Kräftiger Beifall zu kraftvollen Szenen Deftiges im Idyll

Literatur-Floß: Autor Georg Unterholzner und seine musikalischen Partner präsentieren das „Grafical“.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Georg Unterholzner, Sepp Kloiber und Martin Regnat bringen ihr kleines Musical über den großen Dichter Oskar Maria Graf auf einem Loisach-Floss zu Gehör

Von Barbara Szymanski

Vielleicht sitzt Oskar Maria Graf mit seiner knielangen Lederhose an diesem Donnerstagabend am anderen Ufer der Loisach beim Flößer Josef Seitner in Weidach und führt heimlich Regie beim "Grafical". Der Dichter aus Berg bei Starnberg liebte sie, "die stille schöne Schwester der Isar", wie er schrieb. Und nach Wolfratshausen trieb es ihn immer wieder. Kannte er auch diesen Ort, an dem Georg Unterholzner, Sepp Kloiber und Martin Regnat ihr kleines Musical über ihn darbieten? Ein Ort, der nicht typischer sein könnte für diese kleine Stadt: Von links oben grünt der Bergwald mit sattem Juni-Laub und spiegelt sich ein wenig in der Loisach, die sich sanft kräuselt. Vorne ins Bild, das sich den vollbesetzten Reihen der Zuhörer auf dem Doppelfloß als Kulisse empfiehlt, sticht ein dünner Maibaum in den Abendhimmel. Und auch die ewig zankenden Stockentenerpel stellen sich pünktlich zur Dämmerung ein. Selbstverständlich darf auch sie nicht fehlen - die rote, ewig launische S 7. Sie breitet immer wieder mal einen rhythmischen kaum störenden Geräuschteppich aus, wenn Kloiber an der Gitarre und anderen Instrumenten und sein kongenialer Partner Regnat an der Diatonischen und der Kontragitarre singen und spielen. Als hätten sie es verabredet, unterbrechen die glückseligen Zuhörer die szenische Lesung von Georg Unterholzner und den Musikdarbietungen so gut wie gar nicht mit Beifall.

Auf den Floßbalken geht es deftig zur Sache. Schließlich haben wir es mit Oskar Maria Graf zu tun, seinen Geschichten vom Land und aus seinem Leben und dem seiner liebevollen Mutter und dem jähzornigen Vater, dem Bäckermeister Max. Unterholzner, Krimiautor aus Ascholding, schaut und agiert wie Graf, ohne ihm äußerlich ähnlich zu sein. Innerlich vielleicht schon. Er schafft stimmungsvolle und genaue Bilder nur mit seiner Stimme und kostet die Dichterworte regelrecht aus wie die vom sterbenden Suffkopf Hans Schmolzer: "Eine einsame Fliege saß auf seiner blassen Nase." Da stockt ein wenig der Atem, weil das via Stimme geschaffene Bild ein kurze Zeit stehen bleibt. Und dann rappt Unterholzner zusammen mit Kloiber und Regnat, dass es eine Art hat: "Schmolzer, verreck!" Und später ist noch irgendwas von Hosentürl, Arschpapierl und Hundskrippe zu hören. Erfrischend rustikal. Das alles wird von den beiden Musikern mit der Gitarre und der Diatonischen zwar thematisch aufgenommen, doch bleiben die Töne sanft, warm und streichelnd.

"Knatternde Lustlisogkeit"

Die Texte, die Unterholzner ausgewählt hat, sind in der ersten Hälfte kraftvoll und sehr deftig. In der zweiten Hälfte nimmt er das Publikum mit nach "Minga", wo Oskar Maria Graf kräftig dem Alkohol zuspricht, in die Boheme eintaucht und den zweiten Vornamen Maria annimmt. Obwohl es sich bei späteren Szenen aus dem Buch "Wir sind Gefangene" um Krieg handelt, wirken diese durch das durchtriebene Spiel von Unterholzner wahrhaft urkomisch. Graf täuschte eine Kriegsneurose vor: "... er lachte und lachte." Lachte alles weg und gab die "knatternde Lustlosigkeit" vor diesem Wahnsinn namens Krieg. Klar, dass den Offizieren das gar nicht passte. Das ist das Stichwort für den Musiker und Sänger Regnat. Er gibt einen berlinernden, näselnden Offizier, der Bayern offenbar als neben der eigentlichen Welt sah: "Der Bayer ist eine Mischung aus Mensch und Österreicher." Erster Zwischenapplaus. Auch für den Schweinshaxen mit Knödel und Gurkensalat kauenden Dichter gibt es Beifall. Denn Unterholzner schafft bei jedem dichterischen Kleinod eine Atmosphäre, dass man nicht nur Graf, sondern auch die anderen Typen förmlich sieht, hört und riecht.

Er kann den schmierigen Verleger aus Wien geben oder den alten und kranken Jackl, der in seiner Kammer nur junge Weiber sehen will. Dann wird die Stimme des Vortragenden scheppernd und meckernd und die boshafte Grämlichkeit des alten Mannes lässt die Zuhörer schaudern.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Liebesszene zwischen der kecken Thekla und dem eher schüchternen Lenz im Stroh im Stall. Zwischen grunzenden Säuen, wiederkäuenden Kühen und aufgeregten Hennen mag sich der Liebesakt nicht so richtig entfalten. Einfach köstlich, wie Unterholzner dieses waghalsige Stück Literatur aufdröselt. Nun dürfen die Zuhörer lauthals und befreiend lachen und klatschen. Doch damit endet das Grafical nicht. Graf ist schließlich auch ein politisch denkender und schreibender Mensch. Er empört sich über die Nazis und die "Unehre", dass seine Bücher nicht auf dem Scheiterhaufen landen. "Verbrennt mich!" ist eines seiner berühmten Worte.

Was bleibt, sind sein tiefgründiger Humor, das Granteln und das genaue Beobachten der Mitmenschen. Und genau dies arbeiten Georg Unterholzner und seine Musiker wunderbar heraus. Klatscht auch Oskar Maria Graf am anderen Loisachufer dafür am Ende kräftig Beifall?