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Integration:Bewusst deutsch

Pro Jahr lassen sich im Landkreis rund 100 Menschen einbürgern - manche aus Liebe, andere, weil sie das Wahlrecht wollen.

Ingrid Hügenell

Etwa 100 Menschen lassen sich jedes Jahr im Landkreis Bad Tölz-Wolfrathausen einbürgern. Die Zahlen seien seit Jahren konstant, sagt Andrea Kraus, die zuständige Sachbearbeiterin am Tölzer Landratsamt. Anträge gebe es aus allen Herkunftsnationalitäten und allen Altersgruppen, vom 80-jährigen Österreicher bis zum 16-jährigen Türken.

Fast eine Million Einbuergerungen seit 2002

Vom 80-jährigen Österreicher bis zum jugendlichen Türken reicht das Spektrum: Jedes Jahr bekommen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen rund 100 Personen ihre Einbürgerungsurkunde überreicht.

(Foto: dapd)

Die weitaus meisten werden genehmigt, und ausnahmslos alle Antragsteller hätten bisher den seit 1. September 2008 vorgeschriebenen Einbürgerungstest bestanden, berichtet Kraus.

Seit fünf oder sechs Jahren ist Filiz Siviloglu Deutsche. Sie bekam den deutschen Pass noch ohne Test, musste nur einige Unterlagen einreichen, allerdings ihre türkische Staatsangehörigkeit aufgeben. "Ich bin hier geboren, aufgewachsen und in die Schule gegangen", sagt die türkischstämmige Kindergärtnerin. "Mir war das Wahlrecht wichtig. Die Rechte, die ich habe, nutze ich auch." 2008 kandidierte sie für die Freien Wähler zum Tölzer Stadtrat. Mit knapp 1400 Stimmen hätte sie es auch fast ins Gremium geschafft.

Motive, einen deutschen Pass zu beantragen, gebe es viele, sagt Kraus. Dazugehören zu wollen zu Familie und Umfeld des deutschen Ehepartners sei eines. Für manche sei es wichtig, dass sie als Deutsche problemloser reisen könnten, vor allem dienstlich und innerhalb der EU. Wegen einer verpassten Dienstreise hat sich Evangelos Karassakalidis, CSU-Stadtrat in Geretsried, 2005 kurz überlegt, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Wenige Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sei er von der US-amerikanischen Mutterfirma seines Arbeitgebers in die USA eingeladen worden.

Anders als die deutschen Kollegen hätte er, unter Vorlage zahlreicher Unterlagen von der Heiratsurkunde bis zur Verdienstbescheinigung, ein Visum beantragen müssen. Karassakalidis verzichtete, blieb in Deutschland - und Grieche.

"Als Europäer ist es nicht so interessant, sich einbürgern zu lassen", findet er, auch seine hier geborenen Kinder dächten so. Nur wenige der 500 Geretsrieder Griechen hätten auch einen deutschen Pass. Dass er zwar an Kommunalwahlen, nicht aber an denen für Land- und Bundestag teilnehmen kann, störe ihn nicht.

Für EU-Bürger gilt inzwischen, dass sie generell ihre Ursprungs-Nationalität behalten können. Nur Österreich erlaube seinen Bürgern keine zwei Pässe, sagt Kraus. Wer aber etwa aus der Türkei, aus Russland oder aus Iran stamme, müsse die Entlassung aus der bisherigen Staatsangehörigkeit beantragen. Bis die entsprechenden Urkunden in Deutschland vorlägen, könne es schon mal ein halbes oder ganzes Jahr dauern. Entsprechend verzögert sich die Einbürgerung.

Bei EU-Bürgern, die gute Deutschkenntnisse nachweisen können und den Einbürgerungstest nicht brauchen, weil sie hier zur Schule gegangen sind, kann es auch ganz schnell gehen: Schon nach vier bis sechs Wochen können sie die Einbürgerungsurkunde bekommen, die 255 Euro kostet.

Wer eine Deutschprüfung oder den Einbürgerungstest ablegen muss, braucht länger. Pflicht sind diese Nachweise für alle, die nicht in Deutschland die Schule besucht oder eine Ausbildung gemacht haben. Die Regelung, die verhindern soll, dass Menschen Deutsche werden, die sich mit Sprache und Staat nicht auskennen, kann seltsame Auswirkungen haben. Kraus hatte schon Menschen bei sich sitzen, die seit 30 Jahren im Land waren, perfekt Deutsch mit bairischem Einschlag sprachen und trotzdem den Test machen mussten.

© SZ vom 08.02.2011/bica

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