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Serie: Tierisch kalt:Im Winter brauchen die Rehe Ruhe

Der Wald wird immer mehr zu einem Ort für Erholungssuchende und damit zu einem Unruhe-Ort für die dort lebenden Tiere.

Auch wenn sie die meisten Menschen eher selten in Anblick bekommen, sind Rehe die mit Abstand häufigste Schalenwildart in Deutschland. Mehr als eine Million der zu den Trughirschen zählenden Tiere werden jährlich in der Bundesrepublik erlegt. In der Zahl sind allerdings auch die Wildunfälle enthalten, deren traurige Statistik ebenfalls das Rehwild anführt: 51 000 Rehe sind allein in Bayern im Jagdjahr 2015/2016 dem Straßenverkehr zum Opfer gefallen. Die Verbreitung des Rehwilds von Skandinavien bis nach Spanien zeigt die hohe Anpassungsfähigkeit der Tiere, die sich perfekt in die Bedingungen unserer Kulturlandschaft eingefügt haben.

Wie gut die Evolution funktioniert, zeigt sich vor allem im Winter: Die Rehe, die im Sommer noch rotbraun über die Wiesen gehüpft sind, tragen nun ihr dichtes graues Winterhaar, das von September an wächst. Die Böcke fangen Mitte Oktober an, ihr Geweih abzuwerfen und sind dann zunächst nur mit geübtem Blick äußerlich von den Geißen zu unterscheiden, bis sie unter dem Bast - einer mit Fell überzogenen Haut - das neue Gehörn schieben. Bevor der Boden friert, fressen sich Rehe eine dicke Feistschicht an. Im Winterwald fahren sie dann ihren Aktionsradius und ihren Energieverbrauch auf das Nötigste herunter: Die Pansenzotten der Wiederkäuer verkleinern sich stark, der Puls kann auf wenige Herzschläge pro Minute reduziert werden. Wie perfekt sich die Rehe an die Umwelt angepasst haben, zeigt zudem ein besonderer biologischer Trick - die Eiruhe: So werden die Geißen zwar von den Böcken während der Brunft im Hochsommer beschlagen; die befruchtete Eizelle entwickelt sich aber erst Mitte Dezember im Uterus weiter. So können die Kitze im Mai bei besten Bedingungen gesetzt werden.

Im Winter aber brauchen die Rehe vor allem eines: Ruhe. Und die ist bei dem steigenden Freizeitdruck im Landkreis längst nicht mehr garantiert. "Der Wald wird immer mehr zu einem Ort für Erholungssuchende - und damit zu einem Unruhe-Ort für die dort lebenden Tiere", sagt der Sprecher des Kreisjagdverbands, Josef Hesslinger. "Wenn die Rehe immer wieder aufgescheucht werden, müssen sie ihren Kreislauf in Sekundenschnelle nach oben fahren", erklärt der Jäger, der sein Revier in Oberfischbach am Tölzer Stadtrand hat. Die Folge ist ein hoher Energiebedarf - und den müssen die Tiere dann mit Nahrung decken. Sind die Wiesen aber eingefroren, bleibt nur der Wald. Dort beißen die Rehe bevorzugt junge Triebe von Laub- und Nadelbäumen ab, die dann für die Holzwirtschaft an Wert verlieren.

Wildtiere kommen mit strengem Winter klar

Rehe müssen derzeit mit ihrer Energie haushalten.

(Foto: Julian Stratenschulte)

Darin zeigt sich die Problematik, in der sich die häufigste Wildart in unseren Wäldern befindet. Denn die Rehe, die sich im Laufe der Jahrtausende an ihre Umwelt angepasst haben, leben nicht mehr in einer Wildnis, sondern in einer Kulturlandschaft, die bewirtschaftet wird. Wie viel Rehwild der Wald verträgt, ist unter Interessensgruppen umstritten. Der Bestand wird offiziell am forstlichen Verbissgutachten festgemacht, aus dem sich verbindliche Abschusspläne für jedes Revier ergeben. Im Eglinger Ortsteil Endlhausen etwa bejagt Josef Brunner ein 300 Hektar großes Revier. Laut Abschussplan muss er dort in drei Jahren 86 Rehe schießen. "Das ist schon Arbeit", sagt er. Hesslinger muss in seinem 1500-Hektar-Revier pro Jahr zwischen 90 und 100 Rehwildabschüsse vorweisen, wie er sagt. Angesichts des Freizeitdrucks keine leichte Sache. "Der Aufwand, ein Reh zu erlegen, ist deutlich höher geworden", sagt er.

Der Leidenschaft, mit der sich die Jäger dem Wild widmen, tut das dennoch keinen Abbruch. Das zeigt auch die Winterfütterung, die beide mit viel Aufwand betreiben. Doch auch die ist ein Konfliktfeld. Während sich viele Jäger auf die im Jagdgesetz festgeschriebene Hegeverpflichtung berufen, um die Rehe in der Notzeit zu füttern, gibt es in bei den Staatsforsten überhaupt keine Rehwildfütterung. Zwar füttere man das Rotwild in den Bergen, um Wanderungen in die Täler und vor allem Schäden am Wald zu vermeiden, sagt Leiter des Forstbetriebs Bad Tölz, Rudolf Plochmann. Beim Rehwild sehe man dazu aber keinen Grund. "Das hat auch im Winter ideale Überlebenschancen", sagt Plochmann. Erlaubt sei die Fütterung ohnehin nur in der Notzeit - und die gebe es nur, wenn ein durchschnittlich starkes Reh Gefahr laufe, zu verhungern. "Ich bin jetzt zwölf Jahre in Bad Tölz und habe hier noch kein einziges verhungertes Reh gefunden."

Die Jäger sehen das anders. Wann die Notzeit eintrete, hänge vom einzelnen Revier ab - und von den Bodenverhältnissen, sagt Brunner. "Die Winter sind nicht mehr so streng, wie sie mal waren", hat er zwar festgestellt. Wegen des Klimawandels gebe es auch immer weniger Notzeiten. Dennoch müsse man als Jäger im Winter die Verhältnisse im Revier genau beobachten. "Jeder Winter ist anders", sagt auch Hesslinger. "Man muss schauen und entsprechend reagieren." So sei der Schnee bei ihm derzeit noch kein Warnzeichen. Die Schneeschicht wirke isolierend, die Rehe könnten durch Scharren leicht an die Wiesen kommen. Dann aber gebe es eisige Tage ohne Schnee, an denen der Boden hart gefroren sei. "Da haben sie keine Chance."

Wolf Geschichte

Josef Brunner geht auch im Winter auf die Jagd, versucht aber, den Abschuss bis Weihnachten zu erfüllen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dass er die Rehe in seinem Revier regelmäßig füttere, diene aber vor allem dem Wald, erklärt Hesslinger. Denn es reduziere deutlich den Verbissdruck. "Es wird nicht primär gefüttert, damit das Tier überleben kann, sondern damit die Natur entlastet wird." Forstbetriebsleiter Plochmann indes sagt, der Nachweis, dass Winterfütterung beim Rehwild den Verbiss reduziere, sei nie erbracht worden. Ein Nahrungsengpass im Winter sei für Wildtiere normal, sagt der Förster. So würde etwa das Gamswild, das in noch kargeren Bergregion überwintere, auch nicht gefüttert.

Während die Rehböcke in Bayern im Winter Schonzeit haben, darf man weibliche Rehe und Kitze bis zum 15. Januar bejagen. Brunner und Hesslinger bemühen sich jedoch beide, ihren Abschuss schon bis Weihnachten zu erfüllen - um dem Wild im Hochwinter die nötige Ruhe zu gönnen. Dass die nach Jahrtausenden der Evolution perfekt an die Umwelt angepassten Rehe im Wald noch immer ihren berechtigten Platz haben, dessen sind sich die Jäger sicher. Auch wenn sie an der Notwendigkeit, den Bestand dem Lebensraum anzupassen, keinen Zweifel haben: Dem Slogan "Wald vor Wild", mit dem die Förster klare Prioritäten in Sachen Holzwirtschaft setzen, wollen sie sich nicht kritiklos anschließen. "Man muss normal sein im Leben", sagt Hesslinger. "Es muss nicht hinter jedem Baum ein Reh stehen. Aber der Wald muss auch nicht wildleer sein."

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