Stadtbibliothek Geretsried:Mehr Spielräume

Stadtbibliothek Geretsried: Fantasy und Sciencefiction sind seine Lieblingsgenres: Björn Rodenwaldt, Leiter der Geretsrieder Stadtbücherei, nennt Namen wie Terry Pratchett.

Fantasy und Sciencefiction sind seine Lieblingsgenres: Björn Rodenwaldt, Leiter der Geretsrieder Stadtbücherei, nennt Namen wie Terry Pratchett.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der neue Leiter Björn Rodenwaldt krempelt das Haus um. Für die Jugend wird ein Zimmer mit Playstation und 3-D-Brille eingerichtet.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Das ist das Schöne an öffentlichen Büchereien mit ihrem alphabetischen Sortiersystem: Da lehnt sich der Bukowski ungeniert an Rose Ausländer an und Ulrich Plenzdorf liegt neben dem Kasperl-Grafen von Pocci. Diese Vier sind nur ein winziger Ausschnitt aus dem Medienbestand der Stadtbücherei Geretsried, der aktuell bei annähernd 44 000 liegt. Die Einrichtung feiert heuer ihr 20-jähriges Bestehen am Standort Adalbert-Stifter-Straße. Und ihr neuer Leiter Björn Rodenwaldt - seit vergangenen Oktober im Job - krempelt sie gerade ganz schön um.

Die Stadtbibliothek ist wie so manches in Geretsried in einem umgebauten Bunker aus der Zeit der NS-Rüstungsbetriebe untergebracht. Das Gute daran: Es ist enorm viel Platz. Zwei Etagen mit zusammen 1600 Quadratmetern Fläche vermitteln dem Besucher einen ungewöhnlich großzügigen Eindruck - zumal jetzt, da der neue Leiter den Wald aus mehr als siebzig Zimmerpflanzen, der sich hier ausgebreitet hatte, stark ausgelichtet hat. Nach und nach möchte Rodenwaldt gern alles modernisieren. Gerade ist der Thekenbereich neu gestaltet worden: Freundlich, hell und so, dass die Mitarbeiterinnen den Besuchern im Wortsinn auf Augenhöhe begegnen können, denn die Theke ist höhenverstellbar. Man kann dahinter auch im Stehen arbeiten. Lora Kutscherenko, die als angelernte Mitarbeiterin in der Stadtbibliothek beschäftigt ist, findet das sehr angenehm.

Zum Team um Rodenwaldt gehören außerdem seine Stellvertreterin Steffi Füssel, Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, sowie Geisteswissenschaftlerin Gudrun Knauss. Ehrenamtlich helfen Cornelia Sternkopf und Gerhard Brose regelmäßig mit. Eine der Mitarbeiterinnen sagt über den neuen Chef: "Er ist super. Wir können anpacken!"

Rodenwaldt selbst hat nach einer Ausbildung im Buchhandel das Abitur nachgemacht und Bibliothekswesen studiert. Seine erste Arbeitsstelle war in einer wissenschaftlichen Bibliothek im Forschungszentrum Jülich. Nach vier Jahren, die er dort vor allem am PC zubrachte, suchte der 36-Jährige nach einem Einsatzgebiet mit breiterem Aufgabenspektrum und "Kontakt mit lebenden Menschen". Auf der Heimfahrt nach seinem Vorstellungsgespräch in Geretsried habe er gewusst: Die Stelle hätte er gern. Bibliothek und Stadt gefielen ihm - er zitiert hier wohlwollend den Geretsrieder Stadt-Slogan "Einfach anders" - und in den Süden wollte er mit seiner aus Österreich stammenden Ehefrau ohnehin.

Man merkt dem jungen Bibliothekar an, dass er Lust hat, etwas zu gestalten. Die Frage, wohin sich die Stadtbibliothek seiner Vorstellung nach entwickeln soll, beantwortet er, ohne lang nachdenken zu müssen: "Zu einem Treffpunkt für Kultur, Kommunikation und Lebensqualität, möglichst ohne Barrieren jedweder Art." Alle sollen hier willkommen sein, sagt er: "Kinder, Senioren, fremdsprachige Menschen und Auswärtige."

Einige Barrieren wurden auf Rodenwaldts Anregung hin gerade niedergerissen. Der Stadtrat stimmte zu, verschiedene Gebühren abzuschaffen: Leser unter 18 Jahren müssen von nun an kein jährliches Nutzungsentgelt mehr entrichten. Auch die Vorbestellung von Büchern und die Nutzung des Internets im Untergeschoss sind jetzt gratis.

Der Büchereileiter möchte das Haus stärker öffnen: Kooperationen mit den örtlichen Schulen seien ausbaufähig; der Jugendrat habe Interesse an einem Austausch bekundet, und es gibt jetzt offene Spieleabende: Jeden ersten Freitag im Monat können Spiellustige kommen und gemeinsam entscheiden, was sie sich vornehmen - Skat, "Die Siedler von Catan" oder Rollenspiele. Das wiederum ist Rodenwaldts Leidenschaft. Er liebe "fantasymäßige Rollenspiele", sagt er und nennt als Beispiel "Das schwarze Auge".

Spiele am Computer werden künftig im Untergeschoss der Bibliothek angeboten. Dort wird gerade ein großer Raum in drei kleinere verwandelt. In der Mitte bleiben die Bücherregale. Auf der einen Seite entsteht ein 40 Quadratmeter großer Multifunktionsraum, den auch Stadtverwaltung und vor allem die Volkshochschule mitnutzen können. Auf der anderen Seite bekommt die Jugend einen Raum - 50 Quadratmeter mit bequemen Möbeln, Spielekonsolen und 3-D-Brille. Welche Spiele sie dort vorfinden, das sollen Jugendliche und junge Erwachsene mitbestimmen. Vorschläge seien erbeten, sagt Rodenwaldt.

Der Medienbestand der Bücherei wird auf jeden Fall wachsen. Derzeit verfügt die städtische Einrichtung über annähernd 8000 belletristische Bücher, etwa 8000 Sachbücher (nachdem Rodenwaldt rund 2000 veraltete aussortiert hat, die nun überwiegend im hauseigenen Flohmarkt zu haben sind), beinahe 9400 Kinder- und Jugendbücher, gut 6000 DVDs, Hörbücher und CDs, fast 1300 Zeitschriften und 316 Spiele. Vor dem Hintergrund der Geretsrieder Stadtgeschichte gibt es eine kleine Abteilung Vertriebenenliteratur und - mit Blick auf die große Griechische Gemeinde - 500 griechische Bücher, je zur Hälfte für Kinder und für Erwachsene. Die Bücherei hatte im vorigen Jahr 1988 Leser; die meisten in den Altersgruppen null bis 14 Jahre (345) und 25 bis 45 Jahre (469). Die Ausleihzahl ist im Jahr 2015 gestiegen: von 163 780 auf 169 773.

Unter den Veranstaltungen zählt der Jahresbericht eine Wikinger-Lesenacht, das Gastspiel des Drachengold-Festivals, den Vorlesewettbewerb und Vorlese-Aktionen auf. Rodenwaldt erwägt noch eine Reihe: einen monatlichen Diskussionsabend in lockerer Runde zu gesellschaftlichen Themen, etwa über die Frage "Ausbildung oder Studium?". Wer Themen anregen möchte, ist eingeladen, sich in den E-Mail-Verteiler aufnehmen zu lassen. Was auch immer sich der neue Leiter der Stadtbücherei noch einfallen lassen wird, eins wünscht er sich bei allem besonders: "Dass man unsere Räume gern betritt, weil man eine Grundgemütlichkeit spürt."

Stadtbücherei Geretsried: Feier zum 20-jährigen Bestehen am 8. Juli (Details folgen). Spieleabend jeden ersten Freitag im Monat von 19 Uhr an, www.buecherei.geretsried.de

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