Marie-Luise Schultze-Jahn Erinnern und Aufklären gegen Gewalt

Marie-Luise Schultze-Jahn klärte über die Nazi-Diktatur auf.

(Foto: region.wor)

Die Widerstandskämpferin Marie-Luise Schultze-Jahn wird mit einem Buch und als Namensgeberin für das Tölzer Förderzentrum gewürdigt.

Von Benjamin Engel

Die Pogromnacht von 1938 hat der damals 20-jährigen Marie-Luise Schultze-Jahn den Unrechtscharakter des Nazi-Regimes bewusst gemacht. Der Schockmoment brachte sie dazu, sich später als Widerstandskämpferin im Umfeld der "Weißen Rose" zu engagieren. Mit ihrem kurz vor Kriegsende hingerichteten Freund Hans Leipelt verteilte sie das sechste Flugblatt der Gruppe. Sie selbst kam ins Gefängnis, bis sie von US- amerikanischen Soldaten befreit wurde. An das NS-Terrorregime und dessen Opfer zu erinnern und aufzuklären, damit sich so etwas nie wiederholt, machte die 2010 verstorbene Schultze-Jahn zu ihrer Lebensaufgabe.

Die in Bad Tölz praktizierende Ärztin wäre am Montag 100 Jahre alt geworden. Daher hat Nachlassverwalterin und Publizistin Anne-Barb Hertkorn das Buch "Wir wollten aufklären!" in erweiterter Neuauflage herausgegeben. Basis blieben die 2003 veröffentlichten Erinnerungen von Schultze-Jahn an ihr Engagement im Widerstand - ergänzt um spätere Interviews und Aufzeichnungen. Gleichzeitig soll das Sonderpädagogische Förderzentrum voraussichtlich von Herbst ihren Namen tragen. Wie der Tölzer Bürgermeister Josef Janker (CSU) betonte, sei das ein wichtiges Zeichen, dass ihr Geist weiterlebe. "Ihr Thema der Erziehung gegen Radikalismus, Gewalt und für Demokratie, passt hervorragend zur Weltoffenheit der Schule."

Marie-Luise Schultze-Jahn diskutierte mit dem Zeitzeugen Max Mannheimer.

(Foto: Manfred Neubauer (Repro))

Jahrzehntelang konnte Schultze-Jahn über ihre Erlebnisse zur NS-Zeit nicht sprechen. Erst um 1992 brach sie ihr Schweigen. Bis ins hohe Alter trat sie auf - in der Dachauer KZ-Gedenkstätte, der Internationalen Jugendbegegnung oder an Schulen. Laut Hertkorn hätten die Pole "Erinnern und Aufklären" ihr Leben wie ein roter Faden geprägt. "Ihre Art, als kleine, vehemente Person an Schulen zu gehen, war sehr eindrücklich", sagt die Publizistin. Die Generation der Zeitzeugen wie sie verschwinde und werde fehlen. "Daher können wir froh sein, dass wir wenigstens noch ihre schriftlichen Aufzeichnungen haben."

Völlig unpolitisch war Schultze-Jahn eigener Aussage nach zunächst auf dem Landgut der Familie in Ostpreußen aufgewachsen. Erst die Pogromnacht von 1938 wurde ihr politischer Weckmoment. Zum Studium kam sie nach München. Am dortigen chemischen Staatslabor unter Leitung von Professor Heinrich Wieland befreundete sie sich im Frühjahr 1942 mit ihrem Kommilitonen Hans Leipelt. Am Institut herrschte eine aufgeschlossene Atmosphäre mit Raum für regimekritische Gespräche. "Und dann ... kam Hans eines Tages mit dem sechsten Flugblatt der Weißen Rose in der Hand - er hatte es mit der Post zugeschickt bekommen - zu meinem Laborplatz", schreibt Schultze-Jahn in ihren Erinnerungen. Beide beeindruckte, dass die Gruppe aussprach, was sie selbst dachten, aber nie zu schreiben gewagt hätten.

Gegen das Regime war Marie-Luise Schultze-Jahn als junge Frau im Widerstand aktiv.

(Foto: Manfred Neubauer)

Wenig später erfuhren Leipelt und Schultze-Jahn, dass die Geschwister Scholl hingerichtet worden waren. Sie beschlossen, das letzte Flugblatt der "Weißen Rose" zu vervielfältigen und zu verteilen. Zudem starteten beide Studenten eine Sammelaktion für die Witwe von Professor Kurt Huber. Der Hochschuldozent hatte sich ebenfalls für die "Weiße Rose" engagiert und saß in Haft. "Die Sammlung wurde denunziert", berichtet Hertkorn. Die Gestapo verhaftete Schultze-Jahn und Leipelt. Für beide beantragte der Staatsanwalt die Todesstrafe. Im Oktober 1944 wurde Leipelt vor dem Volksgerichtshof in Donauwörth zum Tode verurteilt. Ende Januar 1945 wurde er im Münchner Gefängnis Stadelheim hingerichtet. Für Schultze-Jahn verhängte der Richter eine Haftstrafe von zwölf Jahren. Bis US-amerikanische Soldaten sie befreiten, war sie im Gefängnis Aichach.

In den 1950er-Jahren promovierte die Widerstandskämpferin und wurde Fachärztin für Innere Medizin. In Bad Tölz betrieb sie von 1969 bis 1988 eine eigene Praxis. Sie zählte zu den Gründungsmitgliedern der "Weiße Rose Stiftung" und des "Weisse Rose Instituts". Für Engagement wurde ihr der "Bayerische Verdienstorden" und die "Isar-Loisach-Medaille" des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen verliehen. 2003 wurde eine Erinnerungstafel vor dem Tölzer Landratsamt enthüllt.

Mit jeweils 1500 Euro haben die Stadt Bad Tölz, das Weiße Rose Institut und das Dekanat für Chemie und Pharmazie der Ludwig-Maximilians-Universität München die neue Buchveröffentlichung unterstützt. Zum 100. Geburtstag von Schultze-Jahn am Montag hat Christof Botzenhart, Dritter Tölzer Bürgermeister, einen Gedenkkranz an ihrem Grab im Friedhof am Perlacher Forst niedergelegt. Ganz nahe ist auch Leipelt beigesetzt. Botzenhart begreift es als Verpflichtung, dass die Stadt Bad Tölz die Publikation (im Buchhandel für 14 Euro erhältlich) unterstützt hat. So könne die Erinnerung an den Widerstand gegen die NS-Diktatur weitergegeben werden. Gerade die erstarkenden rechtspopulistischen und -extremen Tendenzen lösten auch eine Gegenbewegung aus. "Viele junge Leute erkennen, dass sie gegen Hetze Stellung beziehen müssen", erklärt Botzenhart.