Lesung mit Hassan Ali Djan "Leiser und lokalisierter"

Noch immer engagieren sich allerorten Helfer für Flüchtlinge. Hassan Ali Djan aus Afghanistan möchte ihnen etwas zurückgeben. Am Freitag kommt er nach Königsdorf

Von Stephanie Schwaderer

Vor Germany hatten ihn alle gewarnt, deshalb war Hassan Ali Djan heilfroh, als ihm die Leute sagten, er sei in Deutschland gelandet. 16 Jahre war er damals alt und hatte gerade die Flucht in einem Lkw-Reifen überlebt. Hinter ihm lagen Jahre als Hirtenjunge und Schwerstarbeiter auf iranischen Baustellen. Mittlerweile ist er 28, hat ein Buch geschrieben und erzählt regelmäßig von seinen Erfahrungen, so auch am Freitag, 26. Januar, in Königsdorf.

SZ: Sie sind Afghane und Münchner, Elektriker, Buchautor und Kultur-Botschafter - wie stellen Sie sich Ihrem Publikum vor?

Hassan Ali Djan: Das machen normalerweise die Veranstalter. Ich sage, dass ich Hassan Ali Djan bin. Und dass ich berichten will, wie es für mich war, als Flüchtling nach Deutschland zu kommen. In der Anfangsphase gab es hier viele Menschen, die mir geholfen haben. Diese Menschen wussten nicht, wer ich bin und wo ich herkomme, sie haben mir einfach geholfen. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben. Ich möchte den Helfern eine Hilfe geben.

Was wollen die Helfer von Ihnen wissen?

Eine häufige Frage ist: Warum nehmen Flüchtlinge die Hilfsangebote nicht an? Warum gehen sie nicht zu den Sprachkursen? Meine Antwort lautet: Das braucht Zeit. Es ist sehr schwierig, alles hinter sich zu lassen: Familie, Freunde, sein Zuhause, die Sprache. Wer hier ankommt, muss die Flucht verarbeiten: Was ist geschehen? Wo bin ich? Dann kommen die Deutschen und sagen: Wenn ich nach England fahre, lerne ich doch auch Englisch! Und ich antworte: Das ist etwas anderes, das ist freiwillig. Flüchtlinge sind nicht hierhergekommen, weil sie an einer fremden Sprache und Kultur interessiert sind. Ihr Kopf ist voll und ständig in Bewegung. Das dauert. Und bei manchen dauert es länger.

Nachhilfe geben, Deutsch üben, den Sinn von Pünktlichkeit erklären - das sind typische Aufgaben, die ehrenamtliche Helfer in den Gemeinden übernehmen.

(Foto: Catherina Hess)

Zu Ihren Lesungen kommen immer auch Flüchtlinge. Welche Tipps geben Sie ihnen?

Dass sie eine Ausbildung machen müssen. Viele fragen: Warum sollte ich das machen, wenn ich sofort 1200 Euro im Monat verdienen kann? Für uns ist das nicht normal. Ich sage dann: Junge, das ist wichtig. Ohne Ausbildung wirst du in zehn Jahren noch immer eine Hilfskraft sein, dein Chef kann dich jederzeit entlassen, und wenn du krank bist, kriegst du kein Geld. Du darfst Deutschland nicht mit Afghanistan vergleichen: In Afghanistan wärst du mit 1200 Euro Lohn der König, hier bist du der ärmste Mensch. Wenn du eine Ausbildung machst, bekommst du eine Lizenz. Es gibt Tarife und Fortbildungen. Als ausgebildeter Handwerker musst du nur fünf Tage in der Woche arbeiten, also 22 Tage im Monat, bekommst aber 30 Tage bezahlt. Dann sagen die meisten: Okay, ich versuche, mein Bestes zu geben.

Viele Ihrer Landsleute leben in permanenter Angst, abgeschoben zu werden. Können Sie ihnen etwas raten?

Ich kenne diese Angst. Mein Asylantrag wurde auch in erster Instanz abgelehnt. Aber solange das Verfahren nicht abgeschlossen ist, wird keiner zurückgeschickt. Und wer eine Ausbildung beginnt, kann auf die 3-plus-2-Regel hoffen. Man muss sich anstrengen, arbeiten, positiv wirken, damit man eine Chance bekommt, das ist überall auf dieser Erdkugel so. Es gibt keine Alternative. Wenn du dich nicht selbst für dich engagierst, engagiert sich kein anderer für dich.

Als Sie 2015 Ihr Buch herausbrachten, erlebte die Willkommenskultur in Deutschland gerade ihre Blütezeit. Spüren Sie, dass die Atmosphäre kälter geworden ist?

Ich spüre es nicht so stark, wie es in den Medien dargestellt wird. Damals war das Thema überall präsent, ständig gab es Nachrichten und Bilder. Jetzt ist die Präsenz leiser und lokalisierter geworden: Leute geben nach der Arbeit Nachhilfe oder begleiten Asylsuchende zu Behörden. Integration findet im Stillen und Kleinen statt.

Hassan Ali Djan hat ein Buch über seine Erfahrungen als Afghane in München geschrieben. Seine Mission: Zwischen den Kulturen zu vermitteln.

(Foto: OH)

Aber die Stimmung hat sich doch gewandelt?

Das eine ist: Es gibt viele Flüchtlinge, und viele Leute fragen sich, ob wir das alles schaffen. Das andere ist die negative Stimmung, die auch mit schlimmen Taten zu tun hat. Menschen, die keinen direkten Kontakt zu Flüchtlingen haben oder keine Zeit, sich zu engagieren, bilden sich ihre Meinung nach dem, was sie hören. Das ist wie bei einem Gemüsehändler, der 100 Äpfel hat. Wenn ein Apfel kaputt ist, schauen die meisten Leute auch die 99 anderen Äpfel mit Skepsis an.

Sie leben seit zwölf Jahren in München. Haben Sie an sich schon typisch deutsche Eigenschaften bemerkt?

Ich habe hier viele positive Sachen gelernt und angenommen. In Afghanistan und vielen anderen Ländern spricht man Themen zum Beispiel nicht direkt an; man redet ein bisschen links herum und rechts herum und einmal um die Ecke, bis man allmählich zum Punkt kommt. In Deutschland sagt man dem anderen vieles ins Gesicht. Das finde ich gut. Was ich noch sehr schätze, ist Pünktlichkeit. Das habe ich am Anfang überhaupt nicht verstanden: Warum regen sich die Menschen wegen ein paar Minuten so auf? Ein junger Afrikaner in meiner Unterkunft hat damals gesagt: Die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit. Aber dann hat mir meine Patin erklärt, dass es um Respekt geht: Um Respekt gegenüber einem anderen Menschen, der sagt: Ich bin für dich da. Das ist eine ganz andere Botschaft.

Umgekehrt: Was sollten sich die Deutschen bei den Afghanen abschauen?

In Afghanistan wird die Familie großgeschrieben, und dazu gehören nicht nur Mutter, Vater und Kinder, sondern alle Verwandten. Es gibt sehr viel Respekt für die Älteren, als Kind bin ich verpflichtet, für meine Eltern da zu sein. Wenn meine Mutter alt und hässlich ist, kann ich sie nicht einfach wegschicken. Sie hat mich zur Welt gebracht. Hier in Deutschland gibt es so viele Versicherungen und so viel Wohlstand, dass man über diese Dinge nicht so sehr nachdenkt. Aber das Leben ist eine Reise und eine Prüfung: Wir müssen entscheiden, was uns wichtig ist und wofür wir unsere Lebenszeit verwenden.

Lesung am Freitag, 26. Januar, 19 Uhr, Königsdorf, Pfarrheim, Sedlmeierstraße 4; durch den Abend führt Pfarrer Georg Bücheler; Eintritt frei, Spenden erbeten; Hassan Ali Djans Buch "Afghanistan. München. Ich" ist im Herder-Verlag erschienen, ISBN 978-3-451-31304-2