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SZ-Adventskalender:Ein schrecklich erschöpfendes Leben

Kristina M. leidet unter familiären Belastungen. Sie braucht eine Wohnung, hat aber nicht einmal Geld für Möbel

Von Klaus Schieder, Bad Heilbrunn

Ein liebender und verantwortungsbewusster Mann, dazu Kinder, die nicht mehr als die üblichen Teenager-Probleme haben, ein passender Arbeitsplatz, eine stabile Gesundheit: Das sind die Zutaten für ein gelungenes Familienleben. Kristina M. (Name geändert, Anm. d. Red.) hat all dies nie bekommen. Die 46-Jährige hat einen Ex-Mann, der Alkoholiker ist, einen heranwachsenden Sohn und eine Tochter, die psychisch krank ist. Sie selbst ist körperlich alles andere als gesund, verfügt über einen Schwerbehindertenausweis und kann nur Teilzeit arbeiten. Mit ihren Kindern möchte sie nun eine eigene Wohnung mieten - aber die wäre erst einmal leer. "Wenn wir eine finden, habe ich kein Geld für Möbel, für eine Küche - für nichts", sagt sie.

Ihren Mann lernte Kristina M. kennen, als sie noch ganz jung war - beide waren damals gerade 16 Jahre alt. Als sie die Tochter und zwei Jahre später den Sohn bekam, begann die Ehe zu zerbrechen. Sie erzählt, wie ihr Mann abends von seiner Arbeit als Handwerker nach Hause kam, gleich in den Keller ging, dort rauchte und jede Menge Bier trank, ehe er spät wieder nach oben und ins Bett kam.

Irgendwann reichte es der gelernten Bürokauffrau. Zum Ende hin, sagt sie, sei es "immer schlimmer" geworden. Sie ließ sich scheiden. Der Sohn war damals dreieinhalb, die Tochter fünfeinhalb Jahre. Sie selbst war 34.

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Wenn die Kinder bei ihrem Vater zu Besuch waren, wurden sie Kristina M. zufolge immer wieder mit seinem Alkoholismus konfrontiert. Er habe sie in die Kneipe mitgenommen, erzählt sie. Auf dem Nachhauseweg sei er getorkelt und einmal sogar in einen Bach gefallen. Dann wieder sei er betrunken am Küchentisch eingeschlafen, und als die Tochter den Kühlschrank öffnete, habe sie darin nichts als Bierflaschen gefunden. 2017 sei es ihrer Tochter dann psychisch schlecht gegangen, berichtet die 46-Jährige. Sie habe Depressionen bekommen, sogar an Suizid gedacht. Sie kam für ein paar Monate in das Heckscher-Klinikum Rosenheim.

Kristina M. und ihr Ex-Mann lernten nach der Trennung jeweils neue Lebenspartner kennen. Die Bürokauffrau zog mit den beiden Kindern zu einem 19 Jahre älteren Mann, der inzwischen Rentner ist; der Handwerker lebt seit zwei Jahren mit einer anderen Frau zusammen. Damit begannen die Probleme für Kristina M. aber erst so richtig. "In der Ehe war es nicht so schlimm wie im letzten Jahr", sagt sie. Ihre damals 16-jährige Tochter zog im Oktober 2018 wieder zum Vater, weil sie sich mit dem Sohn von dessen neuer Partnerin befreundete. "Sie hat mir erzählt, dass sie dort alle Schikanen hingenommen hat, um mit ihm zusammen zu sein." Immer wieder sei es zum Streit gekommen, so die 46-Jährige. Der Vater griff den Freund der Tochter an und verlangte von seiner Ex-Frau das Kindergeld, weil die damals 16-Jährige bei ihm lebte, seine neue Partnerin tauchte am Arbeitsplatz von Kristina M. auf und drohte: "Wenn du Krieg machst, mach' ich dich fertig." Im Februar vorigen Jahres beantragte die 46-Jährige das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter. Anfang 2020 zog die nun 18-Jährige mit ihrem Freund zur Mutter ein. Der Vater habe ihr gesagt, dass sie jetzt ausziehen müsse, den Freund habe er auch gleich rausgeschmissen, erzählt Kristina M.

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Derzeit leben alle in der großen Mietwohnung des Rentners, allerdings jeder in einem eigenen Zimmer. "Wir sind getrennt von Tisch und Bett", sagt die 46-Jährige. Ihr zweiter Mann hat das Schlafzimmer, die Tochter einen Abstellraum mit Matratze. Der leibliche Vater zahlt keinen Unterhalt mehr. So bleiben Kristina M. momentan rund 700 Euro aus ihrer Teilzeitarbeit als Verwaltungskraft in einer Grundschule, 500 Euro Schwerbehindertenrente, das Kindergeld. Auf der anderen Seite sind Miete, Nebenkosten, Versicherungen zu zahlen. Unterm Strich bleibt für sie und ihre Kinder kaum etwas übrig. Die Tochter befindet sich noch in der Ausbildung, ihr Sohn in der Berufsvorbereitung.

Mehr arbeiten kann die 46-Jährige nicht. Sie gilt als schwerbehindert, weil sie neben Funktionsstörungen der Wirbelsäule und Muskelschmerzen auch noch an einem Erschöpfungssyndrom leidet. Nach nur vier Stunden Arbeit brauche sie dringend Schlaf, sagt sie. "Das geht ohne gar nicht." Große Sorgen macht sie sich um ihre Tochter, die nicht nur ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) hat, sondern immer wieder von Depressionen heimgesucht wird, die Klinikaufenthalte nötig machen. Aber für sie, den Freund, ihren Sohn und sich selbst eine Wohnung zu finden, ist eine schwieriges Unterfangen. Das neue Domizil müsste schon sehr günstig sein. Außerdem ist da noch das uralte Auto, ein finanzielles Polster gibt es nicht. Als Kristina M. aufsteht und ihre Winterjacke anzieht, schafft sie es nicht, den Reißverschluss zu schließen. Sie gibt nach einigen Versuchen auf. Sie ist einfach müde.

© SZ vom 02.01.2021
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