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Organspende:"Ich schätze mein neues Leben jeden Tag"

Werner Dolecek und die Ärztin Doris Gerbig vor der Fachklinik in Bad Heilbrunn. Dort können sich Lebendspender von Organen ebenso wie Empfänger erholen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Eine neue Niere hat Werner Dolecek gerettet. In der Bad Heilbrunner Fachklinik bemühen sich die Ärzte um die Nachsorge. Jetzt will der Empfänger den Hinterbliebenen des Spenders einen Brief schreiben.

Zum Thema Organspende dürfte jeder eine Meinung haben. Doch sie zu Lebzeiten klar zu äußern, unabhängig davon, wie man sich entschieden hat, fällt vielen schwer. Die Mitarbeiter der Fachklinik Bad Heilbrunn wollen die Organspende wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Zumal die Klinik ein berufener Ort dafür ist: An der Heilbrunner Klinik selbst werden zwar keine Organe transplantiert. Aber das Haus ist bayernweit die einzige und in ganz Deutschland eine der wenigen Reha-Kliniken, die sich auf die Transplantationsnachsorge spezialisiert haben, mit stetig wachsender Nachfrage.

Das Bedürfnis nach Informationen zum Thema ist enorm. Deshalb veranstaltete Dr. Doris Gerbig, Chefärztin der Nephrologie, in der Heilbrunner Fachklinik, zusammen mit Thomas Breidenbach von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in der Fachklinik ein Fortbildungsseminar sowohl für medizinisches Personal wie für interessierte Laien. Unter dem Titel "Warum Organspende" wurden Fakten erörtert. Das Besondere: Sowohl Chirurgen als auch Empfänger und Angehörige legten ihre Sicht dar. Besonderes Augenmerk lag auf der Nachsorge, denn neben ihrer regionalen Bedeutung hat die Fachklinik ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Rund ein Drittel aller Transplantationen sind sogenannte "Lebendspenden", und seit 2012 haben auch Spender Anspruch auf Reha. In Heilbrunn können sich also Spender und Empfänger erholen und sich fachlich betreut auf die neue Situation einstellen.

Dass die Bereitschaft, im Falle des Todes Organe zu spenden, eine Entscheidung für das Leben sein kann, zeigt ein Beispiel aus der Region: Der Bichler Werner Dolecek (54) ist ein freundlicher, herzlicher Mann, dem man seine Leidensgeschichte heute nicht mehr anmerkt. Dolecek ist zwar Contergan-geschädigt, doch es waren die Nieren, die sein Leben bedrohten. Von seinem Vater hatte er die Veranlagung für sogenannte Zysten-Nieren geerbt. Weil er keinen Kontakt zum Vater pflegte, war weder ihm noch seiner Mutter lange Zeit klar, was da in seinen Genen schlummerte. Die Erkrankung machte sich bei Dolecek erst bemerkbar, als er Anfang 40 war.

Plötzlich häuften sich die Harnwegsinfekte, letztlich stiegen die Entzündungen bis zu den Nieren hoch. Im Krankenhaus bemerkten Ärzte schließlich, dass die Nieren mit Zysten überwuchert waren. Bald war klar, dass sie nach und nach ihre Funktion einstellen würden. Dolecek musste zur Dialyse. Doch aufgrund der Schädigung durch Contergan sind Venen und Arterien an den Armen nicht genügend ausgebildet, um dort einen Zugang für die Blutreinigungsmaschine zu legen.

Was blieb, war die Bauchfell-Dialyse, eine aufwendige Prozedur, bei der viermal am Tag per Schlauch das Bauchfell für jeweils eine Stunde mit einer speziellen Flüssigkeit vollgepumpt wird, um das Blut dort zu reinigen. Danach wird die Flüssigkeit wieder abgelassen. Der Blick auf die Uhr bestimmte Doleceks Leben, und durch die Flüssigkeit im Bauch und die inzwischen fußballgroßen Zysten-Nieren war er in seiner Bewegungsfähigkeit massiv eingeschränkt. Eineinhalb Jahre machte Dolecek das mit. Doch immer wieder riefen Bakterien Entzündungen hervor. Weil dadurch das Bauchfell vernarbte, blieb schließlich nur die Halsschlagader als Zugang. Doch dort bildeten sich während der Dialyse Thrombosen - eine lebensgefährliche Situation.

Dazu kam die Sorge um die Kinder: Dolecek ist alleinerziehender Vater von Zwillingen. "Ich wollte nicht, dass sie irgendwann ins Heim müssen", sagt er. Dolecek wurde mit hoher Dringlichkeit auf die Warteliste für ein Spenderorgan gesetzt. Nach zwei Monaten klingelte das Telefon, doch die OP misslang: Die neue Niere funktionierte nicht. "Wahrscheinlich hatte sich eine Thrombose gebildet", vermutet er. Einen Monat später klingelte das Telefon erneut, um drei Uhr nachts. Keine zwei Stunden später lag der 54-Jährige wieder unter dem Messer, und diesmal verlief alles reibungslos. Die neue Niere funktionierte. Das war im Dezember 2013, bis heute gehe es ihm sehr gut. "Natürlich beschäftigt es einen, dass man mit dem Organ eines anderen Menschen lebt", sagt er. Doch vor allem empfinde er große Demut und Dankbarkeit: "Ich kann vor der Person nur den Hut ziehen. Es ist eine phänomenale Sache, dass sich jemand bereit erklärt hat, nach seinem Tod die Organe jemanden anderen zu überlassen, damit der weiterleben kann. Ohne denjenigen wäre ich nicht mehr hier." Er schätze seine neue Gesundheit und sein neues Leben jeden Tag: "Ich fühle mich frei, auf unbestimmte Zeit", sagt er und strahlt. Wessen Niere ihm das Leben gerettet hat, weiß Dolecek nicht. Alles wird anonym gehandhabt. Doch er will über die DSO auf jeden Fall einen Brief an die Angehörigen schreiben. Auch wenn dieser ebenfalls anonymisiert wird: "Ich will sie wissen lassen, dass die Spende nicht nur erfolgreich war, sondern besonders erfolgreich. Ein phänomenaler Mensch hat über seinen eigenen Tod hinaus mein Leben gerettet."

Eine Schautafel im Foyer der Fachklinik Bad Heilbrunn informiert noch bis 19. Oktober über alle Aspekte der Organspende. Sie ist frei zugänglich zu den üblichen Öffnungszeiten der Klinik.

© SZ vom 16.10.2015
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