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Neue Exponate im Erinnerungsort Badehaus Föhrenwald-Waldram:"Lebn und szafn in lager"

Nava und Joseph Pliskin mit einer originalen Lagerzeitung aus dem DP-Camp Föhrenwald - jiddisch "Fernwald".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Joseph Pliskin, Sohn des medizinischen Direktors im DP-Lager Föhrenwald, bringt aus Israel originale Instrumente und Zeitungen

Die Eröffnung des Erinnerungsorts Badehaus vor einem Jahr hat Nava Pliskin tief berührt. Sie erzählt davon, als sie jetzt erneut mit ihrem Mann Joseph Pliskin hier ist. "The kids of the survivors", die Kinder der Überlebenden der Schoah, so sagt sie, seien mit dem Mantra des "Nie wieder!" groß geworden. Und dann habe sie genau dies ausgerechnet hier, am Ort des einstigen Lagers Föhrenwald, wieder und wieder gehört. Jeder Sprecher der Eröffnungsfeier habe sich zu diesem "Nie wieder" bekannt. "Ich hatte das nicht erwartet", erklärt Nava Pliskin. Sie hält ganz kurz inne, um dann zu sagen: "Tatsächlich musste ich weinen."

Das Ehepaar Pliskin aus Tel Aviv ist zum dritten Mal im Badehaus, jener Stätte, die an die NS-Rüstungsarbeitersiedlung Föhrenwald genauso erinnert wie an das Lager für jüdische Displaced Persons, aus dem dann der Vertriebenenort Waldram wurde. In diesem Föhrenwald oder, wie es im Jiddischen hieß, Fernwald, war Joseph Pliskins Vater Boris von 1946 bis 1950 medizinischer Direktor. Sein Sohn wurde 1946 in Föhrenwald geboren, lebte allerdings nur ein halbes Jahr dort. Die Familie zog nach München - "but my father worked here", sagt der 73-Jährige.

Instrumente aus dem Fundus von Boris Pliskin, der von 1946 bis 1950 medizinischer Direktor des Lagers jüdischer Schoah-Überlebender war.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Er sei stolz, dem Museum im Badehaus etwas zu vermachen, erklärt er und packt eine Schachtel aus, die er aus Israel mitgebracht hat: Medizinische Instrumente, die nun an den Ort ihres ursprünglichen Einsatzes zurückgebracht werden. Ein Stethoskop, ein Badethermometer, eine Tülle für Vaginalspülungen mit englisch beschriftetem Schächtelchen und eine Glasröhre, deren Karton auf Deutsch ihre Funktion verrät: "Tropfer für rektalen Tröpfcheneinlauf".

"In der Wüste"

Und dann sind da noch etliche Seiten vergilbten, abgegriffenen, aber museal höchst wertvollen Papiers: originale Ausgaben der Lagerzeitung "Bamidbar" - dies ist der Titel eines Leseabschnitts der Tora und heißt auf Hebräisch "In der Wüste". Die Zeitung existiert teils in hebräischen Schriftzeichen, teils aus der Zeit, da diese im DP-Lager Föhrenwald noch nicht verfügbar waren, im lateinischen Alphabet. Die Texte auf Jiddisch sind für Deutsche gar nicht so schwer zu verstehen. So trägt eine Doppelseite mit Fotos den Titel: "Un do... bilder fun lebn un szafn in lager". Bilder also vom Leben und Schaffen - der Arbeit - im DP-Lager.

Familie Pliskin ist 1950 nach Israel ausgewandert. Über ihre Verfolgungsgeschichte hätten sie nie viel erzählt, sagt Joseph Pliskin, und sein Vater sei auch schon 1959, mit nur 50 Jahren, gestorben. Beide Eltern seien aus dem Lager Janowska bei Lemberg geflohen. Seine Mutter sei eineinhalb lang in Auschwitz gewesen; der Vater habe damals seine ganze Familie verloren: Ehefrau, Sohn, Eltern, zwei Schwestern und einen Bruder. Als er und seine spätere zweite Frau sich trafen, habe die ganze 30 Kilo gehabt. Joseph Pliskin erzählt all dies mit einer ungemein offenen, freundlichen Ausstrahlung. Im Badehaus, so scheint es, fühlt er sich mit seiner Geschichte gut aufgenommen. Wie er diesen Erinnerungsort findet? Ein einziges Wort: "Amazing!"

© SZ vom 17.12.2019

Eine Foto-Seite aus der Lagerzeitung.

(Foto: Hartmut Pöstges)