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Notfall in Bad Tölz:Blitz verursacht Großbrand in Mehrfamilienhaus

Am Abend des 1. Juli 2020 verursachte ein Gewitter einen Brand in Bad Tölz. Alle Bewohner des Hauses Am Lettenholz 45 blieben ohne Verletzungen, mussten die Nacht aber in einer Notunterkunft verbringen. Dieses Foto wurde um 21.49 Uhr gemacht - unmittelbar nach Blitzeinschlag. Die Feuerwehr war noch nicht am Einsatzort.

(Foto: privat)

Das Gewitter in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hat in der Kurstadt verheerende Folgen: Nach einem Einschlag in einem Wohnkomplex am Lettenholz gerät der Dachstuhl in Brand. 78 Bewohner werden obdachlos, der Sachschaden liegt wohl im hohen sechsstelligen Bereich.

Von Klaus Schieder

Am Morgen danach ragen die verkohlten Balken des Dachstuhls in den Wolkenhimmel, unten liegen Ziegel, Dämmmaterial und Holzteile auf der kleinen Wiese zwischen den Wäscheleinen. Ein Blitz ist am Mittwochabend in ein Mehrfamilienhaus am Lettenholz eingeschlagen und hat einen Großbrand verursacht. Circa 100 Feuerwehrleute aus Bad Tölz, Greiling, Reichersbeuern, Geretsried und Holzkirchen waren bis um 5 Uhr früh mit den Löscharbeiten beschäftigt. Die 60 Bewohner mussten ihr Zuhause verlassen und kamen erst einmal im nahen Bergwachtzentrum unter, ebenso 18 Personen aus den beiden Nachbarhäusern, die ebenfalls evakuiert wurden. Verletzt wurde niemand. Der Sachschaden dürfte mehrere Hunderttausend Euro betragen.

Das Mehrfamilienhaus gehört zu einem Reihenhauskomplex, der früher US-Soldaten und ihren Familien als Unterkunft diente. Während des Gewitters, das am Mittwochabend über Bad Tölz hinwegzog, wurde ein Bewohner des Anwesens durch einen Blitz aufgeschreckt, gleich danach hörte er ein Krachen und sah, wie Feuer aus dem Dach schlug. "Er setzte einen Notruf ab und rief alle Nachbarn auf, das Gebäude zu verlassen", berichtet der Kreisfeuerwehr-Sprecher Stefan Kießkalt. Als die um 21.49 Uhr alarmierten Tölzer Feuerwehrleute fünf Minuten später anrückten, sahen sie schon von Weitem den Feuerschein. Deshalb habe man umgehende weitere Einsatzkräfte angefordert, erzählt Kommandant Thomas Fuchsgruber.

Den Brand bekämpfte die Feuerwehr über eine Drehleiter von außen, außerdem rückten mehrere Trupps von innen zu dem Feuer empor. Wie Kießkalt mitteilt, gestalteten sich die Löscharbeiten teilweise schwierig. Um Glutnester aufzuspüren und unschädlich zu machen, mussten Dachgauben aufgebrochen und die Blechverkleidung weggedrückt werden - "das war schwere Arbeit". Auf der anderen Hausseite wurde eine zweite Drehleiter eingesetzt. Mit einer Drohne habe man von oben Wärmenester geortet, so Fuchsgruber.

Hier die Situation am Vormittag nach dem Brandabend.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die 78 Bewohner des Hauses am Lettenholz 45 und der benachbarten Nummern 41 und 43 fanden Zuflucht im nahen Bergwachtzentrum. Die Tölzer Feuerwehr holte circa 100 Feldbetten aus dem Landratsamt ab und baute sie in der Halle auf. Diese Liegen mit Einwegbettzeug gehörten zum Katastrophenschutz des Landkreises, erklärt Marlis Peischer, Pressesprecherin des Landratsamtes. Allerdings wurden am Ende bloß zehn Betten gebraucht.

In der Halle seien auch Tische und Bänke aufgestellt worden, "damit die Leute sich hinsetzen konnten", sagt BRK-Kreisbereitschaftsleiter Jörg Kastner. Unter ihnen befanden sich Familien mit Kindern und Alleinstehende, Junge und Ältere, "querbeet durch die Gesellschaft". Sie wurden dort mithilfe der amtlichen Meldedaten registriert und medizinisch untersucht. Andreas Rohrhofer, stellvertretender Leiter der Polizei Bad Tölz, berichtet von einem Schreckmoment, als eine Familie fehlte. Aber wie sich herausstellte, war sie an diesem Abend nach München gefahren.

Betreut wurden die Bewohner von Mitarbeitern des Roten Kreuzes, die sie unter anderem mit Getränken und Essen versorgten. Insgesamt seien 37 ehren- und zehn hauptamtliche BRK-Kräfte im Einsatz gewesen, teilt Einsatzleiter Michael Weisenborn mit. Außerdem half das Kriseninterventionsteam den Betroffenen aus den 20 Mietwohnungen in dieser schrecklichen Nacht. Die meisten von ihnen blieben nicht in der Bergwachthalle, sondern kamen in der Nacht bei Nachbarn, Freunden oder Verwandten unter, auch beim evangelischen Dekan Martin Steinbach. Nur zehn mussten auf den Feldbetten schlafen.

Das Mehrfamilienhaus im Lettenholz gehört zwar nicht der Stadt, dennoch hat sie eine Unterbringungspflicht für obdachlos gewordene Einwohner. Im Rathaus suchte man am Donnerstag denn auch fieberhaft nach Lösungen, um die zwölf Bewohner, die morgens nicht wussten, wohin, irgendwo einzuquartieren. Sie kamen schließlich in der Sportjugendherberge unter. "Die Stadt Bad Tölz stellt sicher, dass niemand obdachlos ist", betont Bürgermeister Ingo Mehner (CSU). Der Vermieter - eine Wohnbaugesellschaft - habe versichert, sich um die Unterbringung der Mieter zu kümmern und die Kosten zu übernehmen. Die Betroffenen können sich unter der Hotline 0228/518631 melden. "Das Brandereignis ist bedrückend", sagt Mehner. Aber ebenso beeindruckend sei für ihn das ehrenamtliche Engagement, das Rettungskräfte und Bürger in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gezeigt hätten. Die Hausbewohner, so Mehner, seien "extrem ruhig" gewesen, "sie haben sich sicher und geborgen gefühlt".

Das Ausmaß des Sachschadens zeigte sich erst am nächsten Tag.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das Mehrfamilienhaus bleibt vorerst gesperrt, ebenso die zwei Nachbaranwesen. "Aufgrund des Schadensbildes besteht der Verdacht auf Einsturzgefahr", erklärt Martin Emig, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Deshalb werde ein Statiker hinzugezogen. Außerdem soll ein Gutachter die genaue Höhe des Sachschadens feststellen. Der dürfte Emig zufolge "mindestens im mittleren bis höheren sechsstelligen Bereich" liegen. Wie Rohrhofer mitteilt, weisen alle Zeugenaussagen und nicht weniger als neun Entladungen in dem Haus bisher darauf hin, dass ein Blitzeinschlag die Brandursache war. "Das war schon ein krasses Blitzgeschehen."

© SZ vom 03.07.2020

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