Obdachlose "Ungewohnter Luxus"

Nach der Plätzchenübergabe wird das Festessssen hereingetragen, gewaltige, knusprige Gänsekeulen mit Blaukraut und dampfenden Knödeln, eine Spende des Alten Wirts in Gelting, der für die bedürftigen Wolfratshauser aufgekocht hat, 30 riesige Portionen. Reden werden zum Glück nicht gehalten, und so vernimmt man alsbald nur noch monotones Besteckklappern. Das ist Weihnachten, mehr wird nicht passieren.

In diesem Jahr ist alles anders als sonst, viel hektischer, denn zum Wochenbeginn sind die ersten Bewohner in die neue Obdachlosenunterkunft an der Münchner Straße eingezogen. Zum Schluss hin haben noch sieben Bewohner die heruntergekommenen Räume an der Farcheter Isarstraße genutzt, sie werden bald abgebrochen. Jetzt ist alles besser, schöner.

Im neuen Heim gibt es Duschen und Zentralheizung, für die Bewohner ungewohnter Luxus. "Die Leute waren wahnsinnig angespannt", erzählt Sozialbetreuerin Ines Lobenstein, es hat viel Aufregung gegeben. Edelgard Schupanetz war völlig durch den Wind, weil bei ihrem neuen Zimmer das Schloss geklemmt hat. Aber mittlerweile ist das Problem beseitigt, sie lächelt gelöst.

Lobenstein hatte selber große Sorgen, ob das mit dem Umzug alles zu schaffen sein würde. Mit Hilfe der Malteser ist es dann gegangen. Sie haben an der Münchner Straße die Möbel zusammengeschraubt und aufgebaut, nun freuen sich alle Bewohner auf den Neubeginn. "Es war eine wahnsinnige Umstellung", sagt Lobenstein, "aber jetzt ist es schön zu sehen, wie bei den Leuten die Augen glänzen. Da ist so ein Strahlen...".

Einige Bewohner haben ihre Kleider gewaschen, um den Isarstraßengeruch herauszubekommen. "Bei den Menschen ist was passiert", sagt Lobenstein, "das Leben, das sie jetzt führen, empfinden sie plötzlich als achtenswert". Sehr umfänglich ist die Obdachlosenszene in Wolfratshausen nicht.

Nur ein bis drei Personen leben nach Lobensteins Wissen direkt auf der Straße, weitere zehn bis fünfzehn sind wohnungslos und suchen sozialen Kontakt in der Caritas-Stelle. Sie finden hier Unterstützung, wenn es um Behörden oder um Schulden geht. Oft sind es familiäre Probleme, die den sozialen Absturz auslösen, sehr häufig auch Psychosen. "Das kann Menschen aus der Bahn werfen, von heute auf morgen ist dann plötzlich nichts mehr wie zuvor", sagt Lobenstein.

Dann müssen Wohnungen geräumt werden. So sind es denn auch nicht nur Berufslose, die zu ihr kommen. Auch ein Kunsthistoriker war schon dabei, Ärzte, eine Fotografin. "Es sind nicht nur die einfach Strukturierten, sondern ganz oft auch die Sensiblen, die nicht damit fertig werden, dass in unserer Gesellschaft alle so perfekt sein müssen", sagt Lobenstein.

Vor diesem Anspruch scheitert mancher "und schafft dann nichts mehr". Lobenstein muss zwar darauf achten, dass sie gegenüber ihren Kunden - in der Regel sind sie im Alter von Mitte 30 bis Mitte 50 angesiedelt - Distanz und Autorität wahrt, "denn wenn man nicht den nötigen Respekt hat, dann kann man nicht arbeiten", so ihre Erfahrung in 24 Jahren Sozialpädagogik.

Aber ihre Zuneigung zu den Gestrandeten ist nicht zu überhören. "Viele sind so warmherzig", sagt sie. Und: "Es geht so viel verschüttet."