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Kabarett in Bad Tölz:Von freien Quälern und einem Bienenredder

Ob Stoiber, Söder oder Mäcki Montana: Wolfgang Krebs brillierte in jeder der zehn Rollen, in die er im Tölzer Kurhaus schlüpfte.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wolfgang Krebs begeistert mit seinem Programm "Geh zu, bleib da" das Publikum im Tölzer Kurhaus.

In Wolfgang Krebs' Brust wohnen viele Seelen - oder besser gesagt: Charaktere. Im Bad Tölzer Kurhaus durfte sich das Publikum am vergangenen Freitag davon überzeugen, dass er innerhalb von zwei Stunden in rund zehn Rollen schlüpfen kann - und in fast jeder brilliert.

Krebs betritt zunächst als Schorsch Heberl die Bühne, ein mit viel Blech geschmückter, redseliger Bürgermeister eines bayerischen Dorfes mit unaussprechlichem Namen und gleichzeitig Vorsitzender von 31 Vereinen. Das Dorf, das er heute vertritt, ist allerdings so weit draußen, dass es erst vor kurzem einen Strom- und Straßenanschluss bekommen hat: "Kaum war die Durchgangsstraße da, kam auch die SPD!" Für Heberl ist "Heimat da, wo Du begraben werden möchtest" - doch auch für die Lebenden werde jede Menge getan, zum Beispiel mit "Country Parship for hopeless cases", da findet "jedes Krischperl seine Vogelscheuche".

Nach einem Werbeblock schlüpft Krebs in seine Ur-Rolle und gibt den sich dauerverhaspelnden Edmund Stoiber. "Ich grüße alle An- und Abwesenden, wobei ja auch die Abwesenden anwesend sind, wenn sie ein Anwesen haben." Er lobt die Koalition aus "CSU/CSU und den freien Quälern" und betont, dass "auch der Holzweg der richtige sein kann, wenn man eine Termite ist". Krebs weiß, wie er den Stoiber geben muss, um die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Er streut aber auch Gags ein, die treuen Zuschauern der Sendung "Quer" im BR, in der Krebs seit 2004 auftritt, neu sein dürften - das ewig Gleiche wiederzukäuen ist Krebs' Sache nicht. So warnt er eindringlich vor "Putin und seinem Trollhaus" und den vom Kreml lancierten Cyberattacken. Auch die "gelbe Gefahr aus dem Weißen Haus" sei nicht zu unterschätzen. Schließlich rechnet er vor, dass die Fridays for Future-Bewegung der lebendige Beweis ist, dass es aller Unkenrufe zum Trotz auch das G8 tun würde. Zählt man nämlich alle freitäglichen Fehlzeiten zusammen, kommt im Laufe einer Schullaufbahn ein ganzes Fehljahr zusammen. Dank des Klimawandels werde zudem auch das Fach Erdkunde simplifiziert. "Da fallen ein paar Inseln weg!"

Nicht alles, was Krebs heute auf die Bühne bringt, zündet sofort. So bleibt der Seehofer heute etwas farblos - was aber durchaus der Tatsache geschuldet sein könnte, dass Seehofers einstiges Scharfmacher-Profil in Zeiten der Flüchtlingskrise mit den Jahren etwas konturloser wurde.

Als Schlagersänger Mäcki Montana bringt Krebs schließlich mit vogelwilder Perücke "freundlichen Klang aus Nesselwang" nach Bad Tölz. Montana ist im Kurhaus auf Brautschau. Er ist schon so lange Single, dass er seine "letzten Kondome noch beim Schlecker gekauft" hat. Gemeinsam mit dem Publikum wird ein Lied angestimmt: "Das, was ich meisten an Dir mag, ist Dein Bausparvertrag!"

Schließlich wird in einer Talkshow, die Hans-Joachim Gauck moderiert, der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher zum Leben erweckt. Gauck spricht dabei "mit Wasser zwischen den Zähnen, wie Inge Meysel". Genscher hingegen ist froh, dass bei seiner berühmten Ansprache auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag niemand gemerkt hat, dass sein Skript nach dem "Wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ... " sowieso zu Ende gewesen wäre.

Wer an diesem Abend nicht fehlen darf, ist Hubert Aiwanger. "Ist Dein Leben Dir zu blass, dann iss ein Kilo Ananas", spricht Aiwanger - oder besser Aiwonger, wandelt Krebs doch jedes "a" in ein niederbayerisch gedehntes "oo" um. Zwischendurch folgt wieder eine Werbeeinblendung, diesmal von Mäcki Montana, der sein Album "Tausend Tage Tinnitus" bewirbt.

Krebs wäre nicht Krebs, wenn er nicht auch Markus Söder aufs Korn nehmen würde. Als "Bayerns oberster Bienenredder" plant er in "fünf Jahren fünf Millionen Bäume zu pflanzen - oder waren es fünf Bäume in fünf Millionen Jahren?", was gar nicht so einfach sei, denn als ehemaliger Hardliner habe er viel Land versiegelt und den Bau von Gewerbegebieten ermöglicht. "Egal, dann müssen die Bäume halt in die Industriehallen!"

Auch als König Ludwig II. tritt Wolfgang Krebs in Erscheinung, der in seiner großzügigen Unterstützung Richard Wagners, ein "völlig verschuldeter Sachse", eine frühe Form des Länderfinanzausgleichs sieht. Angela Merkel macht Werbung für ihre "Modeboutique Angela", die das "Lebensgefühl der Uckermark" vermittelt, zum Finale redet nochmals Stoiber das Publikum mit "Liebe Solarplatten" an und mahnt an, dass es bald von chinesischen Pflegerobotern mit Stäbchen gefüttert werde, wenn es nicht aufpasse. Wolfgang Krebs weiß eben, welches Futter seinem Publikum schmeckt. Hungrig ist in Tölz keiner nach Hause gegangen.