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Historisches Bauwerk:Die schiefe Mauer von Schäftlarn

Sichtbar geneigt: Stefan Rührgartner, Verwaltungsleiter des Klosters Schäftlarn, begutachtet die Mauer um den Prälatengarten.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Einfriedung um den Prälatengarten am Kloster steht schon seit 300 Jahren, krümmt sich aber immer weiter. Nun soll sie saniert werden

Von Marie Heßlinger

Die Mauer, daran besteht kein Zweifel, hängt schief. Es ist, als würde sie sich sehnsüchtig vom Klostergarten weg in Richtung Biergarten strecken. Darum soll die mehr als 300 Jahre alte Wand um Schäftlarns Prälatengarten jetzt saniert werden.

"Der schiefe Turm von Schäftlarn", sagt Stefan Rührgartner. Der Verwaltungsleiter des Klosters steht zwischen Rosensträuchern und Lavendelblüten und blickt auf die hübsche weiße Wand, die sich nach außen in Richtung Klosterbräustüberl lehnt. Dahinter, auf ihrer Außenseite, laufen Schulkinder an geparkten Autos vorbei. Sie sollen nicht erschlagen werden - obgleich diese Gefahr, wie Rührgartner einräumt, doch sehr gering ist.

Trotzdem: noch schiefer soll die Gartenmauer nicht werden. Der Schäftlarner Gemeinderat hat kürzlich bewilligt, sich mit 5000 Euro an den Sanierungsarbeiten zu beteiligen. 146 000 Euro wird das Projekt voraussichtlich insgesamt kosten. Im Frühjahr 2021 sollen die Bauarbeiten beginnen. Noch in diesem Jahr sollen die Blumen aus dem Garten umgepflanzt werden.

Als Rührgartner noch Internatsschüler war, blickte er manchmal auf die Kohlköpfe, die unten im Klostergarten aus der Erde guckten. Ob die Mauer damals schon so sehnsüchtig schief hing, wie mancher Schülerkopf im Klassenzimmer, daran kann er sich nicht erinnern. 1997 beschlossen einige Mitglieder des späteren Vereins "Schönes Schäftlarn", die Kohlköpfe im Prälatengarten durch Rosenknospen zu ersetzen. Fotos aus jener Zeit erwecken den Anschein, als sei das Mauerwerk damals noch etwas gerader gestanden. Erst in den vergangenen Monaten drängte sich Rührgartner und den Benediktinermönchen der Gedanke auf, dass es nun an der Zeit sei, sich dem Mauerwerk zuzuwenden.

"Ziegel waren damals teuer"

Nicht älter als aus dem Jahr 1705 soll es sein. Ein Kupferstich aus dem Jahr 1701 belegt, dass der Prälatengarten damals noch größer war als heute. Folglich umsäumte ihn damals eine andere Mauer. Vermutlich aber wurden die Steine der früheren Mauer als Fundament für die jetzige Umfriedung verwendet.

"Ziegel waren in damaligen Zeiten ein relativ teures Baumaterial, weil sie erst einmal gebrannt werden mussten", sagt Archäologe Stefan Mühlemeier. Weil das ganze Klostergelände unter Bodendenkmalschutz steht, wurde er zu den stichprobenartigen Ausgrabungen an der Mauer herbeigerufen. Die unteren Ziegel der westlichen Prälatenmauer "sehen aus wie Blätterteig ", sagt er.

Die Steine im Fundament sind demnach schuld, dass die ganze Mauer schief hängt. Eine hohe Feuchtigkeit im Boden, die unter anderem auf die Quelle des Springbrunnens im Garten zurückzuführen ist, hat die Steine im Winter bersten lassen. Sie sind porös geworden. Mühlemeiers Untersuchungen ergaben, dass die Mauer wegen ihrer Schiefe schon einmal abgebaut und neu zusammengebaut wurde. Allerdings nicht gänzlich. Die unteren Ziegel beließ man dort, wo sie waren.

Wurde bei den Bauarbeiten also gepfuscht? Nein, sagt Mühlemeier. "Das Ding steht ja trotzdem schon seit 300 Jahren. Wenn wir das mal an heutigen Gebäuden messen, ist das gar nicht so schlecht." Die älteste Mauer, die der Archäologe einmal in Bayern gefunden hat, war aus römischer Zeit, aus dem Jahr 200 bis 400 nach Christus, weit östlich von München, in Kay bei Tittmoning. Die Römer hatten bei dieser Mauer tatsächlich gepfuscht: Sie wurde über einen Graben gebaut. Ein darüberstehendes Gutshaus ist deshalb womöglich eingebrochen, vermutet Mühlemeier. Insofern haben die Schäftlarner gute Arbeit geleistet. Mühlemeiers Ehefrau, ebenfalls Archäologin, fand schon Scherben aus dem achten Jahrhundert in Schäftlarn, aus der Gründungszeit des Klosters. "Das ist schon ganz erstaunlich, wenn an derselben Stelle immer noch ein Haus steht", sagt der Archäologe.

Damit die jetzige Mauer gut erhalten bleibt, sollen die unteren Ziegel von beiden Seiten einen Sperrschutz bekommen, damit keine Feuchtigkeit mehr eindringt. "Sie bleibt schief, aber sie soll nicht noch schiefer werden", sagt Rührgartner. Die Mauer auf der östlichen Seite des Gartens hingegen ist nicht sanierungsbedürftig, vermutlich wurde sie schon früher mithilfe von Beton stabil gehalten.

Die Mauer beim Klosterbräustüberl, also jene, zu der sich die schiefe Gartenmauer hinstreckt, wurde ebenfalls vor ein paar Monaten saniert. Dabei entdeckten die Bauarbeiter noch eine viel ältere Mauer aus dem Mittelalter, die dahinterlag, und alte Scherben. Die sind beim Schäftlarner Kloster allerdings nichts Besonderes mehr. Sie wurden daher in der Erde gelassen. "In 100 Jahren freut sich wieder jemand darüber", sagt Verwaltungsleiter Rührgartner.

© SZ vom 13.10.2020

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