 30 Jahren ist Maria Feldigl in Sankt Michael rund um die Uhr zur Stelle, wenn sie gebraucht wird. Zudem bespielt sie bei protestantischem Bedarf Außenorte wie Beuerberg oder Holzhausen. "Wenn der Pfarrer bestellt wird, muss ich mit." Den Führerschein hat sie nie gemacht. "Als ich jung war, gab's kein Geld, da war Währungsreform. Mit 40 war's mir dann auch zu dumm." Also steigt sie bei Auswärtseinsätzen zu Pfarrer Florian Gruber oder Pfarrerin Elke Eilert ins Auto.

Wolfratshausen: Mit Straßenschuhen würde sie sich nie an die Orgel setzen.

Mit Straßenschuhen würde sie sich nie an die Orgel setzen.

(Foto: Stephanie Schwaderer)

Nebenbei versorgt sie auch noch ihren Haushalt. "Musik hält schon wach", sagt sie. "Da muss man sein Gehirn einschalten." Ganz spurlos geht das Alter aber auch an ihr nicht vorüber. Das Kreuz tue ihr manchmal weh. "Das kommt vom Notentragen." Und eine Brille brauche sie mittlerweile auch. Weil sie sonst das Mienenspiel von Pfarrerin und Pfarrer unten am Altar nicht erkennen könne - "und wir verständigen uns ja über Blickkontakt".

Und was orgelt sie zu ihrem Vergnügen, wenn sie alleine ist? "Händel ist immer schön. Etwas aus seinen Opern oder Singspielen." Oder aber Bach. Sie nimmt ein Notenheft zur Hand. Es stammt aus ihrer Konservatoriumszeit. 70 Jahre ist es alt. "Maria Feldigl" steht in Mädchen-Schönschrift auf der Aufschlagseite rechts oben. Die Seiten sind ein bisschen zerfleddert. "Das konnte ich früher alles", sagt sie. Jetzt nicht mehr. Sie müsste mehr üben.

Dann huscht sie zu dem kleinen Schrank. Holt ein paar schwarze Gymnastikschuhe heraus, wie Tänzerinnen sie tragen, tauscht sie gegen die schweren dicken Winterstiefel, und setzt sich an ihren Platz. Konzentration. Finger und Füße auf Position. Und dann lässt sie Bach perlen. Kleines Präludium in C-Dur. Uralt. Zeitlos. Quicklebendig.

© SZ vom 21.12.2019
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