Konzert Ein Naturereignis

Festkonzert in himmlischem Ambiente: Die Sopranistin Simone Kermes und Pianist Daniel Heide begeistern das Publikum in der Beuerberger Klosterkapelle mit dem außergewöhnlichen Programm "An die Liebe".

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Sopranistin Simone Kermes reißt die Gäste in Beuerberg zu Begeisterungsstürmen hin

Von Sabine Näher, Beuerberg

Dieses Konzertprogramm passt in keine Schublade. Und passt insofern bestens zu seiner Interpretin, die sich ebenfalls jeder Kategorisierung entzieht. Die aus Leipzig stammende Sopranistin Simone Kermes ist am treffendsten als Naturereignis zu bezeichnen. Im Gegensatz zu ihren Kollegen, die einen Liederabend über in der Ausbuchtung des Flügels verharren, fegt Kermes wie ein Wirbelwind über das Podium. Und bietet, was man sonst nur von Pop-Diven kennt. Visuell, wohlgemerkt, denn sängerisch spielt sie in der ersten Liga der Klassik-Stars.

In der Klaviereinleitung zur ersten Nummer, einer Arie aus Vivaldis Oper "La Griselda", tänzelt sie neben dem Flügel umher, in vibrierender Spannung, bis sich endlich ihre unglaubliche Energie entladen kann. Kermes braucht kein warming up - sie zündet gleich ein Feuerwerk an funkelnden Koloraturen; sie tanzt und swingt zu ihrem Gesang.

Haben es die Pianisten - früher unzutreffenderweise gerne als "Klavierbegleiter" bezeichnet - generell schwer, sich in diesem Genre zu behaupten (das Publikum kommt in der Regel wegen des Sängers und konzentriert seine Wahrnehmung auf diesen), so gilt das an der Seite eines Wirbelwinds wie Simone Kermes umso mehr. Doch Daniel Heide, aus Weimar stammender Pianist, der mit vielen großen Sängern arbeitet, kennt das Metier - und bestreitet seinen Part zuverlässig.

In größtem Kontrast, ganz zurückgenommen, zart und innig, folgt "Ombra mai fu", die Arie des Serse aus der gleichnamigem Oper, allerdings nicht die von Händel, sondern die 40 Jahre zuvor entstandene von Giovanni Bononcini. Aus Pergolesis Oper "L'Olimpiade" schließt sich die schlicht furiose Arie der Aristea an. Kermes birst vor dramatischer Spannung - und dirigiert ihren Pianisten. Monteverdis "Lamento della Ninfa", eine herzerweichende Liebesklage, gestaltet sie darauf so betörend, dass es dem Zuhörer den Atem raubt.

Auf den ersten Block mit Alter Musik, die sich gewöhnlich nicht im Liederabend findet, lassen Kermes und Heide dann drei Lieder Rossinis folgen: perfekte Italianità - sprühend vor Leidenschaft und Temperament, mit tosendem Beifall bedacht. Eine Zuschauerin reicht der erhitzten Sängerin ihren Fächer zum Abkühlen. Nach der Pause kommt (zunächst) die Literatur, die einen Liederabend hierzulande auszumachen pflegt. Wolfs "Begegnung" und "Das verlassene Mägdelein", schauerlich-fahl, "in Leid versunken", sowie drei Lieder von Mendelssohn, die dessen Liedschaffen exemplarisch abbilden: die sehnsuchtsvoll schwelgende "Suleika", der schlicht-ergreifende "Gruß" und das phänomenale "Hexenlied", das man selten so plastisch dargeboten bekommt wie von Kermes.

Man hat das Gefühl, sie flöge gleich davon - ob mit oder ohne Besen. Und Heide kann hier beweisen, dass er zu Recht ein begehrter Partner der Liedsänger ist: Er meistert die nicht geringen Herausforderungen bravourös. Dann französisches Repertoire von Reynaldo Hahn, Gabriel Fauré und Léo Delibes: Die französische Leichtigkeit, Eleganz und Délicatesse treffen Sängerin wie Pianist gleichermaßen. Friedrich Holländers Couplet "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" ist wohl noch nie in einem Liederabend erklungen; für Kermes kein Hinderungsgrund, ihrem Programm auch diese, vom Plauderton inspirierte Farbe hinzuzufügen. Um dann zur großen italienischen Oper zurück zu kehren mit der Arie der Linda aus Donizettis "Linda di Charmounix" - und den Abend, wie er begonnen, mit wild wogenden Koloraturen zu beschließen.

Zu erleben, welche Lust diese Sängerin an ihrem Tun hat, ist schlicht überwältigend. Der ausverkaufte Saal im Kloster Beuerberg tobt. Und bekommt natürlich noch eine Zugabe: "Lascia ch'io pianga" aus Händels "Rinaldo", eine der bekanntesten Barockarien - aber, dem Konzept des Abend gemäß, nicht im originalen Gewand: Dieses trägt nur die Singstimme, während das Klavier den barocken Rahmen sprengt. Ein passender und würdiger Abschluss dieses ganz besonderen Konzertabends.