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Wolfratshausen:Giftstoffe im Untermarkt schon länger bekannt

Außen sieht das prominente gelbe Haus am Untermarkt 10 zwar passabel aus, innen aber merkt man, dass dort 40 Jahre lang nichts gemacht wurde.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nach dem Debakel um die städtische Immobilie greifen CSU und SPD den Bürgermeister an. Gefahr drohe auch im Heimatmuseum. Klaus Heilinglechner widerspricht: Die Stadträte wollten nun von eigenen Fehlern ablenken.

"Grob fahrlässiges Handeln" und "Versagen, obwohl Gefahr in Verzug ist": Diese Vorwürfe richtet die CSU gegen Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) und die Stadtverwaltung - wegen des Debakels um die städtische Immobilie am Untermarkt 10. Denn dass das Gebäude zum Teil um das 59 000-fache des Grenzwertes mit mutmaßlich krebserregenden Schadstoffen wie polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) belastet ist, sei den Stadträten erst in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses mitgeteilt worden, sagte CSU-Fraktionssprecher Günther Eibl bei der Bürgerrunde in der Flößerei. "Eine solche Belastung, das ist schon brutal." Auch am Rande des SPD-Stadtgesprächs am gleichen Abend gab es Unmut gegen den Bürgermeister.

Der Verwaltung sei die Belastung bereits seit dem ersten Gutachten vor mehr als einem Jahr bekannt gewesen, sei jedoch einfach ignoriert worden: "Die Verwaltung hat darin versagt, zu erkennen, dass Gefahr im Verzug ist", befand Eibl. Dass deshalb ein Jahr lang Menschen dort ein- und ausgingen und ohne Atemschutz arbeiteten, "da fehlen einem komplett die Worte", zumal Eibl zufolge die hohe Schadstoffbelastung in der Luft und nicht im Material gemessen wurde. Auch Besucher und Verantwortliche des Heimatmuseums im Obergeschoss seien deshalb der Gefahr ausgesetzt. Doch statt für das Museum eine sofortige Sperre zu veranlassen, habe es auf die Frage der Stadträte, wie es dort nun weitergehe, wiederum nur eine "erschreckende Antwort" gegeben: "Man müsste mal messen." Die Verwaltung habe somit "grob fahrlässig" gehandelt: "Bei Gefahr für Leib und Leben kann man nicht ein Jahr lang alles laufen lassen."

Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) weist die Vorwürfe zurück und sieht auch seitens der Verwaltung keine Versäumnisse. Dass das Gebäude mit Schadstoffen belastet ist, sei bereits im Zuge des Gutachtens, das Robert Buxbaum im vergangenen Sommer für einen Bürgerladen dort erstellt hat, bekannt geworden. Der Bauingenieur hat unter dem Putzträger an den Wänden früher übliche Teerbahnen entdeckt und Proben in den Wänden und im Boden genommen, die von einem Spezialbüro untersucht wurden. Auf die Ergebnisse hat sich kürzlich im Bauausschuss auch Anton Leitner berufen, der die neueste Kostenschätzung für das Haus am Untermarkt 10 erstellt hat. Dass in der Bausubstanz eine Schadstoffbelastung über den Grenzwerten vorliege, sei "zumindest im Bauausschuss" auch im vergangenen Sommer angesprochen worden, sagt Heilinglechner. Allerdings sei im Stadtrat nicht darauf hingewiesen worden, wie hoch die Belastung im Einzelnen ist.

Unklar ist, warum die Schadstoffe so lange eine Fußnote blieben. In den Unterlagen, die die Stadträte vor rund einem Jahr erhalten hätten, sei nur"lapidar die Rede von Belastung gewesen", sagte jedenfalls Eibl. "Wenn es gefährlich ist, hätte man es uns doch mitteilen müssen", hätten viele Stadträte gedacht. Andere hätten zwar nachgefragt, doch keine konkrete Antworten erhalten. "Es wurde lediglich rumgeeiert." Bauingenieur Buxbaum ärgert sich über solche Vorwürfe. Er habe in einer Sondersitzung des Stadtrats, damals allerdings in Abwesenheit von Heilinglechner, die Notwendigkeit erläutert, Putz und Estrich wegen der in Altbauten üblichen Schadstoffe zu entfernen. "Aber keiner hat mir geglaubt."

Die Diskussion drehte sich dann eher um die Kosten von etwa 820 000 Euro für einen Bürgerladen, die eine Mehrheit des Stadtrats als zu hoch ablehnte. Nun liege bereits die dritte Kostenschätzung vor, sagt Heilinglechner, "und jede ist ein bisschen teurer". Die Vorwürfe nun seien "befremdlich" und "politisch motiviert", sagt der Bürgermeister: "Man hängt sich jetzt an der Schadstoffbelastung auf, weil man sich nicht eingestehen will, dass man sich verrannt hat."