Gesangsensemble Tölzer Knabenchor: Ex-Mitglied spricht von "emotionalem Terror"

In seinem aktuellen Buch und in einer Erzählung beschreibt Christopher Kloeble die hässlichen Seiten des Tölzer Knabenchors.

(Foto: Juergen Bauer)
  • Christopher Kloeble sang in seiner Kindheit im Tölzer Knabenchor.
  • Für den preisgekrönten Roman- und Drehbuchautor war das eine gleichzeitig beglückende und bedrückende Erfahrung.
  • Er berichtet in seinem neuesten Buch von "Singen als Hochleistungssport" und einem "Klima der ständigen Angst".
Von Felicitas Amler

Christopher Kloeble ist 35 Jahre alt. Im Rückblick auf seine Kindheit sieht der in Königsdorf aufgewachsene preisgekrönte Roman- und Drehbuchautor, der heute in Berlin und Delhi lebt, manches genauer, analytischer, kritischer. Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre sang Kloeble im Tölzer Knabenchor. Für den Jungen damals eine gleichzeitig beglückende und bedrückende Erfahrung. "Ich bin sehr dankbar für die musische Ausbildung", sagt er heute.

Aber als Erwachsener stellt er doch die Bedingungen in Frage, unter denen die Knaben auf gutes Singen "getrimmt" wurden. Und er erinnert sich, was er seinerzeit "voll nervig" oder "eklig" fand. Das glänzende Bild des weltberühmten Chors erhält durch Kloebles Schilderung einige Flecken. Vom Chor und seinem Gründer Gerhard Schmidt-Gaden gibt es dazu trotz mehrmaliger Nachfrage keine Stellungnahme.

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"Emotionaler Terror", "extremer Druck", "Singen als Hochleistungssport", "Klima der ständigen Angst": Das sind Begriffe, die Kloeble zu seiner Zeit beim Tölzer Knabenchor einfallen. Wenn man zur Elite der Chöre weltweit gehören wolle, sei es wohl normal, so überlegt er, dass man die Kinder "trimmen muss". Doch bei den Knaben sei eine Schwelle überschritten worden.

Die Vorwürfe treffen in erster Linie Gerhard Schmidt-Gaden. Ein Beispiel, das dessen Führungsstil, wie Kloeble ihn erlebt hat, illustriert, ist eine Probe zu einem wichtigen Konzert, bei der die jungen Sänger nicht funktionierten, wie sie sollten. Da habe der Chorleiter die Kinder angebrüllt, sie seien "ein Haufen Arschlöcher".

Als Kind sei man in solchen Situationen hin- und hergerissen, sagt der Autor. Denn schon bei nächster Gelegenheit sei man womöglich als ganz toll singendes Riesentalent gelobt und herausgestellt worden. Schließlich sei ein Tölzer Knabe ja wirklich etwas Besonderes: Mal ein Konzert mit Claudio Abbado, mal eine Reise nach Florenz, nach Japan ... Die Reisen hatten es allerdings nach Kloebles Erfahrung auch in sich. Es waren die Gelegenheiten, bei denen der ganze Chor - der ja kein Internatsbetrieb ist - gemeinsam übernachtete.

Kitzeln, Knuddeln, Küsschen geben

Und da sei es üblich gewesen, dass morgens Schmidt-Gaden, aber auch andere Gesangslehrer an die Betten der Buben gekommen seien, um sie zu kitzeln und zu knuddeln. So, wie es vorgekommen sei, dass ein Junge, der während einer Probe auf die Toilette gehen wollte, davor Schmidt-Gaden einen Kuss geben musste. Diese "körperlichen Dinge" hätten "sicher einen Grad überschritten", meint der Autor heute, betont aber, "krasse Übergriffe", wie sie bei den Regensburger Domspatzen entdeckt wurden, habe er nicht erlebt.

Was die Vermittlung des Singens im Tölzer Knabenchor angeht, so spricht Kloeble von der "emotional brutalsten und einfachsten Art". Dazu zählt er auch die pädagogisch fragwürdigen "Geldmaßnahmen": Jedes noch so kleine "Vergehen" sei mit Honorarentzug bestraft worden: "Bleistift vergessen? Fünf Mark Abzug! Bettruhe gestört? Zwanzig Mark Abzug ..."

Hänseleien wegen Kloebles Übergewicht

Und dann gab es noch die persönliche Drangsal, die der Tölzer Knabe Kloeble erlitt. Er sei damals übergewichtig gewesen, erzählt er. Und Schmidt-Gaden alias "der Chef" habe auf einer der Busfahrten ein Volkslied zum höhnischen Spottlied auf ihn umgedichtet und vorangetrieben, dass alle Knaben es sangen: "Das Fass von Königsdorf". Der Autor beschreibt diese Szene in seinem aktuellen Buch "Home made in India", spricht von der Qual des dicken Jungen, der sein Weinen nicht unterdrücken kann, der sich schwört, er werde nie mehr zulassen, dass jemand ihn so fertig macht: "Dies war das letzte Mal. - Es bleibt nicht das letzte Mal. Sechs Jahre lang bin ich ein Tölzer Sängerknabe."

Bis zum Stimmbruch musste Christopher Kloeble bleiben. Danach habe er nie wieder gesungen - "außer unter der Dusche". Gerhard Schmidt-Gaden, der 2016 im Alter von 78 Jahren die Leitung seines Chors abgegeben hatte, ist nach Auskunft der Pressestelle heute noch in der Unterrichtung der Solisten aktiv.

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