Ickinger Konzertzyklus:Mendelssohn auf Armenisch

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Ickinger Konzertzyklus: Problematische Akustik, mitreißendes Repertoire: Das National Chamber Orchestra of Armenia unter Leitung von Philipp Amelung in der Aula der Ickinger Grundschule.

Problematische Akustik, mitreißendes Repertoire: Das National Chamber Orchestra of Armenia unter Leitung von Philipp Amelung in der Aula der Ickinger Grundschule.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das National Chamber Orchestra of Armenia überzeugt in Icking mit gar nicht mal so exotischen Klängen.

Von Hans Hoche, Icking

Der 22. Ickinger Konzertzyklus präsentierte sich am Wochenende unter dem Titel Armenien meets Mendelssohn mit drei abendlichen Konzerten, konzeptionell zusammengestellt und musikalisch geleitet von Philipp Amelung. Den Auftakt dazu machte am Freitagabend das Konzert mit dem 1962 gegründeten National Chamber Orchestra of Armenia (NCOA).

Aufgrund der Energiekrise und der damit verbundenen Heizproblematik konnte das Konzert nicht wie ursprünglich vorgesehen in der St. Benedikt-Kirche in Ebenhausen stattfinden. Die deutlich kleinere Aula der Grundschule in Icking musste kurzfristig als Musentempel-Ersatz herhalten. Das war atmosphärisch wie akustisch suboptimal und leider auch fühlbar unterkühlt. Aber wer kulturell interessiert ist, muss auch das aushalten können. Vielleicht mochte sich dabei der eine oder andere Konzertgast die Frage gestellt haben, warum Icking eigentlich keinen Konzertsaal hat, obwohl dort doch so viele Künstler leben.

Warum armenische Musik? Das mag für manchen zunächst fremd und sogar exotisch geklungen haben. "Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt" war von einem Gast vor Konzertbeginn zu hören, "aber ich bin gespannt". Es gehe darum, neue Kulturkreise zu vermitteln und nicht nur immer Altbekanntes zu hören, erklärte sinngemäß Bürgermeisterin Verena Reithman in ihrer kurzen Begrüßung. Dass die Themenwahl und daraus folgende musikalische Zusammenstellung gelungen waren, zeigte der lang anhaltende, herzliche Applaus zwischen den Werken und am Ende des Konzerts.

Die armenische Musik erwies sich jedoch keineswegs als fremd. Das mag seine Ursache in der besonderen geografischen Lage des Landes haben. Armenien befindet sich auf der Grenzlinie zwischen den Kulturen des Orients und des Okzidents und das hat über viele Jahrhunderte hinweg seine Musiktradition geprägt. Gerade in der armenischen Musik finden sich wesentliche Elemente der östlichen wie auch westlichen Kunst.

Das Konzertprogramm enthielt auch ein Werk des im vergangenen Jahr gestorbenen Komponisten Ruben Altunyan mit der Bezeichnung "Khachaturiana", einer eigens für das NCOA eingerichteten Adaption verschiedener Melodien Khatchaturians. Als in dessen sechsminütigem Verlauf das Säbeltanzmotiv, der Tanz der Kurden, aus Khatchaturians berühmtem Ballet "Ganajee" erklang, mit dem er 1942 Weltgeltung erlangte, dürfte jeder im Publikum mit Genugtuung gedacht haben 'ach, das kenne ich doch'.

Auch in unseren Kreisen weniger bekannte Werke armenischer Komponisten waren für hiesige Hörgewohnheiten problemlos zugänglich. Gleich zu Beginn vermochte das lyrisch, poetisch, streckenweise meditative Werk von Eduard Hayrapetyan "The Lost Balloon" das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Noch zarter und feingliedriger waren die ätherischen Klänge in Edvard Mirzoyans Melodie "Shushanik", einer 1973 komponierten Filmmusik. Deren Notensatz ist überschrieben mit "Andante con amore" - und dem wurde im Konzert das National Chamber Orchestra of Armenia mit seiner einfühlsamen Interpretation auch voll gerecht.

Kann ein armenisches Orchester auch Mendelssohn? Ja, es kann. Aber bezogen auf das Konzert in Icking ist das ist eine unzulässige Frage angesichts der Professionalität der etwa 20 Musikerinnen und Musiker des NCOA. Auch mag eine Gemeinsamkeit beider Musikrichtungen zusätzlich mitgespielt haben: die Tradition der armenischen Komponisten auf Volksmusikweisen zurückzugreifen einerseits und Mendelssohns verblüffend müheloses Vermögen, Kunstfertigkeit und Volkstümlichkeit zu verbinden andererseits. Auf dem Programm stand Mendelssohns Konzert in d-moll für Violine und Streichorchester. Bei dieser Komposition handelt es sich um ein Frühwerk. Als er es 1822 schrieb, war er gerade einmal 13 Jahre alt (!) und hatte schon zuvor fleißig komponiert, darunter zwölf Streichersinfonien. Goethe, vor dem der junge Felix auftreten durfte, bezeichnete ihn als Wunderkind. Schumann nannte ihn "Mozart des 19. Jahrhunderts".

Schon in den ersten Takten des Violinkonzerts fühlt man sich an Bach erinnert. Es kann auch Spuren von Haydn und Mozart enthalten. Mendelssohn war ein großer Verehrer Bachs. Er hat den großen Thomaskantor wieder ins allgemeine kulturelle Bewusstsein zurückgeholt, der, man mag es kaum glauben, zu jener Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten war.

Mendelssohns d-moll Violinkonzert beginnt also mit federnden Bachschen Rhythmen, gefolgt von schnellen Läufen, Sprüngen und Doppelgriffen, die der Solist des Abends Nikolay Madoyan mühelos beherrschte. In dem darauf folgenden lyrischen Andante voll Mendelssohnschem Klangzauber konnte er seine Interpretationsfähigkeit unter Beweis stellen. Auch die rasanten Läufe und Kadenzen im dritten Satz, einem Allegro im saloppen Gavotte-Stil, meisterte der Solist mit Eleganz und Bravour. Unter der geschickten Führung von Philipp Amelung spielte das Orchester das Werk frisch und lebhaft und all das zusammen wurde am Ende vom dankbaren Publikum mit viel Applaus belohnt.

Der Ickinger Konzertzyklus hat eine 22 Jahre lange Tradition und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Dazu dürfte auch das Konzert am Freitagabend wieder beigetragen haben.

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