Fachkräftemangel:Quereinsteiger gesucht

Fachkräftemangel: In den Kindertagesstätten fehlt das Betreuungspersonal. Ein Weiterbildungskonzept des bayerischen Sozialministerium soll Abhilfe schaffen, die Resonanz ist bislang aber schwach.

In den Kindertagesstätten fehlt das Betreuungspersonal. Ein Weiterbildungskonzept des bayerischen Sozialministerium soll Abhilfe schaffen, die Resonanz ist bislang aber schwach.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Weil es bayernweit an Kita-Personal fehlt, hat das Sozialministerium eine Weiterbildung für Quereinsteiger entwickelt. Entsprechende Kurse bietet auch das Katholische Kreisbildungswerk in Beuerberg an. Diese stoßen aber aktuell kaum auf Nachfrage.

Von Veronika Ellecosta, Bad Tölz-Wolfratshausen

Brigitte Melf setzt über die Personalsituation an, hinter ihr tönen Kinderstimmen. Bald geht es für die Kleinen im "Drachennest" wohl an den Mittagstisch. Melf, die den Hort in Reichersbeuern leitet, kann deshalb nur kurz telefonieren. Personal? Das sei allgemein schwer zu finden, besonders Hilfskräfte, denn dafür gebe es keine Förderung, erläutert sie. Aktuell hat das Drachennest dennoch alle 25 Stellen besetzen können, die letzte erst kürzlich. Acht Wochen hat Melf gesucht, das sei nicht lang, gibt sie zu: "Manchmal braucht's auch Glück."

Nicht alle Betreuungseinrichtungen haben dasselbe Glück. Der Personalnotstand in den Kitas kommt zu einer Zeit, in der mehr Familien denn je nach einem Platz suchen, ihren Nachwuchs während der Arbeitszeiten versorgt zu wissen. Von rechtlicher Seite her steht jedem Kind ab einem Jahr bis zur Einschulung ein Betreuungsplatz zu, von 2026 an kommen zudem Grundschulkinder dazu. In der Realität kommen Träger und Kommunen dem steigenden Bedarf schwer nach. Die Wartelisten wachsen und Eltern gehen leer aus.

Fachkräftemangel: Es gebe nur wenige Interessierte an der Weiterbildung, sagt Katrin Metz vom Katholischen Kreisbildungswerk Beuerberg

Es gebe nur wenige Interessierte an der Weiterbildung, sagt Katrin Metz vom Katholischen Kreisbildungswerk Beuerberg

(Foto: privat/oh)

Als Reaktion auf das knappe Angebot hat das bayerische Sozialministerium ein Konzept für Weiterbildung vorgebracht, um Quereinstiege zu erleichtern. Das Programm sieht drei Qualifizierungsblöcke vor: Block A wird als Assistenzkraft abgeschlossen, Block B als Ergänzungskraft. Wer die Prüfung nach Block C besteht, kann als Fachkraft in bayerischen Kindertageseinrichtungen eingesetzt werden.

Kosten und Komplikationen

In Bad Tölz-Wolfratshausen beteiligt sich das Kreisbildungswerk (KBW) am Programm und bietet die beiden Kurse zur Assistenz- und Ersatzkraft an. Die Weiterbildungen finden Online und im Kloster Beuerberg statt, beginnen beide im April und umfassen jeweils 200 Unterrichtseinheiten. Den Block A zur Assistenzkraft hat das Kreisbildungswerk wie im Vorjahr aber wieder absagen müssen. Es gebe einfach zu wenig Interessierte, erzählt Katrin Metz vom KBW. Die geringe Nachfrage erklärt sie auch damit, dass viele Einrichtungen noch skeptisch gegenüber dem Format sind: "Da heißt es dann, wir Erzieherinnen brauchen fünf Jahre und hier geht es schneller", sagt sie.

Fachkräftemangel: Die Weiterbildungen finden in den Räumen des Katholischen Kreisbildungswerks im Kloster Beuerberg statt.

Die Weiterbildungen finden in den Räumen des Katholischen Kreisbildungswerks im Kloster Beuerberg statt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Aber auch die hohen Kosten hemmen laut Metz die Nachfrage, denn die Weiterbildung zur Assistenzkraft kommt auf 2000 Euro, jene für die Ersatzkraft sogar auf 2900 Euro. In anderen Landkreisen würden Träger die Gebühren übernehmen, denn bereits nach dem ersten Modul im Block Assistenzkraft können die Teilnehmenden in Kitas anfangen. Dann gibt es noch die Finanzierung über den Bildungsgutschein, die ebenfalls in anderen Landkreisen schon umgesetzt wird. Das Jobcenter stellt diese Gutscheine Arbeitssuchenden für Weiterbildungen aus. Im Kreisbildungswerk werde derzeit diskutiert, sich zertifizieren zu lassen, damit die Gutscheine auch dort eingelöst werden könnten, sagt Metz.

Im städtischen Raum finde das Weiterbildungsprogramm bereits Anklang. Auch in Penzberg würden die Kurse an der Volkshochschule gut besucht, berichtet Metz. Im hiesigen Landkreis erhalte sie viele Anrufe von Einrichtungen und Interessierten, die Unklarheiten vorbrächten. Ältere Semester verunsicherten insbesondere die Onlinekurse, manche fürchteten die Abschlussprüfung, und Träger fragten über die Anstellungsmöglichkeiten nach.

Mehrere Anforderungen für die Ausbildung als Ersatzkraft

Denn besonders bei den Voraussetzungen für Kurs B zur Ergänzungskraft wird es schnell unübersichtlich. Während für die Assistenzkraft lediglich ein fortgeschrittenes Deutschniveau (B1) gefordert ist, müssen Bewerberinnen und Bewerber für die Ausbildung zu Ersatzkraft mehreren Anforderungen entsprechen: Neben einem gehobenen Sprachniveau in Deutsch (B2) müssen sie mindestens einen Mittelschulabschluss und eine Ausbildung vorweisen können, sowie 800 Stunden in einer Kinderbetreuung gearbeitet haben. Außerdem müssen sie in einer Kindertagesstätte angestellt sein, das Stundenmaß ist hierbei egal. Melanie Salem, die eigens als Multiplikatorin für Kurs B ausgebildet wurde, schlägt vor, sich einige Monate als Hilfskraft oder als Schulbegleitung zu bewähren, um diesen Anforderungen zu entsprechen. Alternativ können Interessierte Weiterbildungsblock A erfolgreich abschließen und danach Block B absolvieren, sagt sie.

Fachkräftemangel: Viele Kinder, wenig Erzieherinnen: Der Bedarf an Betreuungsplätzen steigt. Kommunen und Träger kommen dem wachsenden Bedarf kaum hinterher.

Viele Kinder, wenig Erzieherinnen: Der Bedarf an Betreuungsplätzen steigt. Kommunen und Träger kommen dem wachsenden Bedarf kaum hinterher.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Daraus ergibt sich wiederum ein anderes Problem: Wenn Interessierte bereits in einer Kita arbeiten und die Weiterbildung B besuchen wollen, komme es vor, dass der Arbeitgeber ihnen dafür nicht freigebe, weil es ihm nicht lohnenswert erscheine, erzählt Katrin Metz. Viele der Kurseinheiten finden aber genau am Vormittag statt, den Kernarbeitszeiten in der Kita. Katrin Metz bleibt unsicher, ob das Ausbildungsprogramm dem Personalmangel entgegenwirken kann: "Das ist typisch Bayern: Man möchte helfen, aber macht alles so kompliziert, dass es viele abschreckt."

Das Programm braucht Zeit

Auch die Nachfrage für Kurs B zur Ergänzungskraft im Kreisbildungswerk bleibt bisher gering. Das KBW bemüht sich um Werbung, um nicht auch diesen Kurs absagen zu müssen. Multiplikatorin Melanie Salem übt sich in Zuversicht: Das Programm sei eben noch recht neu und besonders bei Kita-Angestellten unbekannt. Es müsse sich erst etablieren, und natürlich spiele auch Neid in Kitas eine Rolle, wenn Auszubildende sofort Geld verdienen.

In der Kita "Am Zauberwald" in Geretsried zeigt man hingegen Interesse an potenziellen Kursabsolventen: Gerade ist die Caritas, die die Kita betreibt, auf der Suche nach einer pädagogischen Fachkraft für die etwa 75 Kinder. Man suche auf verschiedenen Wegen, auch auf regionalen Jobportalen, sagt Christine Schürf, Fachdienstleiterin für Kindertageseinrichtungen der Caritas im Landkreis. Das dreistufige Qualifizierungsprogramm vom Freistaat könne ihrer Meinung nach dem Fachkräftemangel entgegenwirken und die Möglichkeiten zur Berufsausbildung erweitern. Über Bewerbungen von Menschen, die diese Weiterbildungen durchlaufen haben, würde sich die Caritas jedenfalls freuen.

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