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Für Mensch und Umwelt:Ein Stück Bienenglück

Noch liegt der Acker von Franz Grenzebach brach. Doch bald sollen dort Kornblumen,Wiesenkümmel, Wilde Möhre und Sonnenblumen blühen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Landwirt Franz Grenzebach bietet auf einem 20 000 Quadratmeter großen Acker in Kempfenhausen bei Münsing Patenschaften für Parzellen an, auf denen Blühwiesen für Insekten entstehen sollen. Neben der Artenvielfalt soll das Pionierprojekt das Verhältnis zwischen Bauern und Verbrauchern verbessern.

Der Acker von Franz Grenzebach bei Kempfenhausen wirkt unscheinbar. Ins Blickfeld drängen zunächst die vier riesigen Berger Windräder im Osten. Deren Rotorblätter drehen sich am Horizont. Noch hat der Landwirt aus Weipertshausen (Gemeinde Münsing) den Boden nicht für das Frühjahr bearbeitet. Zwischen den dunklen Erdschollen liegen noch Strünke von alten Maispflanzen. Jetzt wäre es eigentlich Zeit, den Acker für den Getreideanbau vorzubereiten. Doch der 25-Jährige hat sich umentschieden. Bald schon sollen auf den 20 000 Quadratmetern Kornblumen, Wiesenkümmel, Wilde Möhre, Sonnenblumen oder Winterkresse blühen. Dafür bietet Grenzebach Patenschaften für Parzellen für Privatleute gegen eine Pachtgebühr an.

Erst am 18. Februar hat der junge Landwirt die Idee auf seiner Facebook-Seite gepostet. Bislang hätten schon an die 100 Leute zugesagt, eine Patenschaft übernehmen zu wollen, berichtet er. "Von der großen Resonanz war ich überrascht." Wer mitmachen will, zahlt etwa für 100 Quadratmeter eine Jahresgebühr von 30 Euro. Die Patenschaft gilt für drei Jahre, kostet also insgesamt 90 Euro. Die meisten Interessenten stammten aus der Region - von Starnberg und Kempfenhausen bis nach Wolfratshausen und Geretsried - sagt Grenzebach. Sogar ein Unternehmen aus Hannover habe sich gemeldet.

In Bayern waren 520 Bienarten heimisch, 40 davon sind bereits verschwunden.

(Foto: Renate Schmidt)

Mit seinem Projekt will der junge Mann etwas für die Artenvielfalt tun. Vor allem wolle er das schwierige Verhältnis zwischen Bauern und Verbrauchern verbessern. Gerade konventionell wirtschaftenden Landwirten wie ihm und seinem Vater werde oft unterstellt, zu den "Bösen" zu gehören. Bio-Landwirte seien in dieser Sichtweise die "Guten". Dieses Schwarz-Weiß-Schema stört ihn. "Für uns Landwirte ist es das höchste Gebot, nachhaltig zu wirtschaften", sagt er. Alle seien schließlich auf fruchtbare Böden angewiesen, die erhalten werden müssten. Das gelte insbesondere für die klein strukturierten Betriebe in der Region.

Auf dem Acker bei Kempfenhausen baut die Familie schon seit Jahrzehnten Getreide, Ackergräser und Silomais im Wechsel an. Den Grund hat sie von einem Onkel gepachtet. Etwa 45 Hektar Acker und Grünland bewirtschaftet die Familie rund um den alleinstehenden Hof außerhalb von Weipertshausen. Mit 55 Kühen plus Nachzucht zählen die Grenzebachs zu den größeren Milchviehhaltern in der Region.

Für sein Blühwiesen-Projekt haben viele Grenzebach auch kritisiert. Gegen den Vorwurf, er wolle damit nur abkassieren, wehrt er sich. Schließlich bedeute die Patenschaftsidee auch viel Arbeitsaufwand. Er müsse säen und vor allem die vielen Anfragen am Computer beantworten. Schließlich müssten auch die Verträge ausgearbeitet und vieles Bürokratisches mehr erledigt werden. "Ich bin Vollerwerbslandwirt", sagt er. "Ich muss von den Flächen leben können." Auf die staatlichen Fördergelder für das Anlegen von Blühwiesen verzichte er. "Ich will das nicht zum Geschäftsmodell machen."

Blühwiese auf  
beim Andechser Sonnenacker

So öhnlich soll es bald auf dem Kempfenhausener Acker aussehen...

(Foto: Schmdarer)

Im Mai will Grenzebach seine vielfältige Blühmischung aussäen. Wichtig seien besonders viele einheimische Pflanzenarten, schildert der junge Mann. Deshalb habe er sich eigens bei der Naturschutzbehörde in Bad Tölz informiert. Ausgewählt habe er die Mischung "B 48 Lebendiger Acker Frisch". Das Saatgut sei als "Qualitätsblühmischung Bayern" zertifiziert.

Entwickelt sich alles so wie Grenzebach es sich vorstellt, kann er auf eine Mahd oder Pflegemaßnahmen verzichten. So schaffe er für Insekten und weitere Lebewesen einen "gedeckten Futtertisch". Dafür etwas zu tun, findet er wichtig. Von einigen befreundeten Imkern habe er gehört, dass sich gerade die Bienen auf der Futtersuche im Sommer schwertäten. Denn viele Wiesen seien dann abgemäht.

In der Region zählt Grenzebach mit seinem Blühwiesen-Projekt zu den Pionieren. Von weiteren konkreten Vorhaben dieser Art hat der Tölzer Bauernobmann Peter Fichtner noch nichts gehört. Aus seiner Sicht ist die Idee unterstützenswert. "Alles, was besser als der Fleisch- oder Milchpreis ist, ist existenzsichernd", sagt er. Schließlich seien alle Landwirte Gewerbetreibende. So wie jeder Handwerker müssten sie von ihrer Arbeit leben können.

Der Nebenerwerbslandwirt hatte das Volksbegehren "Rettet die Bienen" kritisch beurteilt. Durch solche Blühwiesen-Projekte zeige sich, ob die Bevölkerung bereit sei, für den Artenschutz Geld in die Hand zu nehmen oder die Unterschriftenaktion eine Art "moderner Ablasshandel" bleibe. Ob es sinnvoll sei, Ackerflächen in Blühwiesen umzuwandeln, sei wieder eine andere Frage. Es habe schon Zeiten gegeben, da hätten die Bauern ihr Getreide an die Verbrennung abgegeben. Denn damit hätten sie wegen der damals niedrigen Lebensmittelpreise mehr verdient.

Zum Einkommen von Landwirten tragen auch staatliche Fördergelder bei. Etwa 300 Euro pro Hektar landwirtschaftlich bewirtschafteter Fläche macht laut Fichtner die sogenannte Betriebsprämie im Jahr aus. Sie wird unabhängig davon ausbezahlt, was angebaut wird. Hinzu kämen Vertragsnaturschutzprogramme, sagt der Tölzer Bauernobmann. "Da wird aber nur der erhöhte Aufwand bezahlt."

Über das Kulturlandschaftsprogramm (KULAP) können Bauern Fördergelder beantragen, wenn sie die Artenvielfalt auf dem Acker erhöhen. Die Landwirte können zwischen zwei Varianten für ein oder fünf Jahre wählen, heißt es aus dem Holzkirchner Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF). Dafür bekommen die Bauern 600 Euro pro Hektar jährlich. Sie müssen spezielles Saatgut verwenden und die Pflanzen auch längerfristig zum Blühen bringen. Allerdings nutzen laut AELF nur wenige diese Programme. Das liege wohl daran, dass die Fördergelder gerade so den größeren Aufwand deckten. Allerdings rät das AELF bei Blühwiesen-Patenschaften davon ab, gleichzeitig Förderprogramme abzurufen. Wollten die Paten etwa die Flächen betreten, könne das problematisch sein.

Für die Landwirte, so sagt Fichtner, sei das Finanzielle gar nicht das Hauptproblem. "Wir sind magere Jahre gewohnt." Viel schlimmer sei, dass die Bauern einseitig für das Artensterben verantwortlich gemacht würden. Die Leute debattierten zu wenig darüber, dass der allgemeine Lebensraumverlust das Insektensterben vorantreibe, kritisiert der Bauernobmann. Die Bevölkerung im Freistaat wachse. Damit nehme die Infrastruktur zu. Alles werde zugebaut. Autobahnen und Straßen zerschnitten die Landschaft.

Unter vielen Bauern sitzt der Frust laut Fichtner tief. Im Landkreis seien etwa 50 bis 60 Prozent Nebenerwerbslandwirte. Einige würden überlegen, aufzuhören. Schuld daran sei die mangelnde Wertschätzung, sagt er. "Noch nie haben wir aber so hochwertige Lebensmittel produziert wie derzeit." Ändere sich politisch und gesellschaftlich nichts, würde der Konzentrationsprozess umso schneller voranschreiten. Bald werde es nur noch Milchviehbetriebe mit mindestens 25 Kühen geben.

Das Verhältnis zwischen Landwirten und Verbrauchern zu verbessern, ist für den Münsinger Jungbauern Grenzebach entscheidend. Für seinen Blühwiesen-Projekt will er Informationstafeln am Acker aufstellen. Die Paten bekommen ein Zertifikat und einen Lageplan für ihren erworbenen Grundstücksanteil. Grenzebach könnte sich auch vorstellen, Menschen zu Veranstaltungen an der Wiese einzuladen. Auf der eigens gestalteten Homepage sollen auch Bilder vom Projekt zu sehen sein.

Seit 1965 hat die Familie Grenzebach ihren Hof außerhalb von Weipertshausen. Der Großvater habe den Betrieb aus dem Ortskern herausverlagert und einen der ersten Laufställe gebaut, erzählt Grenzebach. Er selbst habe sogar auf einem biologischen Betrieb gelernt. Die eigene konventionelle Landwirtschaft darauf umzustellen, sei zu aufwendig. Die Mehrarbeit könnten er und sein Vater nicht leisten. "Beide Landwirtschaftsarten leisten einen wichtigen Beitrag für die Kulturlandschaft."

Infos: www.bluehpatenschaft-starnberger-see.de