Problem in einer alternden Gesellschaft:Wenn Pfleger sich für ihren Beruf schämen

Alexander Radwan Politikerpraktikum

In der Tagespflegeeinrichtung in der Tölzer Villa Liebmann gibt es 20 Plätze. Morgens kommen, nachmittags gehen - so flexibel geht das dort.

Bei einem Besuch in der Villa Liebmann bekommt Alexander Radwan zu hören, wo der Fachkräftemangel herrührt - nämlich von der fehlenden Anerkennung

Von Petra Schneider

Ein Tier mit x? Die neun Gäste, die an diesem Vormittag in der Tölzer Tagespflege in der Villa Liebmann um den Esstisch sitzen, überlegen. Viele Begriffe haben die Seniorinnen und Senioren schon gefunden, Amsel, Beutelratte, Wolpertinger. Das Frühstück im Speiseraum mit dem historischen Kachelofen ist abgeräumt. Jetzt also Gedächtnistraining, danach leichte Gymnastik, Mittagessen, Kaffee. In der liebevoll renovierten Villa aus dem Jahr 1890, die vermutlich von Gabriel von Seidl gebaut wurde, lässt sich wunderbar Zeit verbringen. Es gibt einen Kreativ- und einen Ruheraum, einen Garten.

Der Tagesablauf folgt einer festen Struktur. Die Gäste werden morgens mit dem Shuttlebus abgeholt und nachmittags wieder nach Hause gefahren. Um 16 Uhr schließt die Villa Liebmann, auch am Wochenende ist sie zu. Die meisten Gäste kommen mehrmals die Woche. Er freue sich über die Gesellschaft mit den anderen, sagt ein älterer Herr. "Es sind ja viele Leute hier, die sonst vereinsamen." Das Haus sei wunderbar und er sei froh, dass "man nicht in einem Altenheim hockt". Alexander Radwan hat sich in die Runde gesetzt, er hört zu und stellt Fragen. Sein Besuch in der Tagespflegeeinrichtung sei keine Wahlkampfveranstaltung, betont der CSU-Bundestagsabgeordnete, der sich wieder für das Direktmandat im Wahlkreis bewirbt. Er absolviere hier ein eintägiges "Praktikum", das der Bundesverband der Dienstleistungswirtschaft jährlich für Abgeordnete anbietet. Radwan will sich ein Bild machen und mit den Leiterinnen Ingrid Krafft-Otto und Birgit Gahler-Scheffler sprechen. Die beiden gelernten Krankenschwestern mit Pflegedienstleiterabschluss haben Anfang 2018 an der Tölzer Schützenstraße eine barrierefreie Tagespflege mit 18 Plätzen eröffnet. Seit Januar gibt es die Zweigstelle in der Villa Liebmann.

Weil das Haus, das einem Münchner Architektenpaar gehört, Treppen hat, ist es für Senioren geeignet, die kognitive Einschränkungen haben, aber körperlich noch mobil sind. 20 Plätze stehen zur Verfügung. Das Konzept sieht vor, ältere Menschen mit Pflegegrad zwischen null und fünf tagsüber zu betreuen und Angehörige zu entlasten. Die Abrechnung über Pflege- und Krankenkasse ist kompliziert. Es gebe einen Anspruch auf eine Pflegeberatung bei den Krankenkassen, sagt Krafft-Otto. Viele Ältere oder deren Angehörige wüssten gar nicht, dass sie eine Tagespflege in Anspruch nehmen könnten. Dabei sei das doch eine gute Ergänzung zu den mobilen Pflegediensten, findet Radwan. "Wenn man möchte, dass Senioren so lange wie möglich zu Hause wohnen können, braucht man solche Angebote." Betreutes Wohnen, mobile Pflegedienste, Tagespflege, klassische Seniorenheime - Flexibilität und Differenzierung sei nötig.

Mit Corona ist ein bekanntes Problem wieder stärker in den Fokus gerückt: der Pflegekräftemangel. "Ich mache seit über 30 Jahren Pflege, da passiert einfach nichts", schimpft Krafft-Otto. Das möchte Radwan so nicht stehen lassen und verweist auf das neue Pflegepersonalstärkungsgesetz, das für die Beschäftigten mehr Geld bedeutet. Aber Geld sei nicht das Hauptproblem, sondern die fehlende Anerkennung, kontert Krafft-Otto. "Das macht mich so wütend, dass die Wertschätzung fehlt." Wenn es um das Berufsbild Pflegekraft gehe, kursierten Begriffe wie "Wasch-Maschinen". Nicht selten schämten sich Pflegekräfte für ihren Beruf, dabei sei das eine so wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe.

Alexander Radwan Politikerpraktikum

Die Villa Liebmann in Bad Tölz.

Um das Renommee der Pflegeberufe und die Wertschätzung zu verbessern, will Radwan den beiden Landräten seines Wahlkreises vorschlagen, Abschlussveranstaltungen für erfolgreiche Absolventen einzuführen, wie dies etwa im Handwerk praktiziert werde. In der Villa Liebmann arbeiten zehn Mitarbeiter - Pflegekräfte, Betreuerinnen, Fahrer, eine Hauswirtschafterin. Personelle Engpässe gebe es nicht, erklären die Leiterinnen, die Arbeitszeiten seien gut. Keine Nachtschichten, keine Wochenenddienste. Was sie sich von der Politik wünschen? "Weniger Bürokratie." Man habe alles umgestellt, aber es sei nicht einfacher geworden, sagt Krafft-Otto. "Wir schreiben uns zu Tode."

Von den Kommunen wünscht sie sich mehr Mut bei der Erprobung neuer Wohnformen für Senioren und nennt als Beispiel die Demenz- und Pflege-WG in Dietramszell. Fördergeld gebe es genug, das Problem seien die hohen Grundstückspreise. Generell sei das Thema Pflege und Leben im Alter ein "Reizthema", beobachtet Krafft-Otto. "Die Menschen kommen erst, wenn's brennt." Sie wünscht sich, dass sich die Leute frühzeitig Gedanken machten. Und wie will Alexander Radwan im Alter leben? "So lange wie möglich zu Hause", sagt er.

© SZ vom 06.09.2021
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