bedeckt München 17°

Meinung:Gleichstellung wie anno Tobak

"Rittmeistergattin und Mäzen" - was für eine Würdigung . . .

Kommentar von Felicitas Amler

Der Alltag schreibt doch die schönsten Pointen. So auch in Sachen Gleichstellung. Da bemühen sich seit Kurzem sechs Stadträtinnen über alle Fraktionen hinweg darum, mehr weibliche Persönlichkeiten zu würdigen. Denn in den Stadtbildern von Wolfratshausen - wo die Aktion gerade begonnen hat - und vielen anderen großen wie kleinen Orten gibt es zwar reichlich Straßen und Plätze, die an nationale oder lokale männliche Größen erinnern. In den wenigsten aber ist es auch nur eine Handvoll Frauen, derer auf diese Weise gedacht und die somit gewürdigt werden.

Und während die Betrachterin der verschiedenen Straßenszenen sich noch freut, dass es in Bad Tölz wenigstens sechs Wege mit Namen von Frauen gibt - dieweil die größere Stadt Geretsried keine einzige Dichterin oder Komponistin oder Wissenschaftlerin bedacht hat -, da fällt ihr das Kleingedruckte ins Auge. In der Kreisstadt ist nämlich eine Straße nach Auguste Wittig benannt, und unter dem Schild ist ein kleineres befestigt, das die Erklärung zu dieser Ehrung liefert: "Auguste Marie Wittig. Rittmeistergattin und Mäzen (1896 - 1993)". Nicht dass diese Frau eine Mäzenin war - ja, liebe Tölzer Schilderbeschrifter, diese weibliche Form gibt es -, wird also primär gewürdigt. Nein, dass sie einen Gatten hatte, der Rittmeister war. Lässt sich der schier endlose, ermüdende Kampf von Frauen um Anerkennung dessen, wofür sie persönlich stehen, besser illustrieren?

Ein Witz, könnte man sagen. Lacht doch darüber, Frauen! Nein, es ist schon eher Ausdruck tief sitzender, unbewusster Rollenzuweisungen. Oder kann sich irgendjemand das umgekehrte Bild vorstellen - eine Gustav-Mahler-Straße etwa, unter der stünde: "Gustav Mahler, Gatte der Musikbegabung Alma Mahler, geb. Schindler, und Komponist". Eben. Die Sache ist durchaus ernst.

Und ernsthaft sollten die Dörfer und Städte jetzt wirklich ans Werk gehen und lokalen wie überregionalen Frauen viel mehr Platz im öffentlichen Stadtbild verschaffen. Die kleine Übersicht, welche die SZ sich zum Thema Straßenbenennungen verschafft hat, zeigt jedenfalls: Es gibt noch viel zu tun, bis Frauen endlich in allen Bereichen des Alltags gleichgestellt sind.

© SZ vom 03.04.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema