Europawahl im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen Europa? Positivo!

In Benediktbeuern treffen sich beim Stammtisch namens "Tertulia" regelmäßig Spanisch sprechende Landkreisbürger. Die Biografien der internationalen Gruppenmitglieder zeigen, was durch die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union alles möglich wird.

Von Klaus Schieder, Benediktbeuern

Gustavo Calvino Torres hat lange in Spanien gearbeitet. Als Installateur für die Bewässerung war er in Murcia und Alicante auf Obst- und Gemüseplantagen angestellt, die wie kleine Städte aus lauter Gewächshäusern aussehen, in denen Orangen und Mandarinen, Auberginen, Tomaten und Zucchini für die Supermärkte in Europa produziert werden. Er hatte etliche Nordafrikaner als Kollegen, vor allem aber Spanier. Von ihnen hörte der 46 Jahre alte Argentinier nach eigenem Bekunden niemals ein schlechtes Wort über die Europäische Union. Auf die Frage, ob die Iberer denn wirklich Freunde Europas seien, zögert Torres keinen Moment. "Si", sagt er. Und bekräftigt nochmals: "Si." Und wie sieht man die EU in seiner fernen Heimat Argentinien? Auch da muss er nicht lange überlegen: "Positivo."

So viel Zustimmung zur EU wie beim Spanisch-Stammtisch, der sich einmal im Monat in Benediktbeuern trifft, ist in den Zeiten der Orbans, der Salvinis und der Brexiteers fast schon aus der Mode. "Tertulia" heißt die Runde, die von der inzwischen verstorbenen Margit Klein gegründet wurde. Diese Vokabel aus dem Spanischen bedeutet einfach nur "Stammtisch". Evi Werner, die einst in München lebte und dann nach Benediktbeuern zog, war eine gute Freundin der Gründerin. "Der Stammtisch kam zustande, weil einige Südamerikanerinnen mit Deutschen oder Bayern in Benediktbeuern verheiratet waren, und sie wollte, dass sie sich hier eingewöhnen und Anschluss bekommen", erzählt Evi Werner.

Jeden Monat treffen sich in Benediktbeuern Muttersprachler und Spanischsprechende zum Stammtisch. Zwischen zwei und 15 Personen diskutieren dann angeregt miteinander.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Um die EU drehen sich die Gespräche der Tertulia, die an diesem Abend im spärlich besetzten Klosterbräustüberl zusammengekommen ist, sonst eher selten. "Europa ist ziemlich selbstverständlich in Spanien", sagt Leiterin Monika Roehle. Dort sei man auch viel mehr mit dem Konflikt mit Katalonien beschäftigt. Torres, dessen Großvater im spanischen Galizien geboren wurde, hat in seinen 13 Jahren in Spanien auch in dieser Region im Nordosten des Landes gearbeitet. Die Menschen wollten dort zwar ein unabhängiges Katalonien, erzählt er, "aber nicht, dass Spanien aus der EU austritt." Roehle wirft ein, dass die Katalanen selbst einen getrennten Vertrag mit der EU anstrebten.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist ein anderes Problem, mit dem Spanien zu kämpfen hat. Darauf weist Franz Damm hin. Sein Sohn ist mit einer Spanierin verheiratet und lebt mittlerweile in Nordspanien. In Bad Wiessee gebe es spanische Pflegekräfte, erzählt der Diplom-Ingenieur und Elektrotechniker aus Penzberg. Sie seien froh, "dass sie hier herkommen können" - dank der Freizügigkeit in der EU. Wenn er Pressemeldungen aus Spanien lese, habe er darin noch "nichts gegen Europa gefunden", sagt Damm. Dabei gehört das Land zu den Mittelmeer-Anrainern, die wie Italien, Griechenland oder Malta unmittelbar mit der Flüchtlingskrise konfrontiert sind. Evi Werner, die häufig spanische Tageszeitungen wie "El Pais" oder "El Mundo" studiert, sieht das Land in dieser Frage gespalten: "Die einen sind dafür, die anderen dagegen, die Häfen für Flüchtlingsschiffe zu öffnen."

(Foto: )

In der Tertulia mit ihren vier bis 15 Teilnehmern dreht sich nicht alles bloß ums Spanische. Der Stammtisch ist ziemlich international. Diethard Baron, emeritierter Professor für Molekularbiologie aus Penzberg, spricht auch noch Englisch, Italienisch und Französisch und scherzt, als Rentner müsse man beschäftigt sein, "sonst macht man nur Blödsinn". Monika Roehle, die Bad Kreuznach geboren wurde, kam schon als Vierjährige mit ihren Eltern nach Michigan in den USA, wuchs dort auf und studierte fürs Lehramt. Spanisch lernte sie auf die harte Tour: Über eine Freundin nahm sie an einem 16-wöchigen Sprachkurs an der Universität teil, wo sie tagtäglich zehn Stunden pauken musste. "Nach drei Wochen habe ich nur noch Spanisch gedacht", erinnert sich die Penzbergerin. Üben konnte sie ihre Spanischkenntnisse dann in einem Job als Geschirrspülerin in einer Universitäts-Kantine, womit sie ihr Studium finanzierte. Das Küchenpersonal stammte dort meist aus Lateinamerika. Als die Rede am Stammtisch in diesem Zusammenhang auf den US-Präsidenten Donald Trump kommt, verdreht die Übersetzerin, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt, nur die Augen.

Vor der Europawahl am 26. Mai macht man sich am Spanisch-Stammtisch durchaus Sorgen um die Zukunft der EU. Sie sei "von innen und außen gefährdet", sagt Roehle. Von außen durch ein erstarkendes China, das sich anschicke, die Welt zu beherrschen. Von innen durch Rechtspopulisten. Der um sich greifende Nationalismus macht auch den anderen Tertulia Mitgliedern zu schaffen. Die Europäische Union bröckle schon ein wenig, meint Damm. Deshalb findet es Baron nicht schlecht, dass der Brexit bislang so chaotisch verläuft, denn andere Länder würden durch dieses Beispiel Großbritanniens von etwaigen Austrittsgedanken abgeschreckt. "Prinzipiell besteht aber Gefahr, nationale Interessen haben eine Spaltfunktion."

Die Wünsche der Mitglieder von Tertulia für die Zukunft der Europäische Union sind denn auch klar. Monika Roehle sagt: "Zusammenhalt und Kraft." Diethard Baron: "Mehr Einigkeit." Evi Werner: "Dass die EU nicht auseinanderbricht." Und Gustavo Calvino Torres: "Continuidad."