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Tölzer Blomberg:Ramadama in Corona-Zeiten

Der Tölzer Blomberg ist ein beliebtes Ausflugsziel. In diesem Sommer waren coronabedingt nicht nur Gäste aus München und der Region da, sondern aus ganz Deutschland. Dies zeigte sich auch am Abfall, den die Besucher hinterließen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Bei einer Müllsammelaktion wird deutlich, dass andere Urlauber als sonst im Sommer am Hausberg der Kurstadt unterwegs waren. Jugendliche von "Real Isarwinkel" finden Kosmetika, Nasensprays und viele Einwegmasken

Von Jakob Teterycz

Das erste, was sie finden, ist ein weggeworfener Mund-Nasen-Schutz. So ein blauer, den man nur einmal tragen sollte. Aber das wird an diesem nassen Herbsttag nicht der einzige Abfall bleiben, der die unerfreuliche Zeit der Corona-Pandemie vor Augen führt. Die 16 jungen Leute, die sich an der Müllsammelaktion am Blomberg beteiligen, klauben auch Nasensprays auf. Picknickdecken. Ganze Säcke voller Unrat. Das sei "anderer Müll" als sonst, konstatiert Manuel Wilke, Blomberg-Koordinator der Stadt Bad Tölz. Die Funde zeugen für ihn davon, dass der Trend diesen Sommer wegen Corona zum Urlaub in der Heimat ging. Anders ausgedrückt: Die Besucher am Blomberg kamen diesmal nicht nur aus der Region, sondern aus ganz Deutschland. "Mehr Leute mit weniger Umweltbewusstsein", sagt Wilke.

Umweltbewusstsein zeigen jedoch die Jugendlichen, die sich am frühen Vormittag an der Talstation zum Ramadama treffen. Die Aktion wurde vom gemeinnützigen Einrichtungsverbund "Real Isarwinkel GmbH" (Rehabilitation, Arbeit, Leben) veranstaltet und gehört zu den Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB) der Agentur für Arbeit, die aus mehreren Praktika und Unterricht bestehen. Die jungen Freiwilligen können auf diesem Weg auf einen Ausbildungsplatz oder in einen Beruf vermittelt werden.

Carsten Erdmann von der Real GmbH, der die Aktion am Berg maßgeblich organisiert hat, verspricht sich von diesem Ramadama, den jungen Erwachsenen einzelne "Bausteine" auf dem Weg zum Arbeitsleben mitzugeben. Dazu gehörten die Bewegungsförderung, Teambuilding und das Stärken von sozialen Kompetenzen, sagt er. Zusätzlich solle aber auch ihr Bewusstsein für die Natur gefördert werden.

Das scheint so manchen Wanderern am Blomberg in diesem Sommer gefehlt zu haben. Zweiter Bürgermeister Michael Lindmair (FWG), der ebenfalls zum Müllaufklauben kommt, sagt, dass heuer "andere Leute" in Bad Tölz zu Besuch gewesen seien als früher. Das habe er schon an den Kennzeichen der Autos erkannt, die auf den Parkplätzen unten an der Talstation abgestellt waren. Die Leute seien von weiter her aus dem Bundesgebiet gekommen als sonst, so Lindmair. Ein Indiz dafür, dass der Urlaub im Ausland wegen der Corona-Pandemie eher beschwerlich und unsicher, die Ferien im eigenen Land umso mehr gefragt waren. Dieser Trend habe die Stadt Bad Tölz im Gegensatz zu anderen Kommunen gefreut, sagte Lindmair mit Blick auf die Anwohner-Proteste in Kochel und am Walchensee.

Wilke sieht hingegen am Abfall, dass eine andere Klientel als üblich am Blomberg unterwegs war. Der Mann mit dem grünen Filzhut, der eine Halbtagsstelle als Koordinator hat, geht fast jede Woche aufräumen und bemerkt, dass nun "anderer Müll" den Berg verschmutze. Er findet prall gefüllte Müllbeutel an den Wanderwegen, Kosmetikprodukte, immer wieder in die Natur geschmissene Einwegmasken. Er bezeichnet dies als fehlendes Müllmanagement - für ihn ein Hinweis auf "unerprobte Wanderer". Nicht zuletzt der weggeworfene Mund-Nasen-Schutz war ein Grund, die Aufräumaktion zu starten - und dies als soziales Projekt für die Jugendlichen.

Der Tölzer Blomberg ist ein beliebtes Ausflugsziel. In diesem Sommer waren coronabedingt Gäste aus ganz Deutschland da. Dies zeigte sich auch am Abfall, den die Besucher hinterließen. Foto: Hartmut Pöstges

(Foto: Hartmut Pöstges)

Zu Beginn des Ramadama zupfen die in warme Jacken und Mützen gehüllten Jugendlichen und ihre sechs Betreuer je ein Paar blaue Gummihandschuhe aus einer kleinen Schachtel. Dann teilen sie sich in drei Gruppen auf, um den Tölzer Hausberg so effizient wie möglich vom Abfall zu befreien und dabei auch die coronabedingten Abstandsregeln einzuhalten. Ausgestattet mit Müllpicken und begleitet von je zwei Betreuern nehmen sie sich den Wirtschaftsweg, den Rodelweg und die Walteralm vor. "Mal sehen, ob wir heute die 10 000 Schritte schaffen", versucht Erdmann die Jugendlichen zu motivieren. Denn so viele Schritte sollte ein Mensch jeden Tag gehen, um gesund zu bleiben. Wilke fordert hingegen Sorgfalt bei der Suche nach Müll. Selbst ein Papiertaschentuch, sagt er, brauche bis zu fünf Jahre, bis es zersetzt sei. Trotzdem solle sich aber niemand auf den Wanderwegen in Gefahr begeben.

Gut drei Stunden lang suchten die jungen Teilnehmer am Ramadama die Wanderwege am Blomberg nach Müll ab. Foto: Hartmut Pöstges

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der ursprünglich geplante Teambuilding-Ausflug sei wegen Corona abgesagt worden, berichtet Christian Hesse, Praxisanleiter der BvB. Das soziale Projekt am Blomberg sei da eine willkommene Alternative. Schnell ist das Müllsammeln für die jungen Leute eine Art Fleißwettbewerb. Und sie erkennen: "Wir müssen denken wie die Wanderer"; sich also fragen, wo diese ihren Abfall versteckt haben könnten. Hin und wieder ertönt ein freudiges "Hey, ein Fruchtriegelpapierchen" im Gebüsch. Sogar ein Punktesystem, das die unterschiedlichen Fundsachen bewertet, wird in den Gruppen etabliert.

Pünktlich um 13 Uhr kommen die Teilnehmer am Berggipfel an, nach drei Stunden Wanderung haben sie sich die gemeinsame Brotzeit verdient. Als Belohnung spendiert die Stadt Käsespätzle für alle Helfer. Auf der Liste der Funde stehen neben anderem eine Radkappe, Wanderstöcke, ein einzelner Flipflop, eine Windel. Manche Besucher, so Erdmann, dächten wohl, "die Angestellten bringen das schon weg". Ein weiteres Ramadama soll im nächsten Frühjahr folgen.

© SZ vom 19.10.2020
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