Konzert:Extreme zwischen Tölz und Tirol

Die eigenwillige Formation Franui aus Osttitrol mischt auf Gut Nantesbuch die Blaskapelle der Kurstadt auf

Von Sabine Näher, Bad Heilbrunn

Das große Thema der Stiftung Nantesbuch, die Verbindung von Natur und Kultur, war am Samstagabend geradezu exemplarisch umgesetzt zu erleben. Eine riesige Bühne samt unzähligen Stuhlreihen dort, wo sonst der Parkplatz ist, inmitten der grandiosen Naturkulisse versprach besondere Erlebnisse. Wer sich gefragt hatte, warum der Veranstaltungsort via Shuttlebus angefahren werden musste, wusste jetzt, warum. Leider waren nicht alle Stuhlreihen besetzt, was wohl daran liegt, dass Franui zwar in Österreich Kultstatus genießt, hierzulande erstaunlicherweise aber immer noch wenig bekannt ist.

Franui Musicbanda und Tölzer Stadtkapelle

Auf Gut Nantesbuch verwoben Tiroler und Tölzer Musiker zusammen mit dem Schriftsteller John von Düffel das Thema "Wasser" zu einem zweistündigen Kunstgenuss in sommerlicher Naturkulisse.

(Foto: Manfred Neubauer)

Einen Konzertabend mit Franui kann man nur schwer beschreiben; eigentlich muss man diese ungewöhnliche Gruppe live erleben. Franui, oder Musicbanda Franui, ist ein zehnköpfiges österreichisches Musikensemble aus dem Osttiroler Dorf Innervillgraten, besetzt mit Holz- und Blechbläsern, Saiten- und Streichinstrumenten. Das Repertoire der Gruppe umfasst neben Eigenkompositionen Bearbeitungen, insbesondere von Werken Schuberts und Mahlers. Das Ensemble wurde 1993 von Andreas Schett gegründet, der seither auch die musikalische Leitung innehat. Die Besetzung ist seit der Gründung fast unverändert. Der Name Franui bezeichnet eine Almwiese in Innervillgraten, wo der Großteil der Musiker aufgewachsen ist. Das Wort stammt aus dem Rätoromanischen; seine genaue Bedeutung ist unbekannt. Aber sein Klang sei ja schon Musik, erklärt Schett die Wahl. Zum 20-jährigen Bestehen des Ensembles gab es ein Konzert auf dieser 2300 Meter hoch gelegenen Almwiese Franui, zu dem in einer dreistündigen Wanderung rund 1500 Besucher pilgerten, die von einem "Woodstock-Feeling" schwärmten.

Franui Musicbanda und Tölzer Stadtkapelle

Die Tölzer Stadtkapelle traditionell in Tracht.

(Foto: Manfred Neubauer)

Da war die Anfahrt mit dem Shuttlebus doch wesentlich weniger anstrengend - und von schönster Natur umgeben war auch der Abend auf Nantesbuch. Franui saß hier nicht alleine auf der Bühne, sondern flankiert von der Tölzer Stadtkapelle; die einen traditionell in Tracht, die anderen ganz in Schwarz. Mittendrin, in frischem Orange, der Autor John von Düffel. Denn Franui-Abende sind immer eine ganz besondere Konstruktion, die Text und Musik zu einer neuen, untrennbaren Einheit verwebt, weshalb es auch keine Pause gibt. "Vom Wasser" war das Programm überschrieben. Von Düffel las einen Text, der das Wasser nicht im romantisierenden Sinne verklärte, sondern die Seiten hervorkehrte, die die Natur eben immer auch hat: unberechenbar, gar gefährlich zu sein. So schildert sein Text den tragischen Tod seines Urgroßvaters in einem Flüsschen, das er mit dem Bau einer Papierfabrik zu seinen (wirtschaftlichen) Zwecken ausgebeutet hatte. Der im Fluss wohnende Harkemann hatte ihn geholt, um sich dafür zu rächen. So erklärt man sich den Hergang im Dorf.

Franui Musicbanda und Tölzer Stadtkapelle

Die eigenwillige Formation Franui aus Osttitrol ganz in Schwarz.

(Foto: Manfred Neubauer)

Von Düffel webt daraus einen dichten, fesselnden Text, den er in sachlicher Schlichtheit vorzutragen weiß. Franui und die Stadtkapelle untermalen und kommentieren seinen Vortrag mit meist von Schubert oder Mahler inspirierter Musik in der typischen, unverwechselbaren Verfremdung á la Franui. Dessen Musiker sind Meister darin, die Stimmungsextreme auszuloten: Sie können unendlich zarte, feine Klänge produzieren, sich aber auch in ausufernd lärmender Ausgelassenheit verlieren. Da sie meist Liedkompositionen verwenden, ergibt sich ein unausgesprochener Subtext, der sich nur dem erschließt, der die Liedtexte abrufbar hat - was in Österreich auf ein wesentlich breiteres Publikum zutreffen dürfte als hierzulande.

An wenigen Stellen tritt dann der "Franui-Chor" in Aktion: Die Musiker singen einige Passagen, bringen die Liedtexte also für alle ins Spiel. Das hat eine sehr eigene, starke Wirkung. Die Tölzer Stadtkapelle bringt in den gemeinsamen Nummern den typischen Blaskapellen-Sound ein, den Franui dann verfremdet, aufbricht und schließlich auflöst. Ein sehr reizvoller Kontrast. In ihrem Heimatdorf hat die Musicbanda allerdings nicht nur Fans, sondern wird von manchen traditionell eingestellten Bewohnern vehement abgelehnt, eben weil sie die Tradition auf eine sehr eigene, beziehungsweise eigenwillige Art und Weise interpretiert. In Nantesbuch aber werden an diesem Abend alle stürmisch gefeiert. Und nach fast zwei Stunden (ohne Pause) will das Publikum noch mehr. "Als Zugabe spielen wir jetzt noch unseren schönsten Trauermarsch", erklärt Andreas Schett. Und fügt an: "Das ist die beste Volksmusik im Alpenraum, weil sie für touristische Zwecke ungeeignet ist." Dass der Trauermarsch in wilder Ausgelassenheit endet, versteht sich bei Franui dann schon von selbst.

© SZ vom 16.07.2018
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